POTSDAMS AUFSTIEG IN DIE ERSTE LIGA
Archiv der Ausgabe 2 | 3. Jahrgang | Frühjahr 2007
- Ideen und Mut zur Veränderung werden belohnt
Der brandenburgischen Landeshauptstadt bescheinigt das Schweizer Prognos-Institut die besten Zukunftschancen im Osten. Der Aufschwung ist überall sichtbar.
Fotos: Stadtverwaltung Potsdam Michael LüderDieser Aufstieg Potsdams überraschte selbst die kühnsten Optimisten. Von Rang 148 im Jahre 2004 kletterte die brandenburgische Landeshauptstadt im jüngsten Zukunftsatlas des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos auf Platz 15. Mit Dresden liegt auf Rang 13 nur eine ostdeutsche Stadt vor Potsdam, Jena folgt als Nummer 20. Spitzenreiter unter den 439 auf ihre Wettbewerbsfähigkeit untersuchten kreisfreien Städte und Landkreise bleibt zwar München, aber im Osten bescheinigten die Wirtschaftswissenschaftler eindeutig Potsdam die besten Zukunftschancen. Im Windschatten Berlins habe sich die Stadt zu einem Zentrum für Service-Unternehmen entwickelt, heißt es in der Prognos-Analyse. Die Fortschritte sieht jeder Besucher beim aufmerksamen Gang durch den zu drei Vierteln sanierten Stadtkern, beim Bummel durch die königlichen Schlösser und Parks oder bei einem Abstecher nach Babelsberg und andere Vororte.
Brandenburger Straße ganz vorn
Das beste Beispiel für die Veränderungen liefert die Brandenburger Straße im Zentrum. Oft wurde sie gescholten, immer mal wieder abgeschrieben und von den Kunden hartnäckig links liegengelassen. Sie bot tatsächlich lange Zeit ein trauriges Bild. Doch wer heute hier entlangspaziert, findet eine ganz andere Atmosphäre vor. Die Schmuddelecken sind verschwunden. Es herrscht ein quirliges Leben. Geschäfte sowie Cafés und Restaurants in der knapp zwei Kilometer langen Fußgängerzone machen gute Umsätze. Nur ganz wenige Läden stehen leer. Sie werden von den neuen Mietern umgebaut.
Selbst in Berlin sucht man so eine lange Shopping-Meile mit vielen kleinen und großen Geschäften vergeblich. Dort spielt sich das Einkaufsvergnügen hauptsächlich in großen Centern ab. Vom buchstäblichen Schaufensterbummel kann da meistens keine Rede sein. Die meisten Einzelhändler und Gastwirte sehen den Neubeginn der Brandenburger Straße zwischen dem Bassinplatz mit der Kirche Sankt Peter und Paul und dem Brandenburger Tor in den Jahren 2001 und 2002. „Damals zeichnete sich der Neubau des Karstadt-Kaufhauses nach dem Brand 1996 schon recht konkret ab“, ist von Restaurant- und Ladenbesitzern zu hören. „Da große Häuser immer Kunden anziehen, witterten kleine Geschäfte ihre Chance.“ Nach und nach seien die vor allem aus Asien stammenden Billiggeschäfte verschwunden. Es habe sich ein gesunder Kreislauf in Gang gesetzt: Hochwertige Geschäfte locken gut situierte Käufer an und die steigern wiederum die Nachfrage nach anspruchsvollen Angeboten. Schon heute weist Potsdam das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland auf. Entsprechend groß ist die Kaufkraft. Während alle Städte in der Umgebung, Berlin eingeschlossen, in den nächsten Jahren Einwohner verlieren, steigt sie in Landeshauptstadt an der Havel in absehbarer Zeit um fast 13 Prozent an.
Zum Erfolg der Brandenburger Straße trug nicht zuletzt der Streit um die Dimensionen der Verkaufsfläche in den Bahnhofspassagen bei. Mitte der neunziger Jahre tobte im Stadtparlament ein heftiger Streit um die Gefahr der Verödung des historischen Stadtzentrums durch das neue Potsdam-Center. Sogar die Unesco hatte wegen der ursprünglich geplanten Ausmaße und der Beeinträchtigung der historischen Sichtachsen mit der Aberkennung des Titels „Weltkulturerbestätte“ für Potsdam gedroht. Nach langem Hin und Her einigten sich die Abgeordneten auf eine Beschränkung der Sortimente und der Ladenflächen im Bahnhof. Die Ausdauer hat sich offensichtlich gelohnt. Potsdam hat dank des Karstadt-Kaufhauses einen wichtigen Teil seines Zentrums buchstäblich wiederbelebt.
