Sterne für die Besten
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- Es klingt wie eine Binsenweisheit: In Brandenburg lässt es sich vortrefflich in die Pedale treten. Bei einem 7 000 Kilometer langen Radwegenetz ist das auch nicht verwunderlich. Doch neuerdings gibt es auch für die Qualität ein untrügliches Siegel.
- von Christa Steuer

Der idyllische Elberadweg in der Prignitz
Im vergangenen Jahr feierte der Allgemeine Deutsche Fahrradclub ADFC sein 30-jähriges Bestehen. Mittlerweile zählt der Club über 125 000 Mitglieder und gilt somit als stärkste Fahrradorganisation Europas.
Nacheinander bewertet er alle Fernradwege in Deutschland nach einem Sterne-System wie in der Gaststättenund Hotelbranche. Auf Anhieb erhielten 14 Touren die Auszeichnung mit mehr als drei Sternen. Davon liegen gleich neun in Brandenburg. Deutschlandweiter Spitzenreiter ist zwar der entlang vieler Weinberge führende Main-Radweg, aber dicht folgen die Oder-Spree- Tour, der Oderbruchbahnradweg und der Fürst-Pückler-Weg durch die Lausitz. Wir stellen Ihnen drei Brandenburger Touren vor, die Lust auf den nächsten Ausflug machen sollen.
Für Genießer: Schönster Weg zur Ostsee
Ihre „Ostsee-Badewanne“ steuern die Berliner längst nicht mehr nur per Auto, Zug oder Schiff an. Nach Usedom geht es neuerdings immer öfter auch mit dem Fahrrad. Die Fernroute Berlin- Usedom macht die Anreise zum großen Vergnügen. Für diesen Genuss muss sich niemand die ganzen 300 Kilometer bis Peenemünde abstrampeln. Unsere Empfehlung beschränkt sich auf den 65 Kilometer langen Abschnitt zwischen Pankow und Joachimsthal in der Schorfheide.
Zahlreiche Stationen der S-Bahn und der Regionalbahn erlauben eine bequeme An- und Abreise. Nach dem Start am S- und U-Bahnhof Pankow folgt im Park hinter der Ossietzkystraße der erste Höhepunkt. Das Schloss Schönhausen erstrahlt seit Dezember 2009 wieder im alten Glanz.
Auf dem Pankeweg fährt es sich fast wie von allein durch den Schlosspark und bis zu den Karower Teichen kurz vor dem S-Bahnhof Buch. Tausende Wasservögel fühlen sich in dem Revier heimisch. Durch Zepernick geht es nach Bernau, wo der Weg sogar entlang der alten Stadtmauer verläuft.
Danach erfreut sich das Auge allein an der Natur. Auf asphaltiertem Untergrund werden dichte Wälder, klare Seen, verträumte Ferienorte und der oft geheimnisvoll anmutende Werbellinsee passiert. Nach einem ruhigen Rastplatz unterwegs muss niemand lange Ausschau halten. In Joachimsthal kann der liebevoll restaurierte Kaiserbahnhof für den Rückweg nach Berlin genutzt werden.
Anspruchsvoll: Entlang der Elbe ins Land der Störche
Um Weitblick muss man sich auf dem Elberadweg nicht groß bemühen. Denn dessen Strecke verläuft im rund 90 Kilometer langen Prignitzer Abschnitt fast durchgängig auf dem Deich. Die An- und Abreise in die Region klappt ohne Probleme, stehen doch drei wie auf einer Perlenkette aufgereihte Bahnhöfe zur Auswahl. Genau 37 Kilometer liegen zwischen Wittenberge und Havelberg. Aber auch Bad Wilsnack bietet sich je nach Kondition als Zwischen- oder Endpunkt an. Havelberg besitzt zwar keine Bahnstation mehr, doch Glöwen liegt nur sechs Kilometer entfernt.
Gleich hinter der Stadtgrenze von Wittenberge öffnet sich die weite Flusslandschaft, über der Vogelschwärme oft ihre Runden ziehen. Zwischen April und Ende August bestimmen hier Weißstörche das Geschehen am Himmel. Das verwundert kaum, liegt doch das europäische Storchendorf Rühstädt nur 13 Kilometer von Wittenberge entfernt.
Am Wehr in Gnevsdorf müssen Radler die Entscheidung treffen, ob die Tour über Bad Wilsnack führen soll. Wer die 20 Kilometer entfernte Stadt mit der Wunderblutkirche ansteuern will, muss in Höhe des Wehrs auf dem linken Weg in Richtung Abbendorf bleiben. Der Elberadweg nach Havelberg verläuft in der Mitte zwischen Havel und Elbe.

Foto: Albrecht E. Arnold / PIXELIO
Für Angeber: Von Köpenick nach Erkner
Geraten Radfahrer nach einer längeren Tour mal so richtig ins Schwärmen, liegt manchmal der Vergleich mit dem Latein von Anglern und Jägern sehr nahe. Sie prahlen und übertreiben. In Berlin-Köpenick aber können die Radler getreu dem Coup des Schusters Wilhelm Voigt vor über 100 Jahren mit ganz anderen Anmaßungen aufwarten. „Wir hatten die Wahl zwischen Calais und St. Petersburg“, heißt es dann mitunter. „An der Büste des Hauptmanns von Köpenick vor dem Rathaus entschieden wir uns dann doch für Russlands Metropole an der Newa.“ Leider „vergaßen“ die Stammtischerzähler den entscheidenden Zusatz „in Richtung St. Petersburg“. Denn sie hatten sich tatsächlich auf dem Europäischen Radweg Nr. 1 befunden. Wer sich nach Osten wendet, landet zunächst am Müggelsee, dann an der Grünheider Seenkette, schließlich im Oderbruch und nach vielen Hundert Kilometern über Polen irgendwann in Russland.
Internationale Radtouristen machen sich zwar noch rar. Aber es ist schon ein besonderes Gefühl, wenigstens ein Stück auf dieser quer den Kontinent durchschneidenden Strecke zu strampeln. Wer auf der Etappe zwischen Köpenick und Erkner unterwegs ist, erlebt hinter Erkner zahlreiche Seen mit Badestellen und Ausflugsrestaurants. Im kleinen Ort Kagel legen neuerdings viele Radfahrer eine Rast ein, scheiden sich doch hier die Wege. Nach Norden geht es nach St. Petersburg, nach Süden auf der „Tour Brandenburg“ nach Fürstenwalde.
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
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