ZWISCHEN ERBE UND MODERNE
Archiv der Ausgabe 1 | 3. Jahrgang | Winter 2006/07
- Gespräch mit Prof. Dr. Johanna Wanka, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg
Seit dem Jahr 2000 ist Prof. Dr. Johanna Wanka Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. In der Beliebtheitsskala der Landespolitiker sehen die Brandenburger die Ministerin hinter Matthias Platzeck auf Platz 2. Im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus sprachen wir mit der Ministerin über die Hochschullandschaft Brandenburgs, familienfreundliche Studienbedingungen, Kunst zwischen Erbe und Moderne und kulturelle Entdeckungen zwischen Prignitz und Spreewald.
Warum wählten Sie das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst als Ort für dieses Gespräch?
Peter HuchelBRANDENBURG
„Ach, wie die Nachtviole lieblich dufte!“ Kleist
Hinter erloschenen Teeröfen
ging ich im Brandgeruch der Kiefernheide,
dort saß ein Knecht am Holzhauerfeuer,
er blickte nicht auf,
er schränkte die Säge.
Noch immer tanzt abends
der rote Ulan
mit Bauerntöchtern auf der Tenne des Nebels,
die Ulanka durchweht
von Mückenschwärmen über dem Moor.
Im Wasserschierling
versunken
die preußische Kalesche.
Das Peter-Huchel-Haus ist Gedenkstätte und Literaturhaus in einem.
Peter-Huchel-Haus
Hubertusweg 41
14552 Wilhelmshorst
Tel.: 03 32 05 / 6 29 63 www.peter-huchel-haus.de
Kleist, Brecht, Tucholsky, Strittmatter, Hauptmann Brandenburg hat reiche literarische Traditionslinien. In diesen Kontext gehört auch Peter Huchel, der nicht so bekannt ist. Wir freuen uns, dass wir dieses Haus haben, das uns den Dichter Huchel und sein wechselvolles Schicksal näherbringt.
Huchels Ansehen gründet sich auch auf seine Tätigkeit als Chefredakteur von „Sinn und Form“. Diese Hefte waren in der DDR weit mehr als nur eine Literatur-Fachzeitschrift.
Übrigens haben rund 200 Orte Brandenburgs biographische Bezüge zu Literaten. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur unterstützt seit 1997 das Projekt „Märkische Dichterlandschaft“, das diese literaturhistorischen Zusammenhänge erforscht und stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt. So macht das Peter-Huchel-Haus auf Wilhelmshorst aufmerksam, ebenso wie der Ort auf seine Dichter aufmerksam macht.
Der Verantwortungsbereich Ihres Ministeriums ist ausgemacht zukunftsorientiert. Wie sehen Sie Brandenburgs Zukunft?
Brandenburg hat nun mal keine Bodenschätze, so dass Bildung, Wissenschaft und Forschung großgeschrieben werden. Das ist keine Zukunftsmusik, daran arbeiten wir. Dafür spricht auch der Landeshaushalt. Trotz sinkender Gesamtausgaben wird bei Bildung, Wissenschaft und Forschung nicht gespart, ganz im Gegenteil: Hier wurde noch mal zugelegt. Die Zukunft Brandenburgs liegt in den Händen der Menschen – ihrem Innovationsgeist, Forscherdrang, kreativen Potential. Das erfordert natürlich gute Rahmenbedingungen. Nur wer sich wohlfühlt, Wurzeln hat, wird nach Studium und Ausbildung hierbleiben bzw. hierher zurückkehren. Dabei spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Sie schafft diese Verbundenheit. Die dörfliche Struktur des Landes empfinde ich durchaus als Vorteil. Zusammengehörigkeit statt Anonymität, Aufmerksamkeit statt Namenlosigkeit.
Übrigens, allen Schwarzmalern zum Trotz: Belegte Brandenburg bei der ersten PISA-Studie noch einen deprimierenden Platz, waren wir bei der folgenden Untersuchung das Bundesland mit der größten Verbesserung.
