Warum in die ferne schweifen …
Archivbeitrag der Ausgabe 2 | 6. Jahrgang | Sommer 2010
- von Matthias Berger
Wenn der Job, die Familie, teure Anschaffungen, die Vorlieben für Schnee und Eis oder ganz einfach die finanziellen Möglichkeiten einen ausgiebigen Sommerurlaub an exotischen Stränden oder in fernen Bergwelten nicht zulassen, bleibt oft nur die Alternative „Urlaub auf Balkonien“. Doch dabei muss es keineswegs langweilig zugehen. Wer die eigenen vier Wände als Ausgangspunkt für Tagesausflüge oder einen Kurzurlaub nutzt, kann mit Sicherheit im Land Brandenburg eine spannende und erholsame Zeit erleben. Auch für mehrtägige Ausflüge gibt es viele Möglichkeiten. Wir geben einige Tipps für den „Urlaub auf den letzten Drücker“ zu Wasser, zu Lande und auch in der Luft.

Foto: SCD
Eine Touristin aus der Umgebung von Stuttgart geriet auf einer Radtour durch den Osten Brandenburgs regelrecht ins Schwärmen: „Eure vielen Seen sind einfach toll. Die meisten Ufer sind unverbaut und frei zugänglich. Wunderbar.“ Spontan rief sie ihre Familie an und überredete sie dank der vielen Lobpreisungen zu einem Kurzurlaub auf dem Wasser. Mehr Details verriet sie noch nicht. Die Kinder sollten sich vorsichtshalber noch einmal nach den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn erkundigen. Das könnte nicht schaden.
Tatsächlich schipperte die Frau mit ihrer vierköpfigen Familie eine halbe Woche lang auf einem Floß über den Rhin bei Neuruppin. Der kleine Motor trieb das hölzerne Gefährt ganz ruhig über das Wasser und zu den ausgewiesenen Anlegestellen. Kein Geräusch störte die Idylle, hatten sich die Süddeutschen doch für ein mit Solarenergie angetriebenes Floß entschieden. Die Zellen auf dem Dach genügten für den Antrieb (www.estaruppin.de).
Sonnenuntergang in schönster Umgebung
Flöße haben sich als gelungene Kombination zwischen Haus- und Segelboot sowie Kanu durchgesetzt. Die meisten Exemplare sind eigene Entwicklungen der Verleiher und bieten ganz unterschiedlichen Komfort an Bord. Ausleihmöglichkeiten bestehen unter anderem in der Stadt Brandenburg (www.havelfloss.de) und auf dem Wentowsee in Ringsleben bei Fürstenberg (www.rentafloss.de). So wie für die Neulinge aus dem Stuttgarter Großraum bleiben nach einem Floßausflug vor allem die Nähe zur Natur und die Sonnenuntergänge beim Grillen in Erinnerung. Das trifft auch auf die Gäste des in Lychen in der Uckermark beheimateten Unternehmens Treibholz zu. Erfahrende Bootsmänner fahren mit großen Flößen auf die Seen und servieren unterwegs Kesselgulasch, Grillwürste oder Kaffee und Kuchen (www.treibholz.com).
Während der Spaß bei diesen Ausflügen erst auf dem fertigen schwimmenden Untersatz beginnt, bietet die Firma „Teamgeist“ ihren Gästen in Kolberg am Wolziger See südöstlich Berlins schon vorher viel Vergnügen. Denn auf dem Gelände des früheren Kasinos können Familien und Gruppen ihr Floß selbst bauen.
Es gibt zwar eine Zeichnung, kein Foto und erst recht keine Bauanleitung, sondern nur Stangen, Bretter, Seile, Gurte und Gummireifen. Aber das Fachsimpeln vor dem eigentlichen Loslegen macht mindestens genauso viel Freude wie das Verknoten der einzelnen Elemente. Falls alle Kindheitserinnerungen, diverse Möbelaufbau-Erfahrungen und handwerkliches Geschick nicht reichen, hilft ein Mitarbeiter mit f a chmänni s che n Ratschlägen. Nach etwa einer dreiviertel Stunde schlägt für die Floßbauer die große Stunde. Die manchmal etwas wackelig wirkende Konstruktion wird zu Wasser gelassen und getestet. Nicht alle tragen am Ende die Passagiere. Die Glücklichen aber stechen stolz in See und winken zu den Besatzungen großer Segelboote hinüber.
Auf dem eigenen Floß auf „große Fahrt“

Foto: Sabine Gaßer
Sie sind ebenfalls mit der Firma Teamgeist zu einer Schnuppertour gestartet und gewinnen einen ersten Eindruck vom Leben an Bord. Beim Aufziehen oder Einholen der Segel müssen sie kräftig mit zupacken oder das Boot auf Kurs halten. Beim anschließenden Grillen an Land gibt es viel zu erzählen. Die eine Hälfte schwärmt von großen Böen auf dem See, während der Rest „kinderleichten Floßbau“ berichtet.
