Gut essen in Brandenburg
Archiv der Ausgabe 1 | 4. Jahrgang | Frühjahr 2009
- Die märkischen Köche im Spagat zwischen Gourmet und regionaler Erlebnisgastronomie
Die Brandenburger Küche muss trotz zahlreicher Höhenflüge einzelner Köche und Restaurants noch mit so manchem Vorurteil kämpfen. Sie sei zu einfallslos und zu wenig regionaltypisch und würde nicht immer mit einem ansprechenden Service präsentiert. Doch diese vor allem in den ersten Jahren nach der Wende entstandenen Meinungen halten längst keinem Praxistest mehr stand. Man sollte es hier mit dem wandernden Dichter Theodor Fontane halten: „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.”
Foto: Sabine GaßerDer aktuelle Restaurantführer Gault Millau berücksichtigt natürlich auch die Brandenburger Spitzengastronomie. 13 märkische Köche erhalten hier höchstes Lob für hervorragende Leistungen. Die Tester beschreiben und bewerten in der neuesten Ausgabe insgesamt 17 märkische Restaurants. „13 Küchenchefs zeichnen sie mit einer oder mehreren Kochmützen aus, wofür die Könner am Herd mindestens 13 von 20 möglichen Punkten erreichen mussten, was einem Michelin-Stern nahe kommt”, heißt es in einer Gault-Millau-Mitteilung. Es seien zwei „langweilig” gewordene Restaurants abserviert und fünf inspirierte Küchen neu aufgenommen worden. Drei Küchenchefs seien höher, zwei niedriger bewertet worden. Spitzenreiter bleibt in Brandenburg Oliver Heilmeyer vom „Restaurant 17fuffzig” im Hotel „Zur Bleiche” in Burg inmitten des Spreewaldes mit 17 Gault-Millau-Punkten. Ihre 16 Punkte aus dem Jahr zuvor verteidigten alle drei Zweitplatzierten. Für ihre „Kochkunst, Kreativität und Qualität” wurden Alexander Dressel vom „Friedrich Wilhelm” im Bayrischen Haus in Potsdam, Carmen Krüger von „Carmens Restaurant” in Eichwalde am südöstlichen Berliner Stadtrand sowie Frank Schreiber vom „Goldenen Hahn” in Finsterwalde im südlichen Brandenburg geehrt.
15 Punkte billigten die Tester dem Restaurant „Speckers Landhaus” in Potsdam zu und jeweils 14 Punkte den Restaurants „Am Humboldthain” in der Havelstadt Brandenburg, „Vierseithof” in Luckenwalde, „Fiore” und „Giglio rosso” im Hotel Am Jägertor sowie „Juliette” in Potsdam und „Alte Schule” in Reichenwalde kurz vor Bad Saarow am Scharmützelsee.
Ein „Newcomer” aus der Havelstadt Brandenburg
Das schmuck und mit sicherer Hand modern eingerichtete Restaurant „Am Humboldthain” von Magdalena Cu palSchmitt erhielt den Zusatz „New comer”. Hier trafen die Kritiker auf eine „ideenreiche Küche und eine ausgezeichnete Gesamtleistung zum Freundschaftspreis”. Den in einem Gebäude einer ehemaligen Luckenwalder Tuchfabrik untergebrachten „Vierseithof” bewertete der Gault Millau als „Aufsteiger”. Seit Jahren veredelt hier Meisterkoch Dieter Kobusch regionale Produkte zu anspruchsvollen Gerichten wie Ruppiner Lammrücken mit geschmorten Schalotten. Im Sommer können die Gäste im schönen Innenhof sitzen.
Jeweils 13 Punkte erhielten die Küchenchefs vom direkt an der Oder gelegenen „Bollwerk” in Eisenhüttenstadt, von der leider seit Jahresanfang geschlossenen „Villa Kellermann” in Potsdam und vom Hafenrestaurant „Ernest” im Resort Schwielowsee in Petzow bei Werder (Havel).