Viel Anerkennung bekamen und bekommen Sie für Ihren Beitrag beim Auf- und Ausbau der Brandenburger Hochschullandschaft. Wie positioniert sich das Land heute innerhalb der Bundesrepublik?
Von allen neuen Bundesländern hatte Brandenburg nach der Wende die ungünstigste Ausgangssituation, das Verhältnis von Studenten pro Einwohner ergab den niedrigsten Koeffizienten.
Da ist in den letzten 15 Jahren enorm viel passiert. Das Land hat drei Universitäten und Fachhochschulen in Eberswalde, Brandenburg/Havel, Potsdam und Wildau sowie in der Lausitz mit Standorten in Senftenberg und Cottbus und zusätzlich ein funktionierendes System der Weiterbildung. Gegenwärtig studieren etwa 41.000 junge Menschen an Brandenburgs Hochschulen.
Nun erweist es sich als vorteilhaft, dass neue Studiengänge aufgebaut wurden, die sich an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientieren. Wir haben auch vorausschauend die demografische Entwicklung eingeplant.
Brandenburg belegt heute bei mehreren Kennziffern Spitzenplätze, z. B. bei der Einwerbung von Drittmitteln durch die Professoren. 85 Prozent der Studiengänge sind im Land auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt, bundesweit sind es 45 Prozent. Besonders erfreulich finde ich, dass wir familienfreundliche Studienbedingungen bieten. Nach Bremen und Rheinland-Pfalz haben wir den höchsten Anteil an Studentinnen. Ich werde mich dafür stark machen, dass wir das familienfreundlichste Studienland werden.
Sie sind Mathematikerin. Hilft Ihnen die Fähigkeit zum abstrakten Denken und zur wissenschaftlichen Analyse in der praktischen Politik oder ist sie eher hinderlich, da Politik immer mit Interessen, die häufig parteipolitisch oder emotional aufgeladen sind, verbunden ist?
Natürlich beeinflusst mein mathematisches Vorleben meinen Stil und mein Verständnis von Politik, was Adjektive wie „logisch“, „systematisch“ und „strukturiert“ am besten beschreiben. Das hilft mir bei neuen Aufgabenfeldern, aus losen Enden, isolierten Argumentationssträngen, Einzelgedanken und Daten eine logische Struktur zu formen.
Als Mathematikerin ist man auch vor der Krankheit der „Zahlengutgläubigkeit“ geschützt, da man weiß, wie viele Faktoren das Erheben, Auswerten und Interpretieren von Daten beeinflussen. Ich schalte meinen gesunden Menschenverstand angesichts einer Zahlenkolonne nicht aus, setze grundsätzlich auf fundierte Konzepte und Leitideen.
Wir im Osten hatten nach der Wende viele Bürgermeister, Stadt- und Landräte mit einem naturwissenschaftlichen oder technischen Lebenshintergrund. Ganz einfach, weil diese politisch weit weniger belastet waren. Es war faszinierend zu sehen, wie verschiedenartig sich die Denk- und Herangehensweise dieser „Politikungewohnten“ gestaltete.
Kultur in Brandenburg ist mehr als Sanssouci. Es gibt im Land rund 350 Museen, mehr als 10.000 Baudenkmäler, 500 Schlösser und Herrenhäuser, Chöre und Orchester, Theater und Galerien. Ist es da nicht eine fast unlösbare Aufgabe, die nicht gerade üppigen Mittel für Kulturförderung zu verteilen?
Die kulturelle Dichte zeigt, wie reich dieses Land ist. Kulturförderung gehört auch zu den kommunalen Aufgaben, so dass zuerst die Frage beantwortet werden muss, was die Aufgaben des Landes sind. Als Ministerium haben wir zwei Richtungen zu verfolgen. Da ist zum einen die „Hochkultur“ – die Schlösser und Gärten in Potsdam, Rheinsberg und Branitz seien als Beispiele genannt sowie die Theater und Orchester – und zum anderen die Kultur im Flächenland. Ersteres ist viel einfacher, weil überschaubar und klar strukturiert.
