IKONE, JUWEL, WAHRZEICHEN
Archiv der Ausgabe 3 | 2. Jahrgang | Herbst 2006
- Der Neubau des Hans-Otto-Theaters entwickelt sich zur Pilgerstätte für Einheimische und Touristen
Gedruckte Stadtführer über Potsdam verraten derzeit ganz leicht ihre Aktualität. Denn schon beim ersten Blättern in diesen Büchern sollte der Leser auf das neue Wahrzeichen stoßen, um bei ihm die Neugierde auf ein in mehrfacher Hinsicht phantastisches Gebäude zu wecken. Das Hans-Otto-Theater direkt am Tiefen See in der Nähe der Glienicker Brücke besticht schließlich nicht nur Kunstliebhaber.

Seit seiner spektakulären Eröffnung Ende September durch den Bundespräsidenten Horst Köhler und die brandenburger Prominenz entwickelt sich der Bau des Kölner Stararchitekten Gottfried Böhm zu einer Pilgerstätte für Einheimische und Touristen. Sie schauen von der Humboldtbrücke, vom gegenüberliegenden Seeufer des Babelsberger Parks, von Bord eines Fahrgastschiffes oder direkt vom Gelände der einstigen Gasanstalt und Munitionswäscherei auf das faszinierende Gebäude.
Dann entzünden sich meist sofort die Debatten über das futuristisch anmutende dreischalige rote Dach über dem Zuschauerraum. Gottfried Böhm soll sich dazu vom berühmten Opernhaus in Sydney inspirieren lassen haben. Doch die Deutung der konkreten Formen seines Potsdamer Werkes überlässt er den Besuchern. Die können und sollen sich wohl auch nicht einigen. Da ist von einer „entfalteten Blüte“ die Rede, von einer „klaffenden Muschel“ oder den „schützenden Händen Buddhas“. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
So bleibt der 26,5 Millionen Euro teure Bau immer im Gespräch, nicht nur innerhalb des Theaterpublikums. Das strömt ohnehin zu den Inszenierungen des engagierten Intendanten Uwe Eric Laufenberg, der seine neue Spielstätte als „Ikone“ bezeichnet. Darin schwingt nicht zuletzt ein gehöriges Maß Selbstbewusstsein über sein Ensemble und das Haus mit. Der Kölner hatte sich vor Jahren zu einem Arrangement in Potsdam nur unter der Zusage verpflichtet, dass es endlich mit dem Theaterprovisorium in Potsdam vorbei sein müsse.
„Katte“: Manfred Karge (l. v.) als Friedrich Wilhelm I., Foto: Matthias HornDas war in den Neunzigerjahren gar nicht so selbstverständlich, wie es in der Rückschau klingen mag. Nicht wenige Stimmen lehnten ein eigenständiges Potsdamer Theaterensemble sogar schlichtweg ab. Schließlich könnten die Brandenburger doch innerhalb kurzer Zeit zu den zahlreichen Bühnen Berlins fahren. Geld schien ohnehin weder in der Stadt noch im Land ausreichend vorhanden zu sein. Dazu kam die Odyssee des Potsdamer Ensembles, dessen historisches Haus in der Bombennacht vom 15. April 1945 zerstört worden war. Es zog danach in eine ehemalige Tanzgaststätte in der Zimmerstraße am Park Sanssouci und behauptete sich dort unter schwierigen Verhältnissen. Noch in den letzten Monaten der DDR begann ein Neubau auf den Grundmauern des abgerissenen Stadtschlosses auf dem Alten Markt.
1991 erfolgte nach heftiger Diskussion der Abriss dieser Fragmente und wenig später spielte das Theater in einem Provisorium aus Stahl, Aluminium und Stoff. Diese „Blechbüchse“ überdauerte bis ins Jahr 2006, in dem das Hans-Otto-Theater – benannt nach dem 1933 von den Nazis ermordeten Schauspieler und Kommunisten – an die Schiffbauergasse umziehen konnte.
Hier hatte sich schon vorher die alternative und freie Kunstszene etabliert. Sie bleibt natürlich in ihren angestammten Häusern. Nur einen Steinwurf entfernt befinden sich außerdem mit dem Software-Anbieter Oracle und dem VW-Designercenter zwei wissenschaftliche Stätten. Die Beschäftigten und Künstler treffen mit vielen Gästen nicht nur im Theaterfoyer oder zu den Vorstellungen zusammen, sondern auch im neuen Restaurant in der bereits 1799 als „Knochenhauersche Zichorienfabrik“ erwähnten Mühle unmittelbar neben dem wie ein Juwel glänzenden Neubau. Für die Stadtführer gibt es also viel zu berichten.






