Das Team um Maximilian Dreier hatte die „Villa Kellermann” einst zum ersten Gourmet-Restaurant in den neuen Bundesländern und zum besten italienischen Restaurant in Potsdam gemacht. Doch der endlose Streit mit dem Immobilieneigentümer bedeutete nach 18 Jahren schließlich das Ende für den Ort glanzvoller Veranstaltungen. Nun finden die Einwohner und Gäste den Spitzenmann im „MASSIMO 18″ im denkmalgeschützten Holländischen Viertel.
Keine Kopie internationaler Gourmetküche gewünscht
„Schon an dieser Aufstellung sieht man, dass die Brandenburger Küche viel besser als ihr allgemeiner Ruf ist”, sagt der Restaurantkritiker Helmut Gote aus Köln, aus dessen Feder unter anderem der Führer „Gut essen rund um Berlin” stammt. Der Gast erwarte in den meisten Fällen keine Kopie der internationalen Gourmetküche. Deshalb seien auch die Kriterien der Kritiker manchmal etwas unrealistisch. Zum Gesamteindruck eines solchen kulinarischen Ausfluges gehörten auch die Lage des Restaurants, eine besondere Sehenswürdigkeit und gastfreundlicher Service. Beispielhaft dafür steht das gehobene Restaurant im Hotel „Esplanade” in Bad Saarow. Das Märkische Meer, wie der große Scharmützelsee von Theodor Fontane einst geadelt wurde, liegt gleich vor der Tür. Der bis zum Abzug der russischen Truppen 1994 abgeriegelte Kurpark hat seine ursprüngliche Schönheit erhalten. Vor dem schmackhaften Essen könnten sich die Gäste noch im Wellnessbereich des zu den Brandenburger Spitzenhotels gehörenden Hauses rundum verwöhnen lassen.
Manchmal führt der Name dabei leicht in die Irre. In der „Alten Schule” in Reichenwalde kommen längst keine Pausenbrote auf den Tisch. Denn seit dem Jahr 2000 zaubert der Inhaber Torsten Lojewski aus regionalen Produkten ganz zauberhafte Gerichte wie „Zander aus dem Scharmützelsee mit Saalower Schweinebauch und Weizenbrot”. Bis 1973 wurde in dem Haus tatsächlich noch unterrichtet.
Tafeln im Dorf der Politprominenz
Keine Zweifel lässt dagegen der Name des Restaurants „Klosterblick” aufkommen. Es liegt direkt am Wutzsee in Lindow zwischen Neuruppin und Rheinsberg und hat sich vor allem durch seine Fischspezialitäten einen Namen gemacht. Das Inhaberpaar betreibt seit einiger Zeit auch das Hotel und das Restaurant „Zum Schlosswirt” in Meseberg bei Gransee. Das Anwesen entstand direkt in Nachbarschaft zum Schloss Meseberg, das von der bayrischen Messerschmittstiftung für mehrere Millionen Euro restauriert wurde und nun als Gästehaus der Bundesregierung dient. Zwar wird das kleine Dorf bei Besuchen des amerikanischen Präsidenten oder anderer hochkarätiger Persönlichkeiten meistens für den normalen Verkehr gesperrt, aber in der übrigen Zeit stehen der Augustiner-Gewölbekeller oder das Gourmet-Restaurant für jedermann offen. „Unser Festsaal mit Kamin und Blick auf den Weinberg ist ein idealer Ort für Festlichkeiten aller Art”, schwärmt der Schlosswirt Bert Groche.
„Potsdamer Gastlichkeit” auch im Park Sanssouci
Potsdam als Touristenstadt für Gäste aus aller Welt hat mehrere sehr gute Lokale zu bieten. Nicht zuletzt dank der 2004 gestarteten Aktion „Potsdamer Gastlichkeit” verbesserten sich Qualität und Service. 57 Restaurants, Gasthäuser, Kneipen, Ausflugslokale und Cafes können 2009 mit dem Gütesiegel um Kunden werben.
In Carstens Restaurant „Zum Starstecher” in der Leiblstraße 12 bieten Inhaber Carsten Vogt und seine Familie eine moderne deutsch-mediterrane Küche an. Der Gastraum wird von zwei offenen Kaminen geschmückt. Hinter dem etwas ungewöhnlichen Namen steckt die Geschichte eines Augenarztes, der in dem Haus vor mehr als 100 Jahren seine Patienten vom Grauen Star befreite.
