»JE NORMALER DESTO BESSER«
Archiv der Ausgabe 1 | 3. Jahrgang | Winter 2006/07
- Ein dünnhäutiges Multitalent: Schauspielerin und Sängerin Anna Loos
Die Schauspielerin und Sängerin Anna Loos wurde 1970 in Brandenburg/Havel geboren. Frühzeitig nahm sie Unterricht in klassischem Gesang. 18-jährig floh die Brandenburgerin in den Westen, besuchte in Hamburg das Gymnasium und setzte ihre Gesangsausbildung fort. Im Anschluss tourte sie mit verschiedenen Bands bis nach Kanada. 1993 stellte sie ihr komödiantisches Talent im Hamburger Schmidt-Theater unter Beweis und wirbelte ein Jahr später in „Grease“ über die Bühne des Imperialtheaters der Hansestadt. Dem folgte der Sprung ins Fernsehen.
Von 1997 bis 2000 begeisterte sie als Kriposekretärin Lissy Pütz im WDR-Tatort ein Millionenpublikum. In zahlreichen Filmen ist Anna Loos nicht nur als Darstellerin zu sehen, sondern auch mit den Titel- beziehungsweise Filmsongs zu hören.
Im Jahr 2000 wurde Anna Loos mit dem Darstellerpreis des Fernsehfilmfestivals Baden-Baden für „Halt mich fest“ ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt sie den „New Faces Award“ für ihre Rolle im Kinofilm „Anatomie“.
Als Sally Bowles eroberte sie 2004 / 2005 in „Cabaret“ die Herzen der Berliner Zuschauer. Die Aufführung in der „Bar jeder Vernunft“ wurde Abend für Abend gefeiert.
Anna Loos ist mit dem Schauspieler Jan Josef Liefers verheiratet, das Paar hat eine Tochter. Zurzeit tourt sie mit der Band „Silly“ durch die Republik.
„Silly ist wie meine zweite Heimat, musikalisch wie menschlich“, sagt die Schauspielerin und Sängerin, die seit November als neue Frontfrau der Kult-Band gefeiert wird.
Sie singt die Lieder von Tamara Danz, die 1996 an Krebs starb. Die Rocklady der DDR wurde oft als „Tina Turner des Ostens“ bezeichnet und war doch in jedem Augenblick ihres 43-jährigen Lebens Tamara Danz. Einmal mehr beweist das Multitalent Anna Loos mit einer gehörigen Portion Mut ihre Vielseitigkeit. Wir trafen die Schauspielerin und Sängerin mit den Brandenburger Wurzeln zum Interview und sprachen mit ihr über Glück, Silly, Brandenburg, Traumrollen und das ganz normale Leben.
Foto: derdehmel.deSie sind in Brandenburg an der Havel geboren und aufgewachsen. Fühlten Sie sich als Teenager manchmal wie „das Kind vom Land“ oder war Berlin dazu viel zu nah?
Natürlich waren Berlin und auch Potsdam nicht weit entfernt, aber Brandenburg war auch immer eine Stadt, die für mich eine Menge zu bieten hatte: ein schönes Theater, Kino und super Clubs. In Brandenburg haben über 100.000 Menschen gelebt – klingt irgendwie nicht nach Dorf.
Was bedeutet für Sie Heimat?
Heimat ist das, was mir eine innere Wärme bereitet, mich entspannt und wo sich auf einmal das Gefühl von absoluter Vertrautheit breitmacht.
Sie studierten an der School of Music in Hamburg. Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Hansestadt?
Ich habe zwölf Jahre in Hamburg gelebt, eine sehr lange Zeit. Schon das lässt darauf schließen, dass es mir dort auch gefallen hat. Hamburg ist eine gemütliche, kleine, saubere und sehr liebevolle Stadt, die mich mit ihrer Elbe, ihren Backsteingebäuden und Menschen herzlich aufgenommen hat. Aber meine Heimat ist in Brandenburg und Berlin, da komme ich her und da gehöre ich hin.
Wenn Sie heute nach Hamburg kommen, wohin gehen Sie auf jeden Fall?
An die Elbe. In Angie’s Nightclub auf der Reeperbahn.
Haben Sie es als Vor- oder Nachteil empfunden, aus dem Osten zu kommen? Oder spielte es gar keine Rolle?
Auf meine Herkunft bin ich immer stolz gewesen. Das hat allerdings eher mit meiner Familie, meiner Kindheit und frühen Jugend zu tun als mit dem System, in dem ich groß geworden bin. Meine Eltern haben mir Werte vermittelt, mich Gerechtigkeit gelehrt, mich zu einem auch politisch denkenden Menschen erzogen und mir viel Liebe gegeben. Das ist ein Vorteil, der von Ost und West unabhängig ist.
