Zahnärzte sind fortbildungswütig
Archivbeitrag der Ausgabe 4 | 5. Jahrgang | Winter 2009
- Interview mit Jürgen Herbert, Präsident der Landeszahnärztekammer Brandenburg
Am 13. und 14. November fand in Cottbus der 19. Brandenburgische Zahnärztetag zum Thema Kinderzahnmedizin statt, veranstaltet von der Landeszahnärztekammer Brandenburg (LZÄKB). Dipl.-Stom. Jürgen Herbert, Jahrgang 1956, verheiratet und aus einer alten Cottbuser Zahnarztfamilie stammend, betreibt in Cottbus eine Zahnarztpraxis und gehört zu den Gründern der LZÄKB. Seit Bestehen der Kammer ist er ununterbrochen als deren Präsident gewählt worden, mittlerweile schon in der 5. Legislaturperiode. Seine Aufgabengebiete erstrecken sich auf die Berufs- und Standespolitik, das Versorgungswerk sowie den Bereich des Privaten Gebührenrechts. Wir sprachen mit ihm über die aktuellen Entwicklungen.

Jürgen Herbert, Foto: Jana Zadow
Herr Herbert, gerade in der Zahnmedizin entwickeln sich im Zusammenwirken von Medizin, Wissenschaft und Zahntechnik neue Behandlungsmethoden und Möglichkeiten. Implantologie und Veneers seien als Stichworte genannt. Wie bleiben Zahnärzte da stets auf dem Laufenden?
Zahnärzte sind fortbildungswütig. Das kann man unter anderem daran erkennen, dass 99,7 Prozent der brandenburgischen Zahnärzte ihre Pflichtfortbildung erfolgreich abgeschlossen haben. Die meisten haben die geforderten Punktzahlen weit überschritten. Zum guten Beispiel gehören unsere alljährlichen Zahnärztetage, die mit ihren zahlreichen Teilnehmern zu den großen Fortbildungskongressen in Deutschland gehören. Darüber hinaus betreibt die Landeszahnärztekammer Brandenburg mit der Zahnärztekammer Berlin ein gemeinsames Fortbildungsinstitut. Hier im „Philipp-Pfaff-Institut“ stehen stets die neuesten Behandlungsmethoden und Erkenntnisse für die Praxis auf dem Kursplan. Zahnmedizin bedeutet letztlich lebenslanges Lernen.
Die AOK Brandenburg bietet als erste gesetzliche Krankenkasse in Deutschland ihren Mitgliedern Zahnersatz aus dem Dentallabor in Slubice an. Ist das für Sie ein unmoralisches Angebot?
Unmoralisch nicht, aber unpraktisch. Für Zahnersatz aus dem Ausland gibt es viele Angebote. Über die Vor- und Nachteile von Billigzahnersatz kann man trefflich streiten. Ich persönlich bevorzuge Zahnersatz vom Labor um die Ecke. Der Kontakt ist direkt und ich kann besser Einfluss nehmen auf die Qualität des Zahnersatzes.
Wonach richtet sich die Auswahl des jeweiligen Dentallabors und wie stark kann man als Patient und „Endverbraucher“ selbst mitbestimmen?
Oft fühlen sich Patienten ja ein wenig hilflos dem Vorschlag ihres Zahnarztes „ausgeliefert“. Die Auswahl des Dentallabors obliegt im Regelfall schon dem Zahnarzt, da er wissen muss, wie er die Wünsche des Patienten am besten umsetzen kann. Ich glaube nicht, dass ein Patient sich darum Gedanken macht. Bei mir zumindest hat nur ganz selten einer danach gefragt, welches Dentallabor den Zahnersatz herstellt. Patienten äußern Preisvorstellungen, die man sicherlich dann bei der Auswahl des Dentallabors berücksichtigt. Ansonsten ist die Zusammenarbeit mit einem Dentallabor einer der schwierigsten Prozesse in der zahnärztlichen Berufsausübung. Ich habe es mal flapsig mit einer Ehe verglichen: Es gibt ganz viele Dinge, die man miteinander besprechen muss. Wo man wissen muss, wie der Partner auf der anderen Seite „tickt“. Und genau das ist der Grund, warum ich Auslandszahnersatz immer nur für die zweite Wahl halte.
