Ostern auf Sorbisch
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- Wer kennt sie nicht, die kunstvoll verzierten sorbischen Ostereier? Farbenprächtig und voller filigraner Ornamente schmücken sie Zweige und Sträucher und sind Blickfang jeder österlichen Tischdekoration.
- von Anja Schüler

Ostereiermarkt im Haus der Sorben
Doch über die bereits Jahrhunderte währende Tradition des Ostereierverzierens hinaus gibt es in der Lausitz eine Fülle regionaltypischer Bräuche. Wer sie noch nicht kennt, wird schnell in ihren heimeligen, naturverbundenen und magischen Bann gezogen.
Licht und Wärme – die Osterfeuer
Das Osterfeuer symbolisiert die Sonne und begrüßt den Frühling. Es befindet sich an einer Wegkreuzung, am Spreeufer oder auf einer Anhöhe. Aus Holz, Reisig oder ähnlich Brennbarem wird es in der Nacht auf Ostersonntag angezündet. Ein weithin sichtbarer Feuerschein verheißt gutes Gedeihen – so der Glaube. Oft entbrennt unter den Dörfern sogar ein Wettbewerb um das höchste Feuer. Schabernack und Spaß gehen mit dem Auftürmen des Holzes einher, auch das „Organisieren“ von Brennbarem, wie das heimliche Bedienen aus anderen Höfen genannt wird, gehört dazu.
Mit Gesang durch das Dorf – das Ostersingen
Neben der stetigen Pflege von Sitten und Tradition sind gerade in den letzten beiden Jahrzehnten einige Bräuche wieder aufgegriffen und belebt worden. „Das Ostersingen z. B. war seit den 50er, 60er Jahren in der DDR nicht gern gesehen, war es doch ein zu öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben“, so Christina Kliem vom Wendischen Museum in Cottbus. Inzwischen findet es mancherorts wieder statt. „Doch die Bräuche wandeln sich. Ehemals sangen die Frauen für sich, heute dagegen öffentlich“ – beispielsweise im Kirchspiel in Schleife oder in Dissen, wo am Karfreitag der Chor „Łužica“ sorbische Lieder vorträgt.
Ein alter Brauch lebt wieder auf – das Osterreiten
Osterreiter sind mit Zylinder, Gehrock, Reithosen und Stiefeln auf aufwändig geschmückten Pferden unterwegs. Fahnen, Kruzifix und Jesusstatue in der Hand, reiten sie am Ostersonntag von Ort zu Ort, um die frohe Botschaft von der Auferstehung Christi zu überbringen. Nach dreimaligem Ritt um die jeweilige Pfarrkirche und den Friedhof machen sich die Reiter auf in die Nachbargemeinde. Der Ursprung des Osterreitens wurzelt im Brauch, mit den Flurumritten einen magischen Kreis schützend um die Fluren zu ziehen. Bei Lübbenau, in der Gemeinde Zerkwitz, lebt diese Tradition wieder auf.
Ein Kunsthandwerk – Ostereier verzieren
Seit altersher gilt das Ei als Symbol für den Ursprung des Lebens und wir verschenken es, um die innewohnende Lebenskraft weiterzugeben. Dabei ist das Schmücken von Eiern eines der ältesten Zeugnisse künstlerischer Tradition vieler Völker. Die sorbischen Ostereier sind heute weit über die Lausitz bekannt. Auf den zahlreichen Ostermärkten der Region kann man sie bewundern und erwerben. Mit ruhiger Hand und Geduld lassen sich diese prächtigen Kunstwerke mittels Wachsen, Wachsbossieren, Kratzen und Ätzen in zahlreich angebotenen Kursen auch selbst gestalten.

Sorbische Ostereier in Wachs-Batik-Technik / Fotos: Werner Meschkank
Spaß beim Eierrollen – das Waleien
Rund um Cottbus und im Spreewald ist ein besonderes Spiel – das Waleien (von sorbisch: walkowanje – rollen), auch als Eierrollen bezeichnet – verbreitet. Dabei lassen Kinder nacheinander je ein Ei über eine natürliche Bahn aus Sand oder Kies oder eine Holzbank hinabrollen. Wer das Ei eines anderen trifft, darf es behalten. Ursprünglich war auch dieses Spiel ein Fruchtbarkeitsbrauch, denn die Schalen der Eier wurden nach dem Verzehr auf das Flachsfeld gestreut. „Früher wurde dieses Spiel auf jedem Hof gespielt, es gab Tauschgeschäfte aller Art und Eier, Murmeln und Geld wechselten ihre Besitzer“, erzählt Maria Elikowska-Winkler, Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus. „Heute werden auf Ostermärkten und -festen, z. B. bei der Hasen-Nacht im Lausitz Park Cottbus, die innerhalb eines bunten Programms zur 4. Lausitzer Walei-Meisterschaft und einer Oster-Olympiade einlädt, und in Kitas und Kinderhorten der Region kleine Wettbewerbe durchgeführt.“
Für immer jung und gesund – Osterwasser holen
„Junge Mädchen liefen am Ostersonntag am frühen Morgen zu einem Bach oder einer Quelle, um das frische Osterwasser zu holen. Es soll Jugend und Schönheit bewahren und darüber hinaus heilende Kräfte besitzen“, erinnert sich die 77-jährige Wendin Lena Matikowa aus Jänschwalde. Die Mädchen durften jedoch auf dem Hin- und Rückweg kein einziges Wörtchen sprechen, sonst verlor das Osterwasser seine Zauberkraft und wurde zum „Plapperwasser“. Natürlich wurde versucht, sie auf dem Rückweg zu erschrecken oder zum Sprechen zu bewegen. Helene M. lächelt: „Man sah auch Frauen zur Quelle huschen, die unter allen Umständen unerkannt bleiben wollten – aus Sorge, wegen ihres Aberglaubens belächelt zu werden und – schlimmer noch –, weil man damit ja einräumte, es nötig zu haben …“
Besuche zu Ostern – die Patengeschenke
Die Patenkinder erhalten auch heute noch zu jedem Osterfest von ihren Paten zwei bis drei gefärbte Eier, einen Lebkuchen, eine Ostersemmel, eine aus farbigem Papier selbst gedrehte Zuckertüte mit Süßigkeiten und auch etwas Geld oder eine Tasse. Im 6. Schuljahr dann bedanken sich die Patenkinder mit einem Spruch bei ihren Paten und bekommen bis zur Konfirmation das Geschenk noch zweimal. So vielfältig die Bräuche, so verschieden gelebt wird man sie auch in der Region antreffen. Jede Ortschaft hat sie mit ihrem eigenen Charakter versehen, doch alle geben sie unvergessliche Einblicke in das unverwechselbare und lebendige Brauchtum der Sorben.
www.lodka.sorben.com
www.cottbus-und-umgebung.de
Archiv:
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