Osteuropa willkommen in Cottbus
Archivbeitrag der Ausgabe 4 | 5. Jahrgang | Winter 2009
- Zum 19. Mal bewies das Filmfestival in der Lausitzstadt seine Einmaligkeit und Klasse.
- von Christa Steuer
Die Cottbuser Filmfreunde sind wirklich zu beneiden. Jedes Jahr im November kommen in die Kinos ihrer Stadt so viele beeindruckende Streifen, die sonst nirgendwo in Deutschland gezeigt werden. Nicht einmal die berühmte Berlinale nimmt diese in ihr Programm auf. So behält das Filmfestival Cottbus seine Einzigartigkeit. Denn es konzentriert sich auf Produktionen aus Osteuropa. Auch die 19. Auflage verfehlte in diesem Jahre ihre Wirkung nicht. In Scharen strömte das Publikum vom 10.–15.11. in die Kinosäle der Lausitzstadt, um auf einmalige Entdeckungsreisen zu gehen. Mehr als 140 Produktionen aus 35 Ländern standen auf dem Programm.

Foto: Thomas Goethe
Oberbürgermeister Frank Szymanski kennt natürlich den Wert dieses Festivals: „Nirgendwo werden das osteuropäische Kino und der Reichtum der Kulturen Osteuropas so kompakt vermittelt wie hier“, sagte er auf der feierlichen Eröffnung im Staatstheater. Umso wichtiger war die Botschaft von Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Hauptförderers Medienboard Berlin-Brandenburg: „Auch in Zukunft werden wir das Festival unterstützen.“ Seit der Bildung der neuen Brandenburger Regierung sitzt eine begeisterte Befürworterin des Ereignisses sogar am Kabinettstisch in Potsdam. Schließlich wohnt die Kulturministerin Martina Münch in Cottbus.
Festivaldirektor Roland Rust hält den Standort für ideal. „Die polnische Grenze ist nur 25 Kilometer entfernt. Einen besseren Ort für die Präsentation von Filmen aus der riesigen Region zwischen Polen und Zentralasien findet man nirgendwo“, unterstrich er. Seine besonderen Willkommensgrüße galten diesmal den Filmemachern aus der Türkei, die im Rahmen des Schwarzmeerfokus zum ersten Mal beim Festival dabei waren. Gleichzeitig erinnerte er an das Mauerfalljubiläum vor 20 Jahren. „Früher endete die tatsächlich erfahrbare Welt am Schwarzen Meer“, sagte der in der DDR aufgewachsene Festivaldirektor. „Heute herrscht visafreier Reiseverkehr, aber in vielen Fällen haben sich die Grenzen nur verschoben.“ Für die Kunst ergebe sich hier eine neue Herausforderung: „Kino kann Grenzen überwinden und damit der Realität weit vorauseilen.“
Die geografische Lage der Festivalstadt begünstigte auf jeden Fall den „Russischen Tag“ im Kino „Weltspiegel“. Hier stand nicht nur die aktuelle russische Filmszene im Mittelpunkt. Ein in Cottbus ins Leben gerufener Förderverein soll die Gründung einer Deutsch- Russischen Filmakademie vorbereiten, die die Ausbildung von Filmleuten und gemeinsame Projekte fördern soll.
Deutschlandpremiere für „Der letzte Sommer“
Wie gut die Zusammenarbeit schon heute funktioniert, erlebten die Zuschauer des vorwiegend in Brandenburg gedrehten Films „Ein russischer Sommer“ über die letzten Tage des Schriftstellers Leo Tolstoi. Zur Deutschlandpremiere dieses Streifens waren neben Mitgliedern des Filmteams auch Nachfahren Tolstois angereist. Hauptdarstellerin Helen Mirren soll sich während der Dreharbeiten übrigens regelrecht in Brandenburg verliebt haben. Erst im Januar kommt der Film in die übrigen deutschen Kinos.
Man darf auf viele weitere internationale Projekte hoffen. Der während des Festivals abgehaltene Ost-West-Koproduktionsmarkt Connecting Cottbus stieß auf ein beachtliches Interesse. „Auch in diesem Jahr ist es wieder gelungen, hohe Professionalität mit einer sehr persönlichen Atmosphäre zu verbinden“, resümierte die künstlerische Leiterin, Gabriele Brunnenmeyer. Die 14 vorgestellten Spielfilmideen zeigten eine erstaunliche Bandbreite persönlicher Handschriften.

Eröffnungsfilm EIN RUSSISCHER SOMMER mit Helen Mirren und Christopher Plummer, teilweise in Brandenburg gedreht und war in Cottbus drei Monate vor dem offiziellen Kinostart zu sehen / Foto: Warner Bros. Ent.
Zur guten Tradition des Festivals passt die „Filmschau“ für Amateurfilmer aus der Region Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. 500 begeisterte Zuschauer verfolgten im ausverkauften Saal 27 Beiträge, die nicht länger als 15 Minuten lang sein durften. Die Jury zeichnete den „Cottbus Song“ von Heino Neumann mit dem Hauptpreis aus. Er gewann damit schon zum dritten Mal diesen Wettbewerb. Der „Discovery Award“ ging an den georgischen Nachwuchsregisseur Zaza Rusadze. In Cottbus zeigte er seinen 2008 entstanden Film „Falten und Risse“ über Sehnsüchte und Hoffnungen in seiner Heimat.
Serbien feierte die meisten Erfolge
Mit Spannung wurde die Vergabe der Hauptpreise „Lubina“ erwartet. Die Wahl fiel auf einen überraschenden Sieger. Das serbische Kriegsdrama „Ordinary People“ von Vladimir Perisic erhielt gleich zwei Preise – einen für den besten Film und einen für Relja Popovic als einen herausragenden Darsteller. Der Film handelt von einer namenlosen Spezialeinheit, die in einem ungenannten Kriegsgebiet Kriegsverbrechen begeht. Gleich zwei „Lubinas“ wurden für die beste Regie vergeben. Den Spezialpreis teilten sich zwei Filme und drei Regisseure: Zvonimir Juric und Goran Devic für „Die Schwarzen“ aus Kroatien und Aleksey Mizgirev für „Buben Baraban“ aus Russland. Die Jury vergab außerdem den International Film Guide Inspiration Award an Elchin Musaoglu aus Aserbaidschan für „ Die 40. Tür“. Als herausragende Darstellerin überzeugte Anna Karczmarczyk im polnischen Wettbewerbsfilm „Shopping Girls“, während der Publikumspreis an Ardak Amirkulovs Neuverfilmung des Aitmatov-Klassikers „Abschied von Gusary“ ging. 18 900 Besucher bedeuteten einen neuen Rekord in der Festivalgeschichte.
Archiv:
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