GUT, DASS DIE CHEMIE STIMMT
Archiv der Ausgabe 3 | 3. Jahrgang | Sommer 2007
Wenn es nach den Wirtschaftsvertretern von Berlin und Brandenburg ginge, würden sich ihre beiden Bundesländer „am besten sofort” vereinigen. Zwei Männer, die sich oft kabbeln, meist aber an einem Strang ziehen: Die Chemie zwischen uns stimmt”, sagt René Kohl, Chef der Potsdamer IHK über sein Verhältnis zu Jan Eder, seinem Berliner Pendant.
Fotos: IHK PotsdamKämpferisch vertreten die beiden die Interessen ihrer Mitgliedsunternehmen in Berlin und Brandenburg – um sie immer öfter unter einen Hut zu bekommen.
Der eine residiert mitten im Westen Berlins, im „Gürteltier“, wie das Ludwig Erhard Haus in der Fasanenstraße liebevoll genannt wird, der andere in einem schicken Neubau mitten in Potsdam. Sie haben etwa das gleiche Alter und verkörpern schon auf den ersten Blick den Typus des dynamischen Wirtschaftsmannes. Wir sprachen mit René Kohl und Jan Eder über die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über aktuelle Projekte, Chancen und Probleme und natürlich über die Länderfusion.
Am besten sofort – die Länderfusion muss kommen
„Das ist ein Topziel!“, sagt Jan Eder. Die Vorteile liegen aus seiner Sicht auf der Hand: nur noch ein einziger Verwaltungsapparat, das spart Kosten. Aber vor allem „Politik aus einem Guss“, die sich auf vielen Gebieten von der Firmenansiedlung bis zum Ausbildungsmarkt niederschlagen würde. Aber der Berliner ist Realist durch und durch und merkt an, dass es auf absehbare Zeit wohl nicht dazu kommen wird. Berlin würde zwar gern sofort fusionieren, aber Brandenburg zögert. Nicht mal die Bevölkerung, die früher die Fusion abgelehnt hat, sei heute das Problem, so Eder, sondern Brandenburgs Regierung, die auf die Bremse tritt. Auch René Kohl meint, „dass die Fusion kommen muss, um sich als Gesamtregion besser aufstellen zu können“. Er bedauert, dass die Brandenburger Landespolitik die Fusion nicht wirklich auf ihrer Agenda hat und die Menschen nicht von den Vorteilen überzeugt. Dabei werden „wir international schon lange wahrgenommen als eine Region, so wie beispielsweise der Großraum München oder die Öresundregion, die das Ballungsgebiet Kopenhagen und Teile Südschwedens umfasst“, sagt Eder, „und wir ziehen ja in vielen Punkten bereits gemeinsam an einem Strang.“
„BBI darf nicht gefährdet werden“ kontra „Tempelhof zu schließen ist der schwerste Fehler“
Dazu fällt ihm als erstes der Masterplan zur Gesundheitswirtschaft ein. Bis 2020 entstünden in diesem Bereich ca. 30.000 Arbeitsplätze in der Region. Und natürlich der Großflughafen Berlin-Schönefeld (BBI), den auch René Kohl als erstes benennt.
