KYOTO UND KETZIN
Archiv der Ausgabe 3 | 2. Jahrgang | Herbst 2006
- Brandenburger Städtchen wird zum CO2 Forschungslabor
Mal Hand aufs Herz: Vom Kyoto-Protokoll hat jeder schon mal etwas gehört. Aber was sich genau dahinter verbirgt, wissen nicht alle auf Anhieb. Keine Panik, Sie müssen jetzt nicht Ihren Telefonjoker setzen. Denn wir helfen Ihnen auf die Sprünge: Im Kyoto-Protokoll haben sich Staaten verpflichtet, ihren Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern (siehe Kasten). Zu diesen Schadstoffen, die zur weltweiten Klimaveränderung beitragen, gehört auch CO2. Manch einer kennt es noch aus dem Chemieunterricht – Kohlendioxid. Und nach Kyoto kommt jetzt Ketzin ins Spiel. Denn dort untersuchen Forscher des GeoForschungsZentrums Potsdam (GFZ) in einem EU-weit einzigartigen Versuch, ob in unterirdischen Sandsteinschichten Kohlendioxid quasi „geparkt“ werden kann.
Ein altes Erdgaslager im märkischen Sand
Ketzin ist einer der wenigen Orte in der Welt, an dem die Wissenschaftler testen, ob ihre Idee, CO2 im Untergrund zu speichern, in der Praxis realisierbar ist. Außerhalb des Städtchens befindet sich ein ehemaliger unterirdischer Erdgasspeicher. Die Schichten in größeren Tiefen unter diesem Speicher sollen genutzt werden. „Wir wollen sehen, wie sicher man die Speicherung realisieren kann. Wir suchen nach den besten Technologien für eine sichere Lösung“, betont Professor Frank Schilling vom GFZ Potsdam immer wieder. Im Prinzip läuft das Ganze so ab: Maximal 60 000 Tonnen CO2 werden im Laufe von zwei Jahren in den Untergrund gepresst und in den Gesteinsporen gespeichert. Die darüber liegenden Tonund Lehmschichten sollen wie ein Deckel auf einem riesigen Topf funktionieren: Sie sorgen dafür, dass nichts an die Oberfläche dringt; betroffen ist ein Gebiet von etwa 600 mal 600 Metern – und das nächste Wohnhaus ist 5 Kilometer entfernt. „Alles wird genauestens mit Sensoren kontrolliert und überwacht“, erzählt der GFZ-Experte. Ein Pavillon auf dem Gelände wird Interessierte mit aktuellen Informationen versorgen.
Messungen mit CO2-Sonden werden auf einem Areal durchgeführt, welches wesentlich größer ist als der Speicher. Untersuchungen von der Erdoberfläche (seismisch, Gasanalytik), in den und zwischen den Bohrlöchern (seismisch, geoelektrisch, Temperaturmessungen, Gasmessungen) überwachen das Injektionsexperiment. MSP – Multi Source Point Profiling VSP – Vertical Seismic Profiling DTS – Downhole Temperature Sensor VERA – Vertical Electrical Resistivity ArraySekt oder Selters
Das Kohlendioxid für die Tests stammt jedoch nicht aus brandenburgischen Autoauspuffrohren, sondern aus Kraftwerken. Diese sollen das Gas nicht mehr in die Luft pusten, sondern in den märkischen Sand leiten. „Der Schornstein wird quasi umgedreht“, sagen die Wissenschaftler.
Blick auf das Versuchsgelände (ehemaliges Gasreservoir) 5 km außerhalb von Ketzin. Die Bohrlokationen sind eingetragen.Eine der spannenden Fragen ist auch: Was passiert, wenn das Kohlendioxid in der Erde ist? Bleibt es ruhig oder verbindet es sich möglicherweise mit anderen Stoffen? „CO2 und Wasser ergibt Selters“, erinnert Professor Frank Schilling und löst damit beim geneigten Zuhörer ein bedächtiges Kopfnicken aus. Nun dürfte so keinesfalls eine neue Naturquelle entstehen und Ketzin wird in absehbarer Zeit auch nicht zu Bad Ketzin werden, allerdings ist immens wichtig zu wissen, was im Untergrund passiert. Nur wenn klar ist, welche Reaktionen ausgelöst werden, kann später auch über eine kommerzielle Nutzung der Technologie nachgedacht werden.
Für Professor Schilling führt aber kein Weg an erneuerbaren Energien vorbei. „Die Speicherung von Kohlendioxid in mehr als 700 Metern Tiefe ist nur eine Übergangslösung, um Zeit für die Umstellung auf andere Energieträger zu gewinnen.“






