Im Flächenland hat sich – auch mit der Unterstützung des Ministeriums – eine Reihe von Projekten etabliert, die erfolgreich arbeiten. Da ist zum Beispiel der Verein „Kulturland Brandenburg“, der seit 1998 die gleichnamige Kampagne veranstaltet. Jedes Jahr wird ein Thema gewählt, das in ein Paket interessanter, vielfältiger Veranstaltungen im ganzen Land geschnürt wird. Im Jahr 2005 war das Thema „1.000 Jahre Christentum in Brandenburg“, 2006 stand der 225. Geburtstag von Karl Friedrich Schinkel im Mittelpunkt. Fast 313.000 Menschen haben die Veranstaltungen rund um das Thema Baukultur besucht. 2007 steht ganz im Zeichen des Elements Wasser. Dabei reicht die Bandbreite von Aspekten der Industriekultur über die Darstellung des Elements Wasser in den Künsten bis hin zu ökologischen Aspekten.
Stets werden im Vorfeld Ideen gesammelt und Projekte eingereicht. Ein Expertengremium entscheidet, wie die Mittel verteilt werden. Es gibt eine gemeinsame Marketingkampagne, die eine höhere Wirksamkeit erzielt als Kampagnen der einzelnen Projekte das allein könnten. Die „Kulturland-Brandenburg“-Reihe bedeutet auch, dass ganz verschiedene Bereiche ins Gespräch kommen, Netzwerke wachsen und Nachhaltigkeit entsteht.
Als zweites wichtiges Projekt für das Flächenland Brandenburg möchte ich den Verein „Kulturfeste e. V.“ nennen, in dem über 60 Veranstalter organisiert sind. Die Angebote umfassen alle Kunstbereiche und die Veranstaltungen finden im ganzen Land statt.
… sozusagen: Kultur, auch zu Fuß erreichbar?
Ja, dass diese räumliche Nähe wichtig ist, ist statistisch belegt. 2005 gaben wir eine Umfrage unter den Besuchern der Brandenburger Kulturfeste in Auftrag, um zu ermitteln, woher sie kommen, was sie erwarten, welche Angebote fehlen. Interessant war unter anderem, dass sich der „typische Brandenburger“ für Kulturveranstaltungen nicht weiter als 50 Kilometer von seinem Wohnort wegbewegt. Das ist für alle wichtig, die Kultur und Tourismus organisieren. Kultur in meinem Dorf, in meiner Stadt lässt auch jene Verbundenheit entstehen oder wachsen, die ich anfangs schon erwähnte.
Die Umfrage ergab auch, dass die Berliner an Brandenburg besonders die Verbindung von Kunst und Natur lieben. Gern nutzen die Hauptstädter Komplettangebote, die Besichtigungen, Gespräche, Spaziergänge, Theaterbesuche, Lesungen, Tanzabende oder Konzerte enthalten.
In vielen Orten des Flächenlandes Brandenburg gibt es ein bemerkenswertes kulturelles Leben, das meist von Vereinen / Interessengemeinschaften organisiert wird. Welche finden Sie ganz besonders bemerkenswert?
Solche Aufzählungen laufen immer Gefahr, dass man Wichtiges vergisst.
Beeindruckend sowohl künstlerisch als auch vom Engagement vor Ort ist das „Rohkunstbau-Kulturfestival“ in Groß Leuthen, das 1994 von dem Augenarzt Arvid Boellert ins Leben gerufen wurde. Jeden Sommer verwandelt sich das Schloss, das auf den Grundmauern einer Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert steht, in einen unkonventionellen Ort für Künstler aus aller Welt. 2006 begann die für drei Jahre konzipierte Ausstellungstrilogie DREI FARBEN – BLAUWEISSROT, inspiriert von Krzysztof Kieslowskis Filmtrilogie. Schirmherr ist der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso. Seit 1994 entstanden in Groß Leuthen Werke, die international rezensiert wurden und auch die Bewohner des Ortes einbezogen.