Im Gegensatz zu Eder fordert Kohl aber, dass die kleineren Berliner Flughäfen Tempelhof und Tegel unbedingt geschlossen werden müssen, um das Großprojekt nicht zu gefährden: „Wir als IHK Potsdam stehen zum BBI, der Planfeststellungsbeschluss ist nicht mehr zu diskutieren. Darüber hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, und das muss umgesetzt werden“, so seine Argumente. Eder kontert: „Tempelhof zu schließen, das ist der schwerste Fehler des Senats“. Den kleinsten Berliner Airport offen zu halten, ist ein Herzenswunsch von ihm. Der BBI würde durch Tempelhof nicht gefährdet, meint er, denn die verprellten Businessflieger würden sicher sowieso woanders hin ausweichen und dann womöglich in Schönhagen oder Eberswalde landen. „Wir werfen da einen Vorteil weg ohne Not, und wenn Tempelhof erst mal zu ist, kann man das nicht revidieren.“
„Aus eins und drei mach eins“ kontra „Was bringt uns das?“
Vielleicht sollten die Industrie- und Handelskammern den beiden Bundesländern mit gutem Beispiel vorangehen und es Verbänden, Gewerkschaften oder dem Sender rbb gleichtun? Auf eine Fusion der Kammern angesprochen, lächelt Eder vielsagend: „Da ist es wie mit den Ländern. Die IHK in Berlin ist gesprächsbereit, kann sich viel vorstellen. Letztlich müsste der Impuls aber aus Brandenburg kommen“. Schließlich müssten die ja zunächst aus ihren drei Kammern erst einmal eine machen. Das wiederum könnte die Brandenburgische Regierung anordnen, wenn sie es wollte. Will sie aber nicht, also bleibt es vorerst bei gelegentlichen Treffen der Berliner mit der Landesarbeitsgemeinschaft LAG, die die drei Brandenburger Kammern vertritt. „Für uns sind Effizienz und Schlagkraft am wichtigsten“, argumentiert René Kohl, „was bringt uns ein Zusammenschluss?“, stellt er in den Raum und begründet sein unausgesprochenes „Nein“ unter anderem mit den sehr unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen und Unternehmermentalitäten in ländlichen Regionen wie der Prignitz verglichen mit denen in der Metropole Berlin.
Kampf um Investoren und Kunden
Probleme gibt es immer dann, wenn Berlin und Brandenburg ihre Muskeln spielen lassen, wenn es darum geht, welches Land sich durchsetzt. Beispiele dafür haben sowohl Kohl als auch Eder parat. Eines ist das Fördergefälle. „Wenn Teltow einem Unternehmen 30 Prozent mehr Förderung verspricht als Berlin-Zehlendorf,“ so Eder, „dann überlegt mancher Unternehmer nicht lang und zieht aufs Land. Das ist nicht „kriegsentscheidend“ für die Berliner Wirtschaft“, sagt René Kohl dazu, „und selbst wenn eine Firma rausgeht nach Teltow, dann bleibt das Unternehmen doch der Region insgesamt erhalten.“ Kohl klagt über die Kaufkraftverluste beim Brandenburger Einzelhandel durch die große Attraktivität von Berlin, Eder wiederum über die Einkaufszentren auf der grünen (Brandenburger) Wiese, die Kaufkraft auch aus Berlin „heraussaugen“.
„Breitbanddialog“ & „Service in the City“…
„Berlin und Brandenburg boomen“, das kann man so leider noch nicht sagen. „Es gibt zwar viele Faktoren, die vorteilhaft sind für die Wirtschaft, wie günstige Flächen, Mieten, Personal. Aber ein Problemfaktor existiert, der selbst gemacht ist und nicht sein müsste“, so Jan Eder. Am Herzen liegen ihm vor allem Bürokratieabbau und Deregulierung. Denn gerade das ist – neben den hohen Kosten für Strom und Wasser – ein Grund, der viele Investoren verschreckt.
Mit ihren aktuellen Projekten wollen beide IHK-Chefs bei ihren Mitgliedsunternehmen, auch den potentiellen, punkten. Kohl tritt derzeit in einen „Breitbanddialog“ mit Behörden und Netzbetreibern. Seine IHK erstellt einen Atlas mit dem Ziel, den Netzanbietern zu zeigen, wo in Brandenburg noch „weiße Flecken“ existieren, wie groß der dortige Bedarf ist und sie dadurch zum Investieren anzuregen. Eder wiederum verbessert mit seiner Initiative „Service in the City“ Berliner Schmuddelecken, wie z. B. die vor dem Zoo-Aquarium. In so genannten „Public private partnerships“ arbeiten Bezirksverwaltungen, BSR, Bahn, Hausbesitzer, Hotels und andere zusammen, damit der jeweilige Kiez attraktiver wird. Ab Herbst wird es dafür sogar zwei Mitarbeiter geben, die die einzelnen Projekte koordinieren.
