WILLKOMMEN IN „SOLAR VALLEY“
Archiv der Ausgabe 3 | 3. Jahrgang | Sommer 2007
Zwei Besonderheiten fallen dem Besucher der neuen Produktionsstätte des amerikanischen Unternehmens „First Solar“ in Frankfurt (Oder) sofort ins Auge: Bis auf die Büro-Angestellten tragen alle der insgesamt 400 Beschäftigten eine Schutzbrille und viele Kollegen legen die Entfernungen in der Halle am schnellsten mit dem Fahrrad zurück.
Foto: pixelio.deDie Dimensionen der 115 Millionen Euro teuren Anlage am Stadtrand hören sich gewaltig an: 800 Meter lang und 500 Meter breit. Mit 45 Millionen Euro subventionierten die EU und der deutsche Steuerzahler den Bau dieser weltgrößten Fabrik für Dünnschicht-Module, die vor allem in großen Freiluft-Sonnenanlagen eingesetzt werden.
Noch während des G8-Gipfels in Heiligendamm gehörte die Klimaschutzpolitik der US-Regierung zu den am meisten kritisierten Themen. Viel zu zögerlich würde sich George W. Bush für die Verringerung der schädlichen Treibhausgase einsetzen, lautete der Tenor der europäischen Kommentatoren. Doch kurze Zeit später korrigierte Umweltminister Sigmar Gabriel bei einem Besuch in Frankfurt (Oder) dieses Meinungsbild. „Nach außen hin mag es Differenzen in der Frage des richtigen Klimaschutzes zwischen unseren Ländern gegeben haben“, sagte der Minister. „In der Praxis aber funktioniert die Zusammenarbeit exzellent. Die Solarfabrik in der Oderstadt ist das beste Beispiel dafür“
Tatsächlich hält das im US-Bundesstaat Ohio beheimatete Unternehmen die von ihm auf große Glasplatten aufgebrachten Dünnschichtmodule für eine der effektivsten Möglichkeiten zur Nutzung der Sonnenenergie. „Wir werden mit unseren Produkten bald wettbewerbsfähig mit der konventionellen Stromerzeugung sein“, kündigte der Präsident von „First Solar“, Bruce Sohn, an. „Dann kommen wir auch ohne staatliche Förderung aus.“ Derzeit unterstützt jeder Bundesbürger monatlich mit einem Euro die Einspeisung von Strom aus Sonnen- und Windenergie in die großen Netze. Sonst würden sich die Investitionen in Windräder oder Sonnenkraftwerke nicht lohnen.
Spitzenplatz Brandenburg
In seiner Begeisterung über das Engagement der Firma aus Ohio wagte der US-Botschafter William R. Timken sogar einen etwas kühnen Vergleich: „Ostdeutschland ist das Solar-Valley für Europa“, sagte er in Anspielung auf das Hochtechnologiezentrum Silicon Valley bei San Francisco. Tatsächlich gibt es nirgendwo auf dem Kontinent eine solche Konzentration von Solarfabriken wie östlich der Elbe. Dabei gebührt dem Land Brandenburg sogar der Spitzenplatz. Denn nicht nur in Frankfurt (Oder) bestimmt die Branche der erneuerbaren Energien zunehmend das Wirtschaftsleben. „Mittelfristig entstehen in den hiesigen Solarfabriken rund 2 000 Arbeitsplätze“, erklärte Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU). „Bei uns wird jedoch nicht nur produziert. Auch als Kompetenzzentrum für moderne Energietechnologien machen wir uns zunehmend einen guten Namen.“
„First Solar“ mit seinen zunächst 400 Beschäftigten steht zwar derzeit noch auf Platz eins aller Produktionsstätten für Sonnenkollektoren. Schon im Herbst will die Hamburger Conergy AG in der einst für eine Chipfabrik gebauten Halle an der Autobahn mit 1000 Jobs die Arbeit aufnehmen.
US-Botschafter William R. Timken wird jedenfalls noch öfter Gelegenheit haben, den Osten als „Solar Valley“ zu preisen. Im südbrandenburgischen Senftenberg baut die US-Firma Energy Photovoltaics für 45 Millionen Euro eine Fabrik. Im Herbst 2008 soll hier die
Herstellung von Photovoltaik-Dünnschichtmodulen starten. In der ersten Ausbauphase liegt die Jahreskapazität bei 25 Megawatt. Das entspricht dem zweifachen Jahresstromverbrauch von Senftenberg mit seinen 29 000 Einwohnern.
Neues Arbeitsmodell
Mit der Solarindustrie kommen nicht nur völlig neue Berufsbilder nach Brandenburg, sondern auch ungewöhnliche Arbeitszeiten. So gilt bei „First Solar“ das Zwei-Schicht-System mit einer Arbeitszeit von jeweils zwölf Stunden. Die Beschäftigten sollen zwei bis drei Tage hintereinander jeweils von 6 bis 18 Uhr oder von 18 bis 6 Uhr an den Maschinen stehen, um dann die gleiche Anzahl an Tagen frei zu bekommen. Damit will die Firma die Anlagen in Frankfurt rund um die Uhr und an allen 365 Tagen des Jahres laufen lassen. Jedes zweite Wochenende müssen die Ingenieure, Arbeiter und Angestellten in der Fabrik zubringen. Abrechnungsgrundlage bleibt die 40-Stunden-Woche.
William Timken, US-Botschafter; Sigmar Gabriel, Umweltminister; Martin Patzelt, Oberbürgermeister Frankfurt Oder; Heiner Eichermüller, Geschäftsführer First Solar Manufacturing GmbH; Ulrich Junghanns, Wirtschaftsminister Brandenburg; Stephan Hansen, Geschäftsführer First Solar GmbH; Bruce Sohn, Präsident First Solar; Burkhard von Westerholt, Produktionsleiter First Solar Manufacturing GmbH (v. l. n. r.), Foto: First Solar„Wir sind mit unserer 12-Stunden-Schicht die Vorreiter in Brandenburg“, sagte Roswitha Biermann, Managerin bei „First Solar“. „Aber damit übernehmen wir nur die erfolgreiche Praxis aus unserem amerikanischen Partnerwerk in Perrysburg in Ohio.“ Die volle Auslastung der Anlagen sei nun einmal der entscheidende Punkt für die Effektivität. Von der Belegschaft gäbe es nur positive Resonanzen auf das Arbeitszeitmodell. Dadurch bliebe am Ende sogar mehr Zeit für die Familien, meinte Biermann. Unter den Beschäftigten befinden sich 40 Frauen und Männer, die dank „First Solar“ wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, nachdem sie Frankfurt wegen fehlender Arbeit verlassen hatten. „Neben jungen Einsteigern haben wir bewusst auch auf die Erfahrung von älteren Arbeitnehmern gesetzt“, sagte der Geschäftsführer Heiner Eichermüller. „Das zeigt der Altersdurchschnitt. Unsere Kollegen sind zwischen 19 und 61 Jahre alt. Jeder sechste Beschäftigte ist sogar älter als 50 Jahre.“ Ein Drittel der Belegschaft sei vorher arbeitslos gewesen. 120 Beschäftigte erhielten eine mehrwöchige Ausbildung in den USA.
Einer der größten Abnehmer für die Solarscheiben ist die Baustelle für das weltweit größte Photovoltaik-Kraftwerk in Brandis bei Leipzig. Bis Ende 2009 entsteht hier auf einer Fläche von 200 Fußballfeldern eine riesige Anlage zum Anzapfen der Sonnenenergie. Dieses Kraftwerk soll jährlich 40 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen und damit rund 250 000 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid einsparen.
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