INTERNATIONALE SPITZENPOSITION
Archiv der Ausgabe 2 | 3. Jahrgang | Frühjahr 2007
- Bundesland als „Innovationslabor für erneuerbare Energien“
Ein neues Schlagwort bestimmt seit einiger Zeit die Auftritte des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Er sieht sein Land als „Innovationslabor für erneuerbare Energien“. Nirgendwo anders in Deutschland gebe es so viele Ideen und Anlagen zur Nutzung von Wind, Sonne und Biomasse. Mehrere in Brandenburg entwickelte Technologien gehörten sogar zur Weltspitze, schwärmt Platzeck vor Unternehmern, Politikern und Wissenschaftlern aus aller Welt. Allein sieben große Firmen produzieren Anlagen zur Nutzung der Sonnenenergie oder bereiten sich auf den Fertigungsbeginn noch in diesem Jahr vor.
Foto: Odersun AG/Winfried MausolfIn seinen Reden vergisst Platzeck allerdings nie die Nennung des Urhebers für das Schlagwort vom Innovationslabor. Ja, er stellt ihn sogar als überzeugenden Werbeträger der Botschaft vor: Professor Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung und Berater von EU-Kommission und Bundesregierung. Der international anerkannte Wissenschaftler versucht in seinen vielen Gesprächen nicht nur die Menschheit vor den Folgen eines weltweiten Klimawandels zu warnen, sondern auch Alternativen aufzuzeigen. Gern verwendet Schellnhuber das Bild vom Untergang der „Titanic“, um seine Gesprächspartner aufzurütteln. „Es liegen viele Eisberge vor der Menschheit“, sagt der Professor. „Wenn wir nichts unternehmen, endet sie wie einst das stolze Schiff.“
Beängstigende Vorboten
Die Schilderung der Klima-Szenarien des Potsdamer Instituts für die Region Berlin-Brandenburg hört sich tatsächlich beunruhigend an. Sommerhitze von 45 bis 48 Grad Celsius, Sandstürme und Bodenverhältnisse wie in der Sahara und heftige Monsunregen in anderen Jahreszeiten sagen sie für das Jahr 2200 voraus, falls Treibhausgase weiterhin in so großen Mengen in die Atmosphäre gelangen.
Schon jetzt spürt jedermann die beängstigenden Vorboten. Die Durchschnittstemperaturen steigen, während Niederschläge immer seltener auftreten. Dafür gibt es mehr Extreme wie Sturm, Hitze oder kurzzeitige Starkregen. Der Grundwasserspiegel sinkt und für weite Teile Brandenburgs werden Steppenverhältnisse vorausgesagt – ohne die in manchen Illustrationen gezeigten Palmen oder Weinstöcke. Stattdessen trocknen Seen und Flüsse aus, während Waldbrände die Feuerwehren in Atem halten.
Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch
Foto: First SolarDie Alternative ist an mehreren Brandenburger Orten hautnah zu erleben. Forschungsinstitute und Unternehmen machen neue Erfindungen, um die erneuerbaren Energien buchstäblich anzuzapfen. Überall drehen sich Windräder. Schon jetzt nimmt das vergleichsweise kleine Brandenburg den zweiten Platz bei der Energieerzeugung aus Wind hinter Niedersachsen ein. 28 Prozent des Bedarfs des Landes könnten aus den Windanlagen gedeckt werden. Auch bei der Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes aus den Braunkohlekraftwerken ist Brandenburg Vorreiter.
Die neuen Solarfabriken entstehen in Luckenwalde, Brandenburg an der Havel, Prenzlau, in Eisenhüttenstadt und vor allem in Frankfurt (Oder). Die Grenzstadt fühlt sich schon jetzt als die „Solarhauptstadt Deutschlands“, wie Oberbürgermeister Martin Patzelt euphorisch meint. Mitte April nahm hier als erste von drei Unternehmen die Odersun AG ihren Betrieb auf. Sie trägt dünne Solarmodule auf ein Kupferband auf, das zentimetergenau zugeschnitten. Das machte Firmenchef Ramin Lavae Mokhtarie an recht praktischen Beispielen deutlich. „Wir bieten eine mobile Steckdose für Handys, Laptops, Radios und andere elektrische Geräte an“, sagte der gebürtige Iraner, der seit langer Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. „Umhängetaschen werden auf der Außenseite mit einer dünnen Solarmodulauflage bestückt, die mit einer kleinen Batterie im Innern verbunden ist.“ Die Akkus könnten somit jederzeit und unabhängig von einem Stromanschluss aufgeladen werden.
Lohnende Investitionen
Foto: www.pixelio.deZwar legten Wissenschaftler aus Frankfurt (Oder) diese nützliche Lösung schon vor 13 Jahren auf den Tisch. Aber da fehlte es an interessierten Industrieunternehmen und vor allem an Geld. Doch die Diskussion um den Klimawandel öffnete viele Wege. Dank der Förderung von erneuerbaren Energien durch die Bundesregierung und die EU lohnt sich nun die Produktion. Bislang investierte allein die Odersun AG 8,5 Millionen Euro in ihre Produktionsstätte, der bald weitere Fabriken folgen werden. Das Land Brandenburg steuerte 3,5 Millionen Euro Fördermittel bei. Ein Teil des restlichen Geldes stammt von der britischen Firma Doughty Hanson Technology Ventures sowie vom chinesischen Technologie-Unternehmen Advanced Materials R&D Strategy. „Wir wollen für und in China produzieren“, erklärte Firmenchef Mokhtarie diese Zusammenarbeit.
Bundesminister Wolfgang Tiefensee nannte die Werkseröffnung eine „atemberaubende Erfolgsgeschichte“. Sie zeige, dass sich die ostdeutschen Bundesländer auf neue Technologien konzentrieren müssen. Hier sei der Kuchen in Deutschland noch nicht so weit verteilt wie in anderen Branchen. Bald folgen mit dem amerikanischen First-Solar-Werk und dem Hamburger Unternehmen Conergy noch zwei weitere große Solarfabriken in Frankfurt. Rund 1.500 Jobs entstehen damit allein im Jahre 2007.
Den Titel „Innovationslabor für erneuerbare Energien“ hat sich Brandenburg nicht zuletzt beim neuen Programm der Bundesregierung „Wirtschaft trifft Wissenschaft“ verdient. Mit 25 Millionen Euro soll die Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstituten und Industrieunternehmen gefördert werden. Von den bundesweit 157 Antragstellern auf Geld aus diesem Programm kamen 22 aus Brandenburg, die meisten aus der Solarbranche.
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007






