Sie sind mit Silly auf Tour und werden als Frontfrau gefeiert. Erinnern Sie sich an Ihre Emotionen, als Sie zum ersten Mal die Stimme von Tamara Danz und diese unangepasste Musik hörten?
Ja, Tamara hat mich als junges Mädchen sehr beeindruckt. Die Bedeutung der Texte habe ich damals nur erahnt, heute verstehe ich sie. Aber schon damals hatte ich das Gefühl, jemand spricht mir aus der Seele, teilt meine Gedanken, mein Lachen und meinen Schmerz.
Warum singen Sie Lieder aus einem untergegangen Land?
Foto: derdehmel.deEs sind keine Lieder aus einem untergegangenen Land. Es sind Lieder von und über Menschen, die auch heute noch nicht ausgestopft im Naturkundemuseum stehen. Diese Lieder haben teilweise eine unglaubliche Aktualität. Vor vier Wochen habe ich einige Zeit in Eberswalde verbracht, da ich dort einen Kinofilm gedreht habe. In Eberswalde lernte ich Kinder kennen, die mir fast das Herz gebrochen haben. Und immer war dieses Lied von den „verlorenen Kindern“ in meinem Kopf. Wenn es nicht vor über 15 Jahren schon geschrieben worden wäre – für diese Kinder könnte man es heute schreiben.
Zu Ihren Lieblingsliedern von Silly gehören „Instandbesetzt“ und „Über ihr taute das Eis“. Warum lieben Sie gerade diese Songs?
Ich weiß nicht. Vielleicht weil sie von einer unglaublich ehrlichen Dünnhäutigkeit und Verletzlichkeit zeugen. Das ist etwas, was man in der heutigen Zeit ja eigentlich kaum zugeben darf. Man muss immer schneller, besser, weiter sein und alles wegstecken können. Ich bin eigentlich sehr dünnhäutig und manchmal etwas übersensibel. Melancholie ist ein Zustand, in den ich mich flüchte, wenn ich mal wieder allen beweisen musste, wie stark und hart im Nehmen ich bin.
Sie stehen auf der Bühne, drehen Filme, singen und tanzen. Wie halten Sie sich fit und in Form?
Oh Gott … Keine Ahnung! Vor vier Wochen habe ich mit dem Rauchen aufgehört, ich war von den Dreharbeiten so ausgepowert und begann gerade mit den Proben für unsere Tour. Ich habe gedacht, entweder ich höre auf, oder ich schaffe das alles nicht. Jetzt rauche ich seit vier Wochen nicht mehr und habe manchmal so schlechte Laune, dass ich teilweise das Gefühl habe, ich habe das Tourette-Syndrom. Natürlich weiß ich, dass es ein vernünftiger Schritt war, aber eigentlich liebe ich das Rauchen und bin in diesem Falle ein Sklave der Vernunft, der Disziplin und der Professionalität.
Nein, im Ernst, ich versuche zu joggen, aber mit viel Arbeit und einem Kind ist regelmäßiges Joggen einfach zeitlich nicht drin.
Sie sind so vielseitig und wandelbar. Gibt es etwas, das Sie gern ausprobieren würden? Vielleicht ein Buch schreiben, Regie führen, einen Flugschein machen oder eine Wüste durchqueren?
Oh, es gibt viele Dinge, die ich gern machen würde! Zum Beispiel würde ich gern mal bei einem Autorennen mitfahren. Sie sind ein Multitalent.
Hand aufs Herz: Können Sie auch kochen?
Hm … das müssten Sie eigentlich meine Familie fragen, aber ich glaube schon. Ich liebe es zu kochen und zu backen. Und ich liebe Hausarbeit, ich entspanne mich beim Putzen. Klingt blöd, ist aber so. Gestern habe ich mit meiner Kleinen die ersten Plätzchen gebacken, schmecken lecker.
Und nun kommt sie, die klassische Schauspieler-Interview-Frage: Welche ist Ihre Traumrolle?
Wenn es so etwas gibt wie eine Traumrolle, dann ist es wahrscheinlich die Rolle in einem guten Musikfilm.
Welche Rolle war bisher Ihre größte berufliche Herausforderung?
