Großer Sport aus kleinem Land
Archiv der Ausgabe 1 | 4. Jahrgang | Frühjahