Wachstumskern mit viel Potenzial
Business-Archiv der Ausgabe 4 | 3. Jahrgang | Winter 2007
- Frankfurter Zugpferde – Unternehmen sorgen für wirtschaftlichen Aufschwung
Frankfurt (Oder) rühmt sich vieler Beinamen: „Tor zum Osten“, „Östlichste Universitätsstadt Deutschlands“, „Geburtsstadt Heinrich von Kleists“, „Brückenstadt“, „Solarstadt“ oder „Kongress- und Tagungszentrum mit Osteuropakompetenz“. Sowohl im Rathaus als auch in Unternehmenskreisen aber hört man am liebsten den Begriff vom „überaus erfolgreichen Wachstumskern“. Die Wirtschaft der Stadt hat einen noch vor kurzer Zeit nicht vermuteten Aufschwung genommen.
Blick auf Frankfurt (Oder) und Slubice, Polen; Foto: Stadt Frankfurt (Oder)/Klaus BaldaufDabei ist es gerade mal vier Jahre her, dass sich Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) mit einem viele Meter langen Transparent auf den Weg zur Autobahn machte. „Hier stirbt der Aufschwung Ost. Danke, Herr Bundeskanzler“, war darauf zu lesen. Die Aktion brachte der Stadt an diesem Abend im November sogar einen kurzen Auftritt in der „Tagesschau“. Den Anlass für das Transparent lieferte kurz zuvor das endgültige Aus für die Chipfabrik. Der Oberbürgermeister gab die Schuld dafür dem Bundeswirtschaftsministerium, weil es einer staatlichen Bürgschaft in Höhe von 520 Millionen Euro nicht zustimmen wollte. Niemand wollte danach auch nur einen Pfifferling auf die wirtschaftliche Erholung der Stadt wetten. Viel zu stark hatte sie sich auf die Sogwirkung der zusammen mit Dubai geplanten Chipfabrik verlassen. Eigene Investitionen für Kitas, Schulen oder Straßen mussten für das Prestigeprojekt zurückgestellt werden.
Statt Chips kommen Solarzellen für den Weltmarkt aus der Oderstadt
Die Firma First Solar produziert Solarmodule für klimafreundliche Energiegewinnung; Foto: First SolarHeute mag von dem damaligen „schwarzen Tag“ kaum jemand noch etwas wissen. Viel zu hoffnungsvoll hat sich die Situation seitdem entwickelt. In das einst für die Chipfabrik vorgesehene Gebäude an der Autobahn ist das Hamburger Solar-Unternehmen „Conergy“ eingezogen. Es sicherte sich kürzlich die Lieferung von so genannten Siliziumwafern als Voraussetzung für Solarzellen bis zum Jahr 2018. „Das zeigt die Langfristigkeit unseres Engagements in der Oderstadt“, hieß es aus der Chefetage.
Möglicherweise plant Conergy den Bau einer zweiten Produktionshalle. Die Grundstücke neben der ehemaligen Chipfabrik hat sich die Hamburger Aktiengesellschaft vorsorglich schon gesichert. Künftig sollen bis zu 20 Prozent aller Produkte zur Nutzung von Sonnenenergie aus der Oderstadt kommen. Denn neben Conergy haben hier auch die Odersun AG und das amerikanische Unternehmen First Solar ihre Arbeit aufgenommen. Rund 1.500 Jobs sind vorerst nahezu aus dem Nichts entstanden. Mehrere hundert weitere Arbeitsplätze stehen in dieser rasanten Wachstumsbranche in Aussicht.
Ein kleines Sonnenkraftwerk auf der Umhängetasche
Rund um die großen Werke haben sich zahlreiche kleine Elektronikfirmen als Zulieferer angesiedelt. Auch andere Betriebe aus anderen Branchen profitieren von der Sogkraft. Manchmal ergeben sich aber auch direkte Partnerschaften. So entwickelte ein Institut in Frankfurt, das aus dem ehemaligen und nach der Wende geschlossenen Halbleiterwerk hervorgegangen war, hauchdünne Solarzellen. Sie können zentimetergenau für den Einsatz auf Hausdächern, in Sonnenenergieparks, auf Jalousien oder auf Umhängeaschen zurechtgeschnitten werden. Produzent ist die Solarfabrik der Odersun AG.
