Überraschung für Geschmacksnerven
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- von Christa Steuer
Während die Grüne Woche das Publikum für höchstens zehn Tage im Januar in die Messehallen unter dem Berliner Funkturm und damit in ihren Bann zieht, sieht es für die meisten Brandenburger Aussteller ganz anders aus. Sie beschäftigen sich viele Wochen oder sogar Monate mit der Agrarschau. Dann probieren sie neuartige Mischungen aus, tüfteln an Erfindungen, entwerfen Prospekte und Flyer, feilen an Konzepten für die Vermarktung ihrer Ferienwohnungen oder stimmen sich mit Tourismusverbänden und Berufsorganisationen ab. Nur diese lange Vorbereitung erklärt den alljährlichen Erfolg.

Landwirtschaftsministerin Jutta Lieske, Eckhard Roß und Ministerpräsident Matthias Platzeck/ Foto: Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH / Frank Donati
Stets erhält die Brandenburg-Halle bei den Besucherbefragungen höchste Noten. Sie gilt als die beliebteste Präsentation, was nicht zuletzt am Austragungsort der Grünen Woche liegt. Sowohl die Berliner als auch die Brandenburger selbst zieht es zu den Nachbarn. Hans-Rüdiger Schubert, Abteilungsleiter Landwirtschaft im Agrarministerium, sieht ein Erfolgsgeheimnis aber auch in „kleinen Veränderungen in der Halle“. Es gebe zwar regelrechte Dauerbrenner unter den Ausstellern, die schon seit 20 Jahren dabei sind. Aber genauso wichtig sei ein gewisser Wechsel bei den Ausstellern. „Anderswo sieht es immer gleich aus und es stehen immer die gleichen Leute da“, meinte Schubert. Immerhin standen auf der diesjährigen Ausstellerliste 220 Brandenburger Unternehmen.
Spreewaldgurke mit Honig und Käse mit Bier
Darunter befanden sich wieder zahlreiche kleine und mittelständische Betriebe, die nur hier ihre verschiedenen Produkte präsentieren können. „Für sie ist die Grüne Woche als Forum unverzichtbar“, schätzte die neue Agrarministerin Jutta Lieske ein. Deshalb werde sich das Land weiterhin auf der Messe engagieren, da sich die meisten Kleinbetriebe eine solche Präsentation niemals allein leisten könnten. Langeweile kommt jedenfalls selbst bei Stammbesuchern der Brandenburg- Halle nicht auf. In jedem Jahr lassen sich die Produzenten mindestens zwei Dutzend Neuigkeiten einfallen, die mitunter schon eine starke Herausforderung für die Geschmacksnerven darstellen. Da schmeckt eine Spreewaldgurke schon mal süß wie Honig, der Käse nach Bier und manchmal erinnert der Sekt sogar an die letzte Kürbissuppe. Auch wenn erfahrungsgemäß nur zehn Prozent der Erfindungen nach der Grünen Woche tatsächlich in den regulären Verkaufsregalen liegen, verfolgen die kreativen Landwirte doch oft ganz andere Ziele. „Wir kommen mit den Besuchern ganz locker ins Gespräch, scherzen miteinander und machen am Ende meistens ein Geschäft“, erzählt Renate Schultz, die mit Mann und Sohn seit 1991 in Werder eine Obstbauwirtschaft mit Privatbrennerei betreibt. „Uns mangelt es nicht an Einfällen, sind doch die Sommer- und Winterabende mitunter sehr lang. Auf diese Weise ist unser Obstbrand mit Honig entstanden. Einfach köstlich.“
Oft wird aber keineswegs alles dem Zufall überlassen. „Wir haben schon eine ganze Zeit geforscht und probiert“, bestätigt Uta Gerlach von der einem Niederländer gehörenden Bauernkäserei Wolters aus der Uckermark, die einen „Klosterkaas“ zum Kosten anbietet. „Der Name zeugt von unserer Kooperation mit der Klosterbrauerei Neuzelle, von der wir Hopfen und Malz beziehen. Diese Zutaten mischen wir mit unserem Produkt, geben etwas Senf dazu und fertig ist der Bierkäse.“ Die dunkle Farbe stamme vom braunen Malz. „Vielleicht können wir ja die traditionelle Verbindung zwischen Wein und Käse etwas aufbrechen“, meint die Produktionsleiterin. „Aber wichtiger ist die Aufmerksamkeit für uns mittelständische Betriebe.“

