Mach das, was dir Spass macht!
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- Interview mit Marketingexpertin Martina Tittel
- von Gerald Backhaus
Denn nur dann ist man wirklich gut, das weiß Marketingexpertin Martina Tittel, langjährige Geschäftsführerin von Dussmanns Kulturkaufhaus. Auf ihrem Grundstück residierte früher die Schauspielerfamilie George. Bei Earl Grey Tee, gregorianischer Chormusik und einem faszinierenden Blick auf den vereisten See sprechen wir mit Martina Tittel über ihr Leben und – natürlich – ihre Geschäfte. Was für ein Termin für meine Fotografenkollegin und mich, das Treffen in der Duplex-Wohnung in Wannsee. Mit Sabeth Stickforth teilt die Gastgeberin die Leidenschaft für Kameras, „Ich hab eine alte schwere Nikon mit Metallgehäuse, die liebe ich“, und mit mir das Interesse herauszufinden, warum ein Laden läuft und ein anderer nicht.

Martina Tittel, Foto: Sabeth Stickforth
Wenn sie bei einem Buchhändler anruft und ihren Namen nennt, öffnen sich sofort Ohren und Türen. So geschehen, als sie für den Verlag Zweitausendeins ein Shop-in-Shop-Konzept geplant und Partner gesucht hat. Kein Wunder, Martina Tittel hat sieben Jahre lang eine der wichtigsten Buchhandlungen der Republik aufgebaut und geleitet. Sie war Chefin des über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Kulturkaufhauses Dussmann in der Berliner Friedrichstraße, der „Großbuchhandlung des Jahres 2006“. Die Zeit dort möchte sie nicht missen. „Ich kann nicht irgendwo arbeiten, wo ich mich nicht wohl fühle. Ich hatte klasse Mitarbeiter, mit denen es Spaß gemacht hat, an Marketingstrategien zu stricken und miteinander erfolgreich zu werden.“ Alles, was bei Dussmann stattfand, hatte sie genau geplant. Nach sieben Jahren war dann aber Zeit für etwas Neues.
Heute ist sie eine Einzelkämpferin. Einen normalen Arbeitstag gibt es nicht. Nach dem Joggen oder Schlittschuhlaufen auf dem See geht es entweder zum Kunden oder an den Schreibtisch. Martina Tittel ist tätig als Coach, hält Seminare und berät – da kennt sie sich aus wie wenige andere – Einzelhändler. Keineswegs nur welche, die Bücher, Musik und Filme verkaufen, wie den polnischen Medienkonzern, mit dessen Vertretern sie durch Berliner Geschäfte streifte, um ihnen Positiv- und Negativbeispiele vor Augen zu führen, oder Wieland Giebels „Berlin Story“ Unter den Linden. Aktuell berät die Marketingexpertin, die viel Fröhlichkeit und gute Laune verströmt, Brandenburger Geschäftsinhaber ganz unterschiedlicher Branchen. In der Innenstadt von Strausberg geht es darum, wie Händler – vom Optiker über die Modeboutique bis zur Apotheke – ihre Läden attraktiver gestalten können.
Dabei legt die Berlinerin, die in Neukölln aufgewachsen ist, auch selbst Hand an und dekoriert beispielsweise mal ein Schaufenster. Die Inhaber und Verkäufer können sich so viel besser vorstellen, worauf ihre Hinweise abzielen. Auch deshalb hat sie überall eine Kamera – mittlerweile eine kleine digitale – dabei. So kann sie gute wie schlechte Beispiele festhalten, wo immer sie unterwegs ist. Viel unterwegs war sie besonders in ihrer Zeit vor Dussmann. Ihre Stationen lesen sich wie eine Bilderbuchkarriere in der Wirtschaft: Vertriebsleiterin bei D2 Mannesmann Mobilfunk, Expansionsleiterin Deutschland sowie Vertriebsleiterin für Berlin und Magdeburg bei der Hypo-Service-Bank. In dieser Zeit hat sie die östlichen Bundesländer vom Thüringer Wald bis zur Ostsee kennengelernt. Zuvor hat Martina Tittel für Montanus, Wertheim, Hertie und für IKEA gearbeitet. „Summa summarum habe ich über 25 Jahre Erfahrung in Handel, Marketing und Vertrieb.“
Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau hat sie Biologie, Germanistik, Politologie und Publizistik an der FU studiert. „Nach Ostberlin durfte ich zu Mauerzeiten nicht einreisen. Ich war eine unerwünschte Person, weil ich das falsche Parteibuch hatte.“ Falsches Parteibuch? Sie war in der Alternativen Liste und hatte die Grünen mitgegründet. Berufspolitikerin wollte sie aber nie werden.
Privat reist Martina Tittel gern, zum Beispiel mal eben nach Reims und von dort direkt nach Köln, um die beiden berühmten Kirchengebäude zu vergleichen. Ihr Sohn arbeitet beim Radio. Um junge Menschen, denen ihre berufliche Entwicklung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einfach gelingt, bemüht sie sich ehrenamtlich. In ihrer Arbeit als Vorsitzende des Handelsausschuss der IHK Berlin hat Martina Tittel eine neue Qualifizierung in der Weiterbildung von Jugendlichen ohne Schulabschluss entwickelt, den Einzelhandelslogistiker. Neben ihren Vorträgen und Seminaren veröffentlicht sie Artikel über Erfolgsstrategien im Einzelhandel, Nischenmärkte und Kulturmarketing. Sie sitzt im Regionalbeirat des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, im Wirtschaftskreis Mitte und im Beirat der Zentral- und Landesbibliotheken. Studienabsolventen, die sich bewerben, rät Martina Tittel, die schon Tausende Menschen eingestellt hat, sich mit der jeweiligen Firma vorher intensiv zu beschäftigen. „Grundsätzlich empfehle ich, das zu machen, was man wirklich will, woran man Freude hat. Nur darin kann man wirklich gut sein.“
Zusammen mit dem Buchautor Jens Arndt organisiert Martina Tittel gerade eine Ausstellung über die Villen des sogenannten Schweizerdorfes Klein-Glienicke bei Potsdam, eines Gebietes, das durch die innerdeutsche Grenze isoliert war. Für das Budget in sechsstelliger Höhe versucht sie, Sponsorengelder zu akquirieren. Und was liest die Frau der Bücher, wenn sie mal keine Fachliteratur durchgeht? Arne Dahls „Totenmesse“ haben wir auf dem Couchtisch entdeckt. Als gebundene Ausgabe, (noch) nicht als eBook.
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2009






















