Stadt in zwei Ländern
- von Anja Schüler
Ein ungleiches Paar sind sie schon, die beiden Teile der deutsch-polnischen Doppelstadt Guben/Gubin. Die Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen, doch Zauber und Charme versprüht die einstige „Perle der Niederlausitz“ allemal. In diesem Jahr feiert sie ihr 775-jähriges Jubiläum.

Kulturhaus Gubin (ehemaliges Gubener Rathaus) / Fotos: Marketing und Tourismus Guben e. V.
Liebevoll gestaltete Grünflächen an den Neißeterrassen laden zum Entspannen ein. Restaurierte historische Fabrikgebäude und umgestaltete ehemalige Industriebrachen in Guben beeindrucken ebenso wie die imposante Ruine der Stadtkirche auf der Gubiner Seite.
Wenn während des Festwochenendes vom 4. bis zum 6. Juni die Hochseilartistik der Gebrüder Weisheit die Stadtteile verbindet und Folklore-Lawine und Festumzug einladen, werden polnische und deutsche Bürger gemeinsam feiern.
„Nach dem Krieg gab es keine Bäume mehr …“
Die Historie muss kennen, wer Guben besucht. Während einer Stadtführung entsteht vor dem inneren Auge die prächtige Kulisse von einst und unversehens befindet man sich inmitten einer blühenden Stadt.
Guben ist eine der ältesten Städte der Niederlausitz. Bereits 1235 wurde das Stadtrecht verliehen. Von ihrem Ruhm als „Stadt der Tuche und Hüte“ zeugen die mächtigen Fabrikbauten aus roten Backsteinen. Das historische Zentrum befand sich jenseits der Neiße, auf polnischem Gebiet. Hier hatten zumeist wohlhabende Bürger ihren Wohnsitz, und so blickte man von den Gubener Bergen auf ein von wunderschönen Villen, Ausflugslokalen und prunkvollen Geschäftshäusern geprägtes Stadtbild. Die Apfelbaumblüte und das dazugehörige Fest
waren weit über die Region hinaus berühmt. „Es gab Apfelwein und den Most konnten die Kinder trinken. Dazu wurden Gubener Plinse serviert. Wenn Baumblüte war, dann war man richtig froh, Gubener zu sein. … 1939 war Schluss, und nach dem Krieg gab es keine Bäume mehr“, erinnert sich eine alteingesessene Gubenerin.
Der Zweite Weltkrieg wirkte verheerend: Noch in den letzten Kriegstagen ging die Stadt in Flammen auf. Die großzügige Architektur wurde zu 90 Prozent zerstört, und was die Bomben nicht in Schutt und Asche legten, wurde abgetragen und zu Aufbauzwecken nach Warschau gebracht. Das Potsdamer Abkommen trennte im Jahre 1945 die Stadt in das deutsche Guben und das polnische Gubin.
Industriezentrum Wilhelm-Pieck-Stadt
Die DDR benannte die Stadt in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben um und entwickelte sie zu einem Industriezentrum. Die in den 1960er- und 1970er-Jahren ausgebaute Chemiefaserproduktion diente als Zulieferer der Textilindustrie und bescherte der Stadt einen enormen Aufschwung. Im Chemiefaserwerk, der „Gubener Wolle“ und den „Vereinigten Hutwerken Guben“, arbeiteten 10 400 Werktätige. Plattenbau-Siedlungen zeugen noch heute vom dringend benötigten Wohnraum. Mit der Wende brach wie vielerorts die Großproduktion zusammen, doch ist es den Gubenern geglückt, ihre Stadt liebenswert und interessant zu gestalten.
Das Städtepaar hat viele Kleinode
Die neugotische Klosterkirche und die im Jugendstil erbaute Kirche Des Guten Hirten faszinieren als glanzvolle Schmuckstücke aus vergangenen Zeiten. Knotenpunkt des heutigen öffentlichen Lebens ist das Gelände der ehemaligen Hutfabrik Wilke. Der Friedrich-Wilke-Platz beherbergt das Rathaus, die Stadtbibliothek, die Johann-Crüger-Musikschule sowie das Stadt- und Industriemuseum. Weit über die Grenzen Gubens hinaus hat das Plastinarium Berühmtheit erlangt. Nach aufwändigem Umbau wurde jetzt auf 3 000 Quadratmetern im Sinne einer Neukonzeption ein Anatomisches Kompetenzzentrum geschaffen.
Wer Party und Konzerte liebt, geht ins „WerkEins“, wer dagegen Näheres über Mühlentechnik, über die Geschichte und Volkskunde des Gubener Raumes wissen möchte, dem sei ein Besuch der Sprucker Mühle empfohlen. Die besondere Atmosphäre des alten Gebäudes begeistert, und auch der angrenzende kleine Park mit einem sehenswerten Kräutergarten gehört zu den Kleinoden der Region, die überdies mit ausgedehnten Heideflächen, Auenlandschaften, Wäldern und Wiesen sowie einer Vielzahl von Naturseen zum Erholen einlädt. „Frühling an der Neiße“ und das „Appelfest“ (3.–5. September) sind gemeinsam mit den polnischen Nachbarn gefeierte Höhepunkte des Jahres.
Die Gubiner Neißeinsel ist der perfekte Ausgangspunkt, um durch das Gubiner Zentrum zu spazieren. Auf dem Weg sind historische Bauwerke wie die Stadtkirche, das ehemalige Rathaus, die Fragmente der Stadtmauern oder die Grundmauern der von Mies van der Rohe projektierten Villa des Gubener Fabrikanten Erich Wolf zu besichtigen. Das auf der Insel im 19. Jahrhundert erbaute Theater zog die prominentesten Schauspieler Europas in die Stadt. Es brannte 1946 völlig aus. Lediglich die Steintreppen und Reste der Säulen erinnern noch an die vergangene Pracht, die glücklicherweise auf historischen Aufnahmen dokumentiert ist. Das Eingangsportal wird gegenwärtig wiederaufgebaut. Ende Juni wird die Insel nach erfolgter Umgestaltung wieder für alle zugänglich sein.
„Die Eurostadt im Aufbruch“ – das Motto des 775-jährigen Stadtjubiläums ist gleichermaßen Programm: Die Doppelstadt ist inzwischen nicht nur auf Grund ihrer Lage ein Zentrum des europäischen Integrationsprozesses, sondern auch durch die vielfältigen Begegnungen und Kooperationen beispielgebend für das Zusammenwachsen von Ost und West.
Archiv:
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