Foto: Sabine Gaßer
Maronenbrot und Teeträume mit Pfirsich und Pflaume
Dieses Ziel gelang auf jeden Fall der Bäckerei Dreißig aus Guben, die ihr zehnjähriges Messejubiläum feierte. Das Familienunternehmen, das in vierter Generation beste Bäckertradition weiterführt, stellte als Neuheit diesmal ein Maronenbrot vor. „Maronen sind wahre Mineralstoffwunder, sie enthalten viele wertvolle Proteine, Ballaststoffe und Vitamine“, schwärmte Firmeninhaber Peter Dreißig. Das ungewöhnliche Brot-Angebot der Bäckerei ging an vielen Tagen buchstäblich weg wie die berühmten warmen Semmeln.
Dieses Bild bot auch der Stand der Mineralquellen Bad Liebenwerda. Im Mittelpunkt der 15. Messepräsenz standen diesmal neuartige „Teeträume“ in den Geschmacksrichtungen Pfirsich-Weißer Tee und Pflaume-Grüntee. Doch nicht nur die Komposition aus dem quellgesunden Mineralwasser ohne Kohlensäure, dem zehnprozentigem Anteil aus besten Fruchtsaft sowie den edelsten Tee-Extrakten kam bei den Besuchern gut an. Eine neue und handliche 0,75-Liter- Einwegflasche hob die Entwicklung auch optisch aus der Vielfalt der Produkte heraus.
Meerrettich an der Spreewälder Tränenbar
Mit Neuigkeiten wartete ebenso der Spreewaldkoch Peter Franke auf.
Auf dem Areal des Arznei- und Gewürzpflanzengartens in Burg eröffnete der umtriebige Experte eine Kräutermanufaktur.
Er zog in das vom Lehmbauzentrum Berlin–Brandenburg e. V. in liebevoller Detailarbeit fachgerecht sanierte und 150 Jahre alte Doppelstubenhaus. Die Gäste begeben sich hier auf eine Zeitreise, stellen sie doch mit traditionellen Werkzeugen und Geräten Kräutermischungen, Kräuteressige, Sirupe, Fruchtaufstriche und viele andere Produkte selbst her. „Die verwendeten Rohstoffe aus der Natur richten sich nach der aktuellen Saison und werden beispielsweise aus Erdbeeren, Kürbissen und Meerrettich bestehen“, kündigte Franke an. Die Werkstattkurse werden in kleinen Gruppen stattfinden und widmen sich jeweils einem bestimmten Thema. Die Kräutermanufaktur wird außerdem Produkte für die Spreewälder Kochakademie liefern, vor allem Meerrettichspezialitäten für die Vermarktung über die „Spreewälder Tränenbar”. Diese bietet etwa 20 hochveredelte Meerrettichzubereitungen sowie Schokoladenprodukte mit Meerrettich („Meerrettichpraline”) an.
Eine Überraschung erlebten die Betreiber der Gläsernen Molkerei in Münchehofe am Rande des Spreewaldes. Denn kurz nach der Eröffnung Anfang Januar konnten sie auf der grünen Woche bereits den Preis der Marketinggesellschaft „Pro Agro“ in der Kategorie „Landtouristische Dienstleistungen“ entgegennehmen. Insgesamt hatten sich 18 Unternehmen mit 24 Produkten um den Marketing-Preis beworben. Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft ökologischer Landbau, lobte die Prämierung als „deutliches Signal für den Standortfaktor Bio“.
Der Gläsernen Molkerei gelinge es hervorragend, die ökologische Landwirtschaft mit dem regionalen Tourismus in der Region zu verbinden.
Besucher können in der neuen Anlage die Herstellung von Käse genau verfolgen. Von einer gläsernen Brücke erhalten sie Einblicke in die Produktion und die Abfüllung von Milch in Tetrapacks. Eine Milchbar und ein Hofladen bieten frische Produkte zum Kauf an.
Pralinen und Likör aus Straußeneiern

Foto: Sabine Gaßer
Genau wie die neuartige Molkerei hatten auch die meisten anderen Aussteller zahlreiche Kostproben im Angebot. Dabei mussten einige Betriebe etwas improvisieren. Der Straußenhof Großderschau im Havelland musste wie in den vergangenen Jahren auf die Präsentation seiner großen Vögel verzichten. „Sie sind scheu und würden den Stress in einer Halle nicht aushalten“, sagte Züchter Alfred Thormann. Dafür brachte er eine handgemachte Eierlikörtorte und Eierlikörpralinen aus Straußeneiern mit nach Berlin. „Straußeneier enthalten weniger Cholesterin als Hühnereier und sind daher gesünder.“ Wer wollte, konnte sich im Kochstudio ein ungewöhnliches Gericht schmecken lassen: „Straußenwiener in märkischer Kartoffelsuppe“.
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