Potsdam to go
- von Brigitte Menge
Gastgeschenke sind oft originell, selten praktisch und meist nicht allzu teuer. Anders bei König Friedrich Wilhelm I. Er begrüßte holländische Handwerker Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem eigenen Stadtviertel: 134 Backsteinhäuser im holländischen Stil – unverputzt, mit weißen Fugen, Fensterläden und zum Teil geschwungenen Giebeln. Doch auch dieses Lockmittel funktionierte nicht vollends, und so zogen kurzerhand französische und preußische Händler, Künstler und Soldaten ein. Dank des großzügigen Geschenks von Friedrich Wilhelms hat Potsdam ein Viertel, das Einwohner und Gäste gleichermaßen anzieht.

Foto: Kerstin Sührer
Für viele Gäste der Stadt gehört ein Bummel durch das Holländische Viertel zum Touristenprogramm wie Sanssouci oder der Filmpark Babelsberg. Schließlich ist „Klein Amsterdam“ das größte zusammenstehende Bauensemble und Kulturdenkmal holländischen Stils außerhalb der Niederlande in Europa. Unabhängig von dieser Rekordmarke fasziniert das Viertel durch seine lebendige Atmosphäre, die so einzigartig ist wie der Baustil. Wie Holland en miniature liegt es inmitten der barocken Stadt. Wer durch die vier Karrees schlendert, findet kleine Läden mit handverlesenen Angeboten, exklusive Boutiquen,Galerien, Antiquitätengeschäfte, Werkstätten von Kunsthandwerkern, Kneipen, Restaurants, Bars und Cafés. Sogar ein Museum und ein Hotel gibt es, dazu Dienstleister und Handwerker. „Die Mischung stimmt“, weiß Stadtführerin Susanne K. Fienhold Sheen, die schon mit Hunderten Gästen durch das Viertel schlenderte. „Die Synthese von architektonischer Geschlossenheit und Kleinteiligkeit begeistert Touristen, aber auch mich immer wieder. Eine solche Dichte inhabergeführter Geschäfte ist wirklich schon zur Rarität geworden“, so Susanne K. Fienhold Sheen. „Ich hoffe inständig, dass das so bleibt.“ Die ansonsten allgegenwärtigen Filialen der großen Handelsketten gibt es im Holländischen Viertel nicht. Dafür ein fast ländliches Wohlbehagen, Nachbarn, die sich grüßen, eine vergnügliche Gelassenheit auf den Straßen. Viele der Kneipen und Restaurants haben Tische und Stühle vor der Tür, so dass hier in mancher Sommernacht mediterrane Heiterkeit die Atmosphäre des Viertels bestimmt. Dreimal jährlich wird richtig gefeiert: das Tulpenfest im April, der Töpfermarkt im September und der holländische Weihnachtsmarkt Sinterklaas.
„Klein Amsterdam“
Dann kommen auch viele Holländer, die in der Region leben, ins Viertel. Besonders die Kinder freuen sich, dass sie den Sinterklaas hier treffen und nicht extra nach Hause fahren müssen. Manchmal muss Susanne K. Fienhold Sheen lächeln, wenn holländische Gäste beim Anblick des Viertels ausrufen: „Das sieht ja wirklich aus wie zu Hause.“ Dabei spürt sie den Stolz der Niederländer, hier mitten im märkischen Sand ein Stück Heimat zu finden, dass gehegt und gepflegt wird.
Auch das Museum in der Mittelstraße 8 trägt den Namen eines Niederländers: Jan Bouman war der Baumeister, unter dessen Leitung nicht nur das Holländische Viertel, sondern auch zahlreiche Bauwerke in Potsdam und Berlin entstanden. Zugleich ist das Gebäude selbst ein Kleinod der Potsdamer Baukunst. Das Giebelhaus mit seinem typischen Baustil weist – verglichen mit anderen Häusern in diesem Viertel – den größten Bestand originaler Bausubstanz aus der Zeit um 1735 auf. Das restaurierte Ensemble von Vorderhaus, Hof, Fachwerk- Hofgebäude und Hausgarten ist in seiner ursprünglichen Form zu besichtigen. Zugleich ist das Haus auch ein Symbol für die preußische Toleranzpolitik im 18. Jahrhundert: Den Einwanderern wurde ein Stück alte Heimat ins neue Land gebaut.

Foto: Kerstin Sührer
Der Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam e. V. betreut das Gebäude und hat auch hier seinen Sitz. Im Haus befindet sich eine Ausstellung, die zweisprachig (deutsch/niederländisch) über die Siedlungsgeschichte, Bau- und Lebensweise der Bewohner und über die denkmalgerechte Sanierung des Viertels informiert. Sonderschauen, Vorträge und Veranstaltungen vorrangig zu niederländischen Themen finden hier statt. Auch der kleine Hausgarten ist mittlerweile eine Besonderheit. Seit der Bundesgartenschau 2001 in Potsdam blühen hier im Frühjahr dank der Unterstützung durch den Keukenhof historische Blumenzüchtungen des 17.–20. Jahrhunderts.
Doch das größte Wunder von „Klein- Amsterdam“ ist wohl, dass es überhaupt noch steht. In DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben, gab es 1973 sogar die Bestrebung, das Holländische Viertel ganz abzureißen. Vor allem dem mutigen Handeln des Architekten Christian Wendland ist es zu verdanken, dass das Viertel überlebte und mit der Notaktion „Dächer dicht“ im Herbst 1989 wiederbelebt wurde. Der rührige Architekt suchte zugleich nach Investoren für die Restaurierung. Seine Bemühungen und Beharrlichkeit bedeuteten in der Wendezeit eine neue Chance für „Klein Amsterdam“.
Im Holländischen Viertel lebten immer Künstler, Handwerker und Händler. Als Viertel der kleinen Leute ist es durch die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick unsterblich geworden: Der Schuster Wilhelm Voigt erwarb im Geschäft für „Sporen, Säbel und Militäreffekten“ in der Mittelstraße 3 am 16. Oktober 1906 seine Leutnants- Uniform. Danach reiste er mit zwei Wachmannschaften nach Köpenick und konfiszierte kurzerhand die Stadtkasse. Das Viertel ist längst ein Potsdamer Original, das üppig blüht wie holländische Tulpen im Frühling. Diese Buntheit inspiriert offensichtlich auch die Originalität der Händler. So eröffnete vor wenigen Wochen das Keramikstudio mit dem herzigen Namen „Knutselwinkel“, in dem man sein Geschirr selbst bemalen kann. Kreativität ist in diesem Viertel ansteckend. Das zeigen auch die vielen Veranstaltungen. Bei Vernissagen, Livemusik, Lesungen, Vorträgen, Konzerten, Kneipenfesten, Festtagsmenüs … gibt es reichlich Gelegenheiten, Nachbarn, Freunde, Kunden zu treffen oder einfach vergnügliche Stunden zu verleben.
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