Aufbruchstimmung
Potsdams neue Mitte: Die Nikolaikirche, das Fortunaportal, das Alte Rathaus.Auch die Potsdamer selbst veränderten ihre Einstellung zur Stadt, wobei die Wirkung der Bundesgartenschau 2001 eine entscheidende Rolle spielte. Potsdam, das lange Zeit als „Hauptstadt der Jammer-Ossis“ galt, zeigte sich hier von seiner besten Seite. Viele Ideen, wie die Ausgrabung des in den sechziger Jahren zugeschütteten Stadtkanals oder der angestrebte Wiederaufbau der gesprengten Garnisonkirche, nahmen hier ihren Ausgangspunkt. Der Neue Markt mit dem restaurierten Kutschstall, der das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte beherbergt, gehört bei Stadtführungen noch immer zu den Geheimtipps.
Seit dem Herbst vergangenen Jahres zieht das neue Hans-Otto-Theater mit seiner auffälligen Architektur an der Schiffbauergasse die Besucher magisch an. Von Auslastungszahlen zwischen 90 und 95 Prozent können andere Bühnen in Deutschland nur träumen.
Direkt am Theater und damit am Tiefen See führt der neue Gartenkulturpfad entlang. Der 40 Kilometer lange Rundkurs führt an 60 so genannten Haltpunkten entlang, wo Touristen und Einheimische alle Informationen über herausragende Gebäude und Sichtachsen erhalten.
Rund um Potsdam können sich Wassertouristen auf rund 180 Flusskilometern und 40 Seen der Stadt auf eine ganz besondere Art nähern. Hausbootfahrer sind ebenso willkommen wie Kanuten, Segler und Paddler.
Doch auch in einer so erfolgreichen Stadt wie Potsdam gelingen manche Dinge erst im zweiten oder gar dritten Anlauf. So konnten sich die Stadtverordneten lange nicht auf die Bebauung des Alten Marktes mit einem Landtagsgebäude mit der Fassade des im Krieg verlorenen Stadtschlosses entscheiden. Auf der Stelle tritt derzeit noch das Projekt eines großen Spaßbades am Brauhausberg gegenüber vom Hauptbahnhof. Der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer hatte einen Entwurf der Sonderklasse gefertigt. Das Brandenburger Wirtschaftsministerium, das den Großteil der Kosten übernehmen sollte, winkte aber ab. So viel Geld nur für Potsdam allein wollte der Minister doch nicht spendieren. Jetzt ist nur noch eine Sparvariante im Gespräch, die aber nicht den Ansprüchen der Stadt genügt. So wird wieder verhandelt.
Öffentliche Förderung, die sich auszahlt
Wieder belebt – die Brandenburger StraßeNach Rechnung des Amtes für Stadterneuerung und Denkmalpflege im Rathaus zog ein Euro aus einem öffentlichen Förderprogramm gleich fünf Euro privat investiertes Geld nach sich. Der Staat half Hauseigentümern oder Gemeinschaften mit einer Finanzierungsspritze, die daraufhin das Vielfache der Summe investierten. Zwar hatten viele Käufer von den Steuerabschreibungen profitiert, aber die Stadt und ihre jährlich 2,8 Millionen Besucher konnten mit dem Ergebnis ebenfalls vollauf zufrieden sein. „In der Innenstadt haben wir bei den Wohnungen in den sanierten Häusern einen Leerstand von lediglich fünf Prozent“, freut sich Oberbürgermeister Jann Jacobs. Nur bei der Vermietung von Gewerberäumen sieht er noch Reserven.
Das Geld für die Sanierung kam von vielen Zugezogenen. Den Anstoß zum Schloss-Aufbau gab zwar schon nach der Wende ein Förderverein. Doch erst TV-Moderator Günter Jauch machte mit seiner Spende für das Fortunaportal des Stadtschlosses die berühmten Nägel mit Köpfen und bewirkte eine allgemeine Pro-Schloss-Stimmung. Der Versandhausgründer Werner Otto finanzierte beispielsweise wesentlich den Wiederaufbau des Belvedere auf dem Pfingstberg. Auch die Firma Reemtsma und die bayerische Messerschmitt-Stiftung hinterließen deutlich ihre Spuren im Stadtbild. Das Ufer des Heiligen Sees gegenüber vom Marmorpalais wurde zur bevorzugten Wohnadresse von kapitalkräftigen Eigentümern. Andere zog es mitten in den Trubel – auf die Brandenburger Straße und ihre Umgebung.
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