Der Koalitionsvertrag formuliert neue Ziele in der zahnmedizinischen Versorgung der Bevölkerung. Was erwartet die Zahnärzteschaft von der neuen Bundesregierung?
Der Koalitionsvertrag hat keine neuen Ziele formuliert, sondern „nur“ unerfüllte Aufgaben aus den vorangegangenen Legislaturperioden übernommen. Auch die Forderungen der Zahnärzte sind dieselben wie zuvor geblieben: Wir fordern unter anderem eine Entbürokratisierung im Gesundheitswesen, denn mittlerweile verbrauchen wir fast genauso viel Zeit mit Schreibtischarbeit wie für unsere Patienten. Wir fordern mehr Wahlfreiheit für die Patienten, unter anderem zur Form ihrer Krankenversicherung. Wir im Osten fordern außerdem die Anpassung der Kassenhonorare an westdeutsches Niveau. Denn es kann nicht sein, dass wir im 20. Jahr eines einheitlichen Deutschlands immer noch fast 20 Prozent weniger Honorar für die gleiche Leistung erhalten.
Am 13. und 14. November fand in Cottbus der 19. Brandenburgische Zahnärztetag zum Thema Kinderzahnmedizin statt. Welche neuen Erkenntnisse vermittelte die Tagung den Teilnehmern?
Unerwartet neue Erkenntnisse waren nicht dabei, denn die Fortbildung zu allen Themenbereichen der Zahnmedizin läuft wie schon gesagt ja ununterbrochen. Interessant und wichtig war für mich der Vortrag von Dr. Christine Erfurt, die über das Erkennen von Kindervernachlässigung und -misshandlung in der Zahnarztpraxis referierte. In diesen Fällen kommt es sehr häufig zu Zahnschäden und der Zahnarzt ist oft der einzige Arzt, der dieses Kind dann zu Gesicht bekommt, damit die Zähne wieder gerichtet werden. Deshalb ist es wichtig, den Blick der Kollegen zu schärfen; die Sinne zu sensibilisieren für bestimmte Zeichen im Verhalten der Kinder oder Verletzungsmerkmale. Weitgreifend war auch der Vortrag von Dr. Lutz Laurisch zu persönlich abgestimmten Vorsorgemaßnahmen für das Kind. Wissenschaftliche Erkenntnisse der vergangenen Jahre haben nämlich eindeutig bewiesen, dass die spätere Zahngesundheit umso besser ist, je früher mit der Prophylaxe begonnen wurde. Unser Ansatz muss definitiv bei den Schwangeren beginnen und begleitet die Kinder als Hauszahnarzt möglichst weiter. Ein ganz wichtiges Standbein ist auch die Gruppenprophylaxe durch die zahnärztlichen Teams des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in den Kitas und Schulen. Unsere „Zahnärztlichen Prophylaxepässe“ im Land Brandenburg – aufgegliedert für Mutter & Kind, Vorschul- sowie Schulkinder – bilden eine solide Grundlage.
Informationen zur Landeszahnärztekammer
Die Landeszahnärztekammer Brandenburg, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und die Selbstverwaltung für die Zahnärzteschaft des Landes Brandenburg, besteht seit 1991. Die Aufgaben der Kammer sind vielseitig, so hat sie unter anderem die beruflichen Belange der Gesamtheit der Kammerangehörigen wahrzunehmen, die Berufspflichten der Kammerangehörigen zu überwachen, den zahnärztlichen Notfalldienst sicherzustellen, die berufliche Fort- und Weiterbildung zu fördern und bei Streitigkeiten zwischen Kammerangehörigen und Dritten auf Grund der zahnärztlichen Tätigkeit zu vermitteln. Außerdem ist die Kammer die zuständige Stelle für die Ausbildung der Zahnmedizinischen Fachangestellten. Momentan gehören 2 471 Zahnärztinnen und Zahnärzte der Landeszahnärztekammer Brandenburg an (1 659 als Praxisinhaber oder Sozius in freier Praxis, 209 angestellte Zahnärzte, 507 Senioren). Im Öffentlichen Gesundheitsdienst sind 33 Zahnärzte beschäftigt.
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2009






