Im Vierschichtsystem stellen die Mitarbeiter hier flexible Dünnschichtmodule auf Kupferbandbasis her, die sich unter anderem als Auflagen für Umhängetaschen eignen. Im Innern der Tasche befindet sich eine kleine Batterie, die bei Tageslicht aufgeladen wird. Diese speist dann alle möglichen technischen Geräte mit Strom. „Sie erhalten damit eine mobile Steckdose für Handys, Laptops und andere Dinge“, sagt Firmenchef Ramin Lavae Mokhtari.“ „Außerdem sehen die Taschen schick aus und entsprechen genau dem Trend der Klimadiskussion.“ Nicht mehr als 100 Euro sollen die SolarTaschen kosten.
Ein ganz neues Betätigungs- und Absatzfeld für die Frankfurter ergibt sich aus den gewachsenen Ansprüchen der Radfahrer. Eine immer größere Zahl nutzt für ihre Touren einen Radnavigator. Obwohl die Akkus nur eine durchschnittliche Leistungsdauer von drei bis fünf Stunden aufweisen, kann sich jedermann auch auf längeren Ausflügen auf die kleinen Navigationsgeräte am Lenker verlassen. Er verbindet sie einfach mit dem Anschluss in den auf dem Gepäckträger oder auf dem Rücken befindlichen Solar-Taschen aus Frankfurt (Oder).
Peter Edelmann, Beigeordneter für Wirtschaft, Stadtentwicklung, Bauen und Umweltschutz, hofft auf 2.000 neue Jobs in den nächsten Jahren. „Positive Auswirkungen sind in vielen Arbeitsund Lebensbereichen und der gesamten Stadtentwicklung zu erwarten“, sagte er. Als lohnenswerte Anlaufpunkte für Investoren haben sich das Business and Innovation Centre Frankfurt und die Sparkasse Oder-Spree herausgestellt.
Wie groß das Interesse an Arbeitsplatzangeboten und Ausbildungsplätzen der neuen Solarfirmen und der Unternehmen Yamaichi Electronics Deutschland GmbH, Walter TeleMedien Holding GmbH, AXA Assistance Deutschland GmbH, D+S Frankfurt (Oder) GmbH in Frankfurt (Oder) sei, zeigte zuletzt das Job-Forum im Dezember 2006. Viele neue Arbeitsplätze gehen an Frankfurter, die ihre Stadt vor einigen Jahren verlassen hatten. Von diesen Rückkehrern profitiert auch die Wohnungswirtschaft der Stadt (www.wowi-ffo.de). Spiegelbild des Aufschwungs ist auch der gut bestückte Veranstaltungsplan der Messe und Veranstaltungs GmbH.
Auch künftig ein Drittel weniger Personalkosten
Das Investor Center Ostbrandenburg nennt als großen Standortvorteil die Personalkosten, die in der Region durchschnittlich ein Drittel niedriger als in den alten Bundesländern seien. Nach den Prognosen von Wirtschaftsforschungsinstituten und Gewerkschaften sind für die nächsten zehn bis 15 Jahre nur geringe Personalkostensteigerungen zu erwarten, preist das Center die Vorteile an. Es stünden kompetente Arbeitskräfte zur Verfügung. Schichtarbeit sei rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr möglich.
In 58 Minuten mit dem Zug von Frankfurt nach Berlin
Zentrum von Frankfurt (Oder); Foto: Stadt Frankfurt (Oder) / Klaus BaldaufAußerdem wirbt die Stadt mit einer „hervorragenden Infrastruktur“. Kurze und schnelle Wege gewährleisteten einen optimalen Zugang zu Märkten und Kunden, heißt es. Tatsächlich liegen die drei Berliner Flughäfen von Frankfurt nur eine bis anderthalb Stunden Fahrtzeit entfernt. Gleich in der Nachbarschaft befindet sich in Pohlitz der Verkehrslandeplatz Eisenhüttenstadt-Frankfurt (Oder). Hier können Maschinen bis acht Tonnen Startgewicht abheben und landen. Regionalexpresszüge brauchen vom Frankfurter Bahnhof bis ins Berliner Zentrum nur 58 Minuten. Schrittweise soll auch die Autobahn A 12, die jetzt noch häufig durch Lkw-Staus Schlagzeilen macht, ausgebaut werden. Im ganzen Stadtgebiet garantieren Glasfasern gute Telekommunikationsverbindungen. Nach Słubice am polnischen Oderufer besteht eine leistungsfähige Funkbrücke.
Frankfurt (Oder) ist also tatsächlich gleich in mehrfacher Hinsicht eine gute Adresse für die Wirtschaft.
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