Eine bewegte Historie weist auch das Restaurant „Kleines Schloss” im Park Babelsberg auf. Hier verlebte einst Kronprinz Friedrich Wilhelm seine Flitterwochen. Heute können die Gäste sowohl aus dem Haus als auch von der Terrasse traumhafte Blicke über den Tiefen See genießen. Die Inhaberfamilie Gilka-Bötzow weiß viele Episoden über die jüngere Geschichte des Parks, durch den bis 1989 teilweise die Grenze nach Westberlin verlief. Ganz in der Nähe befindet sich die Glienicker Brücke, die durch den Austausch mehrerer Agenten zum Symbol der deutschdeutschen Teilung wurde. Die schönste Art der Anreise bietet neben dem Fahrrad das Potsdamer Wassertaxi.
Nicht weniger stilvoll geht es im Mövenpick-Restaurant „Historische Mühle” zu. Direkt vis-à-vis vom Schloss Sanssouci gelegen, kehren hier längst nicht nur Touristen ein. Auch Potsdamer „Normalbürger” schätzen das helle und einladende Ambiente im Ensemble, das schon Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1908 errichten ließ.
Mitten im Park Sanssouci fällt das Restaurant „Drachenhaus” durch sein ungewöhnliches Erscheinungsbild auf. Es ähnelt ineinander gesteckten Bausteinen und wurde 1770 von Carl von Gontard als Wohnstätte für den Gärtner des benachbarten Weinbergs gebaut. Doch schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es hier ein gastronomisches Angebot, das im Sommer und Winter durch Auftritte von Künstlern ergänzt wird.
Nach dem Essen wird die Glaskugel geblasen
Eine außergewöhnliche Erlebnisgastronomie bietet das Museumsdorf Glashütte bei Baruth, 70 Kilometer südlich Berlins. Regelmäßig gibt es hier eine „Jausen-Sause”. Die Gäste speisen im flackernden Licht des Glasofens in der ehrwürdigen Hütte von 1861. Von gläsernen Tellern aus der Museumsmanufaktur schmeckt die urige Brotzeit des Gasthofes Reuner besonders gut. Ausgeschenkt wird natürlich in Trinkgläsern aus der Glashütter Manufakturproduktion.
Das Gelage wird garniert durch eigene Versuche mit dem widerspenstigen Glas: Jeder Gast bläst selbst eine Glaskugel. Das Museumsteam führt die Hüttengesellschaft in die Welt des Glases ein. Der Rundgang verschafft Zugang zur unterirdischen Welt des Schmelzofens und zur 300-jährigen Geschichte der Baruther Glasfabrik. Außerdem wird die denkmalgeschützte Hütte bei Einbruch der Dunkelheit festlich illuminiert.
Wer noch weiter ins Land hinausfährt, trifft mit Sicherheit auf das Qualitätssiegel „Brandenburger Landgasthof”. Unter diesem Signet haben sich familiengeführte Häuser zusammengeschlossen, um gemeinsam für ihre kulinarischen und sonstigen Erlebnisangebote zu werben. Sie beziehen die meisten Produkte von Bauern aus der Region. Zur Vereinigung gehören der Landgasthof „Dörpkrog an Diek” in Abbendorf mit dem Prignitzer Nationalgericht „Knieperkohl”, das „Landhaus Wittemans” in Stöffin bei Neuruppin, das Gut Kerkow bei Angermünde, der Gasthof „Zur Linde” in Wildenbruch bei Potsdam, das „Familienhotel Brandtsheide” in Wiesenburg und das „Landhaus Alte Schmiede” in Lühnsdorf bei Belzig.
Ein kulinarischer Ausflug nach Brandenburg birgt also durchaus kein Risiko. Im Gegenteil, er wird die Neugierigen positiv überraschen. Die Vorurteile gehören in die Vergangenheit.






