Der Bau eines Floßes kostet 50 Euro. Im Preis sind alle Materialien und Schwimmwesten enthalten. Zusätzlich können ein Mast und Treibsegel sowie Picknickkörbe und ein Barbecue gebucht werden. Die Schnupper-Segeltörns beginnen jeden Sonntag um 14 Uhr und kosten für Erwachsene 15 Euro, für Kinder fünf Euro (www.teamgeist.com)
Viel Spaß garantieren auch die Party- Boote des Kleinunternehmens „grill & chill“ auf dem Geierswalder See im früheren Lausitzer Tagebaugebiet. Bis zu 10 Personen finden in den von einem kleinen Motor angetriebenen Booten Platz. Sie sitzen im weiten Rund um den Grill, die Kuchenteller oder andere Leckereien herum und können sich treiben lassen (www.grillandchill.de). Der See ander Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen ist durch die Flutung einer riesigen Tagebaugrube entstanden und soll in den nächsten Jahren über Kanäle mit den anderen neuen Gewässern verbunden werden.
Theaterspektakel über einzigartigen Landschaftswandel
Für den Abstecher in die Lausitz bietet sich in dem Sommer der Besuch mehrerer Open-Air-Theater-Spektakel an. Die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) feiert nach zehnjährigem erfolgreichem Wirken den Abschluss mit einem ungewöhnlichen Projekt. Der Schweizer Künstler Jürg Montalta hat bis Ende Oktober mehrere szenische Wanderungen, Dorftheaterstücke sowie Licht- und Klangskulpturen mit insgesamt rund 1 000 Akteuren erarbeitet. Der etwas provokante Titel „Paradies 2“ für das Kunstprojekt soll an die offenbar weit verbreitete Sehnsucht vieler Einwohner nach den „paradiesischen Zuständen“ vor der Wende ohne Arbeitslosigkeit und Abwanderung erinnern.
„Wer die Lausitz verstehen will, sollte zu unseren Projekten in Welzow, Schlabendorf oder in Cottbus-Sachsendorf kommen“, meint Montalta (www.iba-see.de).
Wer die Aufführungen nicht sehen kann, erhält dennoch während seines Aufenthaltes gute Einblicke in den einzigartigen Wandel von der Industrie- in eine Touristenregion nach dem Ende der Tagebaue. Die IBA-Terrassen in der künftigen Seestadt Großräschen zeigen interessante Ausstellungen und an jedem Wochenende beginnen hier zweistündige Wanderungen auf den Grund des künftigen Ilse-Sees. Regen und Sturm haben aus den Abraumhalden eine bizarre Landschaft geformt, die an den Mars erinnert. Auch Touren per Jeep, Quad oder Fahrrad sind möglich. Mehrere Hotels und der Ferienpark am Senftenberger See erlauben auch mehrtägige Aufenthalte.
Klettertour auf Liegendem Eiffelturm
Ein Programmpunkt könnte der „Liegende Eiffelturm“ in Lichterfeld bei Finsterwalde sein. Dahinter verbirgt sich die Braunkohleförderbrücke „F 60“, die zu den weltgrößten technischen Denkmalen gehört: 500 Meter lang, 74 Meter hoch und 13 000 Tonnen schwer. Der Vergleich mit dem Pariser Wahrzeichen hinkt zwar etwas, weil der Turm viel kleiner ist, wenn man ihn hinlegen würde. Aber als Lockmittel funktioniert die Umschreibung. Die „F 60“ ging nach nur wenigen Betriebsmonaten 1992 außer Betrieb und lockt jetzt als „Besucherwerk“ jährlich Zehntausende Neugierige an. Der ehemalige Kumpel Olaf Umbreit bittet die Besucher zum Tragen eines Schutzhelmes. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich irgendwelche Metallteile in luftiger Höhe selbstständig machen“, sagt er und teilt eine blaue Kopfbedeckung als Plastik aus. „Der Aufstieg lohnt sich, denn bei uns kann man ein Gewässer wachsen sehen“. Auch die „F 60“ wird bald mitten in der neuen Seenplatte stehen (www.f60.de).