Nennen möchte ich auch die Panzerhalle Groß Glienicke, die sich auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne befindet. Längst ist das Atelierhaus ein anerkannter Ort bildender Kunst im Land und die Ausstellungen bereichern das brandenburgische Kulturleben.
Ein spannendes Fest für neue Musik ist das „Bebersee-Festival“. Aus einem ehemaligen Flugzeughangar in Groß Dölln entstand ein akustisch vollwertiger Konzertsaal, der alljährlich Musikfreunde in die Schorfheide zieht. Organisiert wird das „Bebersee-Festival“ von dem gefragten Konzertpianisten Markus Groh. Programm und Akustik sind so gut, dass der Deutschlandfunk regelmäßig Konzerte live übertrug.
Ich könnte noch so viel mehr erzählen, aber das sprengt sicher den Rahmen. Schade. Auch die verschiedenen Künstlerhöfe in Brandenburg sind typisch für Kultur im ländlichen Raum, sind Anziehungspunkte, bringen Kommunikation und sind oft eine ganz besondere Verbindung von Landschaft und Kunst.
Auf welches kulturelle Ereignis verzichten Sie trotz äußerst knappem Zeitbudget nie?
Das ist eine wirklich schwere Frage, da mir spontan sehr viel einfällt. Ich bin mir bewusst, dass ich privilegiert bin, weil ich zu vielen Ereignissen eingeladen werde. Dieses Privileg nutze ich dann – soweit es mein Zeitbudget irgendwie zulässt – und genieße Kultur in ihrer wunderbaren Vielfalt. Ich bin kein Politiker, der nur kurz sein Gesicht zeigt, vielleicht noch ein paar Worte sagt und dann schnell wieder losfährt. Nein, ich schaue mir die Ausstellung oder Aufführung an, lerne in den Gesprächen mit den Künstlern und freue mich über gute Diskussionen. Das macht reicher und öffnet neue Welten. So ist bei mir beispielsweise das Verständnis für moderne Musik gewachsen. Von der toleranten Zuhörerin wurde ich zur begeisterten Gern-Hörerin.
Auf welches kulturelle Ereignis im Jahr 2007 freuen Sie sich am meisten?
Schon wieder so eine Entscheidungsfrage, die zwingt, Ereignisse besonders hervorzuheben. Ganz besonders wichtig ist mir die Eröffnung des Archäologischen Landesmuseums im Pauli-Kloster der Stadt Brandenburg. Die Rettung des ehemaligen Dominikanerklosters St. Pauli in seiner wunderbaren Backsteingotik sowie das Erleben von 13.000 Jahren kulturellen Reichtums in seiner geschichtlichen Vielfalt sind ein wirklicher Zugewinn für das Land und darüber hinaus. Das Gespräch führten Jürgen H. Blunck und Brigitte Menge.
Zur Person Prof. Dr. Johanna Wanka
Fotos: Peter B. Kossok, http://www.kleine-euphorie.de/Nach dem Studium der Mathematik an der Universität Leipzig arbeitete Johanna Wanka als wissenschaftliche Assistentin an der technischen Hochschule Merseburg. 1980 promovierte sie zum Dr. rer. nat. und war anschließend in Lehre und Forschung an der Technischen Hochschule Merseburg tätig.
1993 erfolgte die Berufung auf die Professur „Ingenieurmathematik“ an der Fachhochschule Merseburg, deren Rektorin sie von 1994 bis 2000 war.
Johanna Wanka engagierte sich in der Bürgerbewegung der DDR, war u. a. Gründungsmitglied des „Neuen Forums“ in Merseburg. Seit 2000 ist Johanna Wanka Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. 2001 wurde sie Mitglied der CDU.
Johanna Wanka ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006






