Immer die, die ich gerade spiele. Naja, vielleicht bis auf wenige Ausnahmen. Sicherlich war die Rolle der Leni Blum, eine geistig zurückgebliebene Mutter, eine meiner Lieblingsrollen, aber ob es die größte Herausforderung war, weiß ich nicht. Das Verrückte in der Kunst und wahrscheinlich generell im Leben ist ja, dass sich einem die größten Herausforderungen nicht unbedingt als solche präsentieren oder man sie nicht als solche wahrnimmt.
Wenn Sie eine Rolle annehmen, nähern Sie sich der Gestalt eher intellektuell oder „aus dem Bauch“?
Zuallererst aus dem Bauch und wenn der Bauch „Ja“ sagt, kommt der Intellekt dazu.
Was ist für Sie Glück?
Mein Kind, mein Mann, meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit, mein Leben. Früher habe ich oft gedacht, man muss die anderen glücklich machen und dann ist alles gut. Heute weiß ich: Nur wenn ich selbst glücklich bin, kann ich auch jemand anderen glücklich machen. Das bedeutet, dass mein Glück das Glück der anderen ist und umgekehrt.
Bestimmt haben Sie das schon hunderte Journalisten gefragt. Wir tun es trotzdem. Sie sind beruflich gefragt, viel unterwegs und Mutter. Wie gelingt es Ihnen, das alles unter einen Hut zu bekommen?
Meine Eltern haben beide immer gearbeitet und trotzdem viel Zeit mit mir verbracht, und ich versuche es genauso zu machen. Abgesehen davon kann ich gut organisieren, das ist natürlich auch hilfreich.
Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie einen Tag frei haben?
Auf einen stinknormalen Alltag. Je normaler desto besser.
Ist es besonders anstrengend oder eher entspannt, wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Mann vor der Kamera stehen?
In jedem Fall ist es sehr individuell. Wir kennen uns sehr genau und haben einen guten Umgang miteinander. Außerdem schätzen wir uns natürlich als Kollegen. Wenn der eine den anderen kritisiert, dann tut er das mit Respekt und ist immer darauf bedacht, den anderen noch besser zu machen. Das ist etwas ganz Tolles.
Wenn wir miteinander arbeiten können, verbringen wir außerdem ja auch gemeinsame Zeit – ein angenehmer Nebeneffekt, den wir auch sehr genießen.
Wann wussten Sie, dass Jan Josef Liefers der Mann ist, mit dem Sie alt werden möchten?
Von der ersten Sekunde an, ich hab ihn gesehen und habe es gewusst.
Sie haben – die Zuschauer von „Cabaret“ wissen, warum wir das fragen – eine große erotische Ausstrahlungskraft auf der Bühne. Ist Ihr Mann manchmal eifersüchtig?
Nein, gar nicht.
Viele Frauen haben große Ängste vor dem Älterwerden. Bei Schauspielerinnen potenziert sich das, da das Gesicht Projektionsfläche für die Rolle ist. Wie gehen Sie damit um?
Die Band Silly: Rüdiger (Ritchie) Barton, Anna Loos, Uwe Hassbecker, Jäcki ReznicekFoto: Jim Rakete
Na, ich habe ja jetzt gerade das Rauchen wieder aufgegeben, das ist schon mal ein toller Schritt in Richtung ewige Jugend. Nein, im Ernst, ich habe keine Angst vor dem Älterwerden. Alles hat seine Zeit und ich denke, man sollte sein Leben genießen und seine Zeit nicht damit verschwenden, einer Jugend nachzulaufen, die man nicht zum Bleiben zwingen kann.
Ihr Lebensmittelpunkt ist Berlin. Was lieben Sie an dieser Stadt?
Alles, Berlin ist für mich Heimat, aber das Thema hatten wir ja schon.
Welche „Ecken“ mögen Sie besonders gern?
„La Pignata“, mein Lieblingsrestaurant, den Britzer Garten, Kreuzberg, die Bergmannstraße, das „Medel“, die vielen Programmkinos, den Flughafen Tempelhof und noch so viel mehr …
Worauf dürfen sich Anna-Loos- Fans freuen?
Ich versuche immer Dinge zu machen, an die ich glaube und für die ich einstehen kann. Und ich hoffe, dass ich meinen Fans auf diesem Weg noch viele Freuden bereiten kann.
bm
Silly-Tourdaten:
09. Februar Jena | 10. Februar Erfurt | 30. April Leipzig | 17. Juni Cottbus | 13. Juli Hohenfelden | 14. Juli Schwarzenberg | 15. Juli Dresden | 07. September Rostock | 08. September Berlin
www.annaloos.de
www.sillyhome.de
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006






