Es gibt in Brandenburg noch viele andere luftige Aussichtspunkte. Ein englisches Ehepaar Philipps hat in Joachimsthal in der Schorfheide einen Wasserturm in ein „Biorama“ verwandelt. Das Kunstwort lässt sich leicht erklären. „Bio“ dient als Hinweis auf die biologische Vielfalt in diesem riesigen Waldgebiet und „Rama“ ist die Schlusssilbe von „Panorama“. Per Fahrstuhl gelangen die Besucher auf die große Aussichtsplattform in 22 Meter Höhe und blicken in eine faszinierende Landschaft. Bei klarer Sicht kann sogar der 70 Kilometer entfernte Berliner Fernsehturm am Horizont erkannt werden.
Vom Aussichtsturm ist es nur ein Katzensprung zum Kaiserbahnhof. Wo einst Wilhelm II. zu seinen Jagdausflügen aus- und einstieg, ist heute ein Hörspielbahnhof eingezogen. Im einstigen Wartesaal gibt es donnerstags, freitags, sonnabends und sonntags jeweils um 15 und 18 Uhr bei freiem Eintritt ganz unterschiedliche Hörspiele, freitags zusätzlich um 20 Uhr. Abends laufen in der Regel Krimis, während am Nachmittag vor allem Kinder willkommen sind (www.biorama-projekt.org und www.hoerspielbahnhof-joachimsthal.de)

Foto: SCD
Mit der Draisine zur Klosterruine
Wem der Sinn mehr nach aktiver Bewegung steht, fährt etwas weiter nach Norden. Hier können sich die Ausflügler für ein Fortbewegungsmittel entscheiden, mit dem sie sich garantiert nicht verfahren werden. Sie steigen einfach in Templin oder Fürstenberg auf eine Draisine und rollen auf höchst vergnügliche Art durch die Landschaft. Die Schienen der schon vor vielen Jahren stillgelegten Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Orten weisen den Weg, wobei sich Stammgäste der Tour über eine lang ersehnte Neuerung freuen können. Endlich fällt in dieser Saison die komplizierte und nur schwer zu merkende Einteilung der jeweiligen Startpunkte nach geraden und ungeraden Tagen weg. Jetzt kann jeder nach Lust und Laune einen Termin im Kalender aussuchen, sich für Fürstenberg oder Templin entscheiden und dann eine Draisine buchen. In Templin erhalten die muskelbetriebenen Fahrzeuge täglich zwischen 9 und 12 Uhr freie Fahrt bis ins 17 Kilometer entfernte Hohenlychen, wo es ab 14 Uhr wieder zurückgeht. Fürstenberg bietet sogar eine Vor- und eine Nachmittagstour an.
Entlang der Strecke finden sich 15 Rastplätze, an denen das Gefährt einfach aus den Schienen genommen und angeschlossen wird. Dann steht dem Picknick im Grünen, der Pilzsuche oder einem Bad in einem See nichts im Wege. Außerdem wäre es viel zu schade, einige außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten zu verpassen. So lohnt zwischen Fürstenberg und Hohenlychen das für sein Weihnachtspotsamt und seine beindruckende Klosterruine bekannte Himmelpfort einen Abstecher, während auf der Strecke nach Templin das Kirchlein im Grünen in Alt-Placht die Fotoapparate klicken lässt. Der traditionsreiche Luftkurort Lychen wiederum hält die Erinnerung an die Flößerei wach und bietet ein sehenswertes Museum.
Draisinen verkehren auch auf der ehemaligen Militäreisenbahn zwischen Zossen und Jüterbog sowie Mittenwalde und Töpchin, Tiefensee und Sternebeck und Kremmen und Germendorf. (www.erlebnisbahn.de, www.draisinenbahn.de, www.draisine.com)
7 000 Kilometer Radlerspaß
Fast schon wie eine Selbstverständlichkeit klingt der Hinweis auf das ausgezeichnete Brandenburger Radwegenetz. Auf rund 7 000 Kilometer Länge durchziehen glatte und gut ausgebaute Wege die schönsten Gegenden. Auf der mehr als 200 Kilometer langen Fläming-Skate teilen sich Radler und Skater das Asphaltband. Viele Hoteliers haben sich längst auf die Radler eingestellt und bieten einen guten Service an. „Vor einigen Jahren wollte ich von Radtouristen nichts wissen“, bekannte der Chef des Hotels im Schloss Steinhöfel in Ostbrandenburg, Frank John. „Heute sind sie mir hochwillkommen, weil sie hohe Ansprüche stellen und entsprechenden Umsatz garantieren.“ Mehr als 300 Hotels und Pensionen werben mit dem Gütesiegel „Bett & Bike“ (www.radeln-in-brandenburg.de).
Dazu gehören auch hochwertige Wellnesshotels, die sich immer für einen Kurzurlaub anbieten. Oftmals kann man sich dort die Fahrräder direkt ausleihen. So steht dem aktiven Vergnügen im Kurzurlaub nichts mehr im Wege.
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
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