Ich war und bleibe Neuruppiner!
Archiv der Ausgabe 2 | 3. Jahrgang | Sommer 2008
- Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde über seine Stadt und ihre Zukunft
Der rührige Rathaus-Chef, ein Sohn der Stadt, hat alle Hände voll zu tun. An einem ganz normalen Arbeitstag sind Jens-Peter Goldes Termine bis in den Abend eng gesteckt. Ein Spagat ist es, die für das Allgemeinwohl wichtigsten Themen zu erkennen, dabei aber nicht den Einzelnen mit seinen Problemen zu vernachlässigen. Lob und Kritik bekam Golde für seine Reformen der Verwaltung und der kommunalen Gesellschaften. Zum Beispiel hat er die Kultur ins Rathaus zurückgeholt. Viele argwöhnten, er sei ein Mann der Wirtschaft, er mache die Kultur nur zur Chefsache, um ihr den Geldhahn zuzudrehen. Doch ganz im Gegenteil: Der Etat steigt, die Besucherzahlen und Einnahmen der Kultureinrichtungen auch. Neuruppin gibt kein Geld mehr aus für kurzfristige Schauveranstaltungen. Stattdessen wird von langer Hand geplant. Die Stadt will ab 2010 jährliche Fontanefestspiele von überregionaler Bedeutung etablieren. Erste Adresse für Kultur und Standort für Gesundheit und Wellness, das sind die Pfunde, mit denen Neuruppin ver stärkt wuchern möchte. Alle Projekte werden gebündelt in der „Neuruppin Strategie 2020“, die die Einwohner dazu aufruft, die Zukunft der Stadt gemeinsam zu gestalten. Die Stadt ist in einer Übergangsphase. Städtebaulich ist sie sehr weit vorangekommen und gut saniert, doch öffentliche Fördermittel laufen ab 2013 aus. Neuruppins Gewerbegebiete sind relativ ausgelastet, aber die Wirtschaftsförderung muss neue Unternehmen anziehen. Dazu will die Stadt eine eigene Gesellschaft gründen. „Wenn wir wollen, dass wir in der Perspektive agieren können, müssen wir jetzt die Weichen stellen. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, heißt die Losung“, so der Bürgermeister.
„Dienen unsere Entscheidungen unseren Kindern, sind es gute Entscheidungen!“
Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde; Foto: Michael LüderWer die positive Entwicklung der Stadt in den letzten 100 Jahren verfolgt hat, weiß, dass man die Stadt aufgrund ihrer logistischen und landschaftlichen Lage eigentlich nur bremsen kann. Das einzige wirkliche Risiko liegt in übereilten, unbedachten Entscheidungen. Über dem Eingang zum Alten Gymnasium steht der Wahlspruch „civibus aevi futuri“, auf Deutsch „den Bürgern des kommenden Zeitalters“. Dieser Spruch ist auch Motto der Stadtobersten, denn, so Golde, „dienen unsere Entscheidungen unseren Kindern, sind es gute Entscheidungen. Dienen sie einzig uns, sind es schlechte Entscheidungen.“
„Ja“ zur Innenstadt − Neuruppins Herz wird „wiederbelebt“
Wie in vielen Städten ist auch in Neuruppin zu beobachten, dass immer mehr Menschen zum Einkaufen zu den Großmärkten vor den Stadttoren fahren und die Innenstädte zu veröden drohen. Neuruppins Stadtoberhaupt steuert dagegen und will die Innenstadt in vieler Hinsicht beleben: „Wir bringen die Händler der Altstadt und die Leiter der Discounter und Einkaufzentren an einen Tisch und moderieren.“ Das sei gar nicht so einfach, gibt Bürgermeister Golde zu, aber sehr hilfreich. Das Alte Gymnasium, in dem Fontane zur Schule gegangen ist, soll zum Haus der Bildung mit angeschlossener Fachhochschule umgestaltet werden. Das Museum wird innen saniert und erhält einen modernen Anbau. Golde ist dabei, eine „Kulturmeile“ in der Innenstadt zu etablieren. Und im nächsten Jahr will er ein aktives Stadtmarketing und ein Innenstadt-Management einführen.
Neuruppin als Hinterland von Hamburg und Rostock?
Seiner Rolle als wirtschaftliches Zentrum soll Neuruppin durch Stabilität und Innovation gerecht werden. Die Stadt setzt auf eine breite Struktur kleiner und mittlerer Unternehmen, nicht auf Großindustrien. „Als Moderator holen wir andere Gemeinden an den Tisch, wenn es um Visionen geht, die heute vielleicht von dem einen oder anderen belächelt werden“, so der Bürgermeister. Er hat gleich ein Beispiel zur Hand: „Können Sie sich vorstellen, dass die Seehäfen Hamburg und Rostock unsere Region in 15 Jahren dringend für ihren Transfer brauchen? Weil ihre Terminals und die Hauptverkehrsadern aus allen Nähten platzen! Und weil unsere Region bestimmte Güter dann veredelt oder endmontiert.“
„Das Allerwichtigste ist dabei, den Menschen die Scheu vor Visionen zu nehmen.“
Golde will die Abwanderung stoppen und neue Bürger gewinnen, und zwar durch die Förderung von Familien und durch neue Arbeitsplätze: „Neuruppin wird alles dafür tun, dass Mütter und Väter wissen, dass ihre Kinder hier eine sichere, vielfältige und gesunde Zukunft mitten im Grün haben werden. Dadurch ist Neuruppin die allerbeste Alternative zur Großstadt.“ Alle Bürger möchte er in Entscheidungen einbinden. Versammlungen zu Baumaßnahmen und die Bürgerfragestunde reichen da nicht. Zusätzlich gibt es regelmäßige Stadtforen, die offen für alle sind und deren Ergebnisse in die Konzepte der Stadtentwicklung einfließen. „Das Allerwichtigste ist dabei, den Menschen die Scheu vor Visionen zu nehmen“, betont Bürgermeister Golde, „vor 15 Jahren dachten viele, es sei völliger Quatsch, ein Thermalbad, den Gesundbrunnen, an die Uferkante des Ruppiner Sees zu bauen. Heute brummt das Haus und macht ein ungeheuer gutes Marketing.“
Neuruppin als Magnet für Urlauber und kunstinteressierte Tagesausflügler
Seit 2006 hat Neuruppin eine gemeinnützige Galerie mit etwa 7.000 Besuchern pro Jahr, und das Museum schickt sich an, große Namen zu präsentieren, wie 2007 eine Ausstellung von Brücke-Malern. In diesem Jahr wird die RBB-Sammlung unter dem Titel „Land, Stadt, Land“ erstmals in Brandenburg gezeigt − und Neuruppin wurde für den Auftakt der Ausstellung ausgewählt. Was den Tourismus in seiner Stadt angeht, ist Jens-Peter Golde optimistisch und bleibt dabei immer Realist: „Als Kunde muss ich immer die Wahl haben. Sind die Angebote zu eintönig oder liegen sie im falschen Preissegment, macht sich keiner auf den Weg.“ Der vormalige Hotelier, der in seiner Freizeit segelt und radelt, hat einfach ein gutes Gespür dafür, was seine Stadt anbieten muss, um die Menschen anzulocken. gb
www.neuruppin.de
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