700 offene Ausbildungsplätze im Kammerbezirk Potsdam / Zahl der Berliner Ausbildungsbetriebe verdoppelt
Stolz sind Kohl und Eder unisono auf ihre Erfolge auf dem Ausbildungsmarkt. Die Zahl der Betriebe, die ausbilden, hat sich in der Hauptstadt in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Im Kammerbezirk Potsdam gibt es 11 Prozent mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr. Beide Kammern haben dazu ihr Scherflein beigetragen. Ihre Ausbildungsberater schwirren aus, um neue Lehrstellen zu akquirieren, es werden „Tage der Berufsausbildung“ veranstaltet, und im Oktober gibt es in Berlin eine „Nachvermittlungsaktion“. Flankiert wird alles von Werbekampagnen. „Bald werden in vielen Branchen Fachleute fehlen, deshalb kümmere dich um deinen eigenen Nachwuchs, bilde aus“, rät Eder. Als Problem sehen beide IHK-Chefs die schulische Ausbildung an, die sich erst allmählich und u. a. dank neuer Lehrkonzepte und Projekte verbessert.
Wo liegt die Zukunft von Berlin und Brandenburg?
Jan Eder: „Gesundheit, Verkehr und Mobilität, Medien/Kultur und Tourismus.“ Sein größter Wunsch ist, „das die Wirtschaftsentwicklung, die jetzt eingesetzt hat, von Dauer ist. Und dass es zur Länderfusion kommt, je schneller, desto besser!“ René Kohl ist froh darüber, dass die Unternehmen seiner IHK momentan viel „Luft unter den Schwingen“ haben, besonders was Industrie und industrienahe Dienstleistungen angeht, und wünscht sich, wie Jan Eder, eine positive wirtschaftliche Entwicklung. gb
René Kohl
Foto: IHK Potsdam- geboren in Jessen, aufgewachsen in Falkenberg
- 39 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, lebt in Brandenburg an der Havel
- Berufssoldat bei NVA/Bundeswehr, Hubschrauberführer, Hochschulabschluss im Verkehrsingenieurwesen
- seit 1992 im Brandenburger Landesrechnungshof
- 2001 bis 2004 Büroleiter der CDU-Fraktion im Landtag
- 2004 bis 2006 Büroleiter und persönlicher Referent des Wirtschaftsstaatssekretärs im brandenburgischen Ministerium für Wirtschaft
- seit Oktober 2006 Hauptgeschäftsführer der IHK Potsdam
- Hobbys: Aquarianer und Kajak fahren
IHK Potsdam
- gegründet 1898 als Potsdamer Handelskammer, wechselvolle Geschichte mit diversen Umbenennungen, seit 1990 wieder IHK, 67 000 Mitglieder
- Der Kammerbezirk Potsdam umfasst Westbrandenburg (neben Potsdam und Brandenburg an der Havel die Landkreise Potsdam-Mittelmark, Prignitz, Ostprignitz-Ruppin, Havelland, Oberhavel und Teltow-Fläming)
- IHK-Regionalzentren in Pritzwalk, Neuruppin, Oranienburg, Brandenburg und Luckenwalde
- 100 Mitarbeiter
Jan Eder
Foto: derdehmel.de- geboren in Helmstedt, aufgewachsen im Norden Berlins
- 44 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, leb in Kleinmachnow
- Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Berlin, Marburg und Göttingen
- 1989 „rechtzeitig zum Mauerfall“ zurück in Berlin
- seit 1992 bei der IHK Berlin in den Gebieten Rechtsberatung und Rechtspolitik, dann Assistent der Hauptgeschäftsführung
- Stellvertretender Hauptgeschäftsführer, verantwortlich für Bildung und Berufsausbildung
- seit Januar 2003 Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin
- Hobbys: Geschichte und Sport wie Laufen, Fahrrad fahren, Crosstraining
IHK Berlin
- 1902 gegründet
- 225 000 Mitglieder,
- davon rund 30.000 mit ausländischem Hintergrund
- davon rund 3.500 ehrenamtlich tätige Unternehmen
- 200 Mitarbeiter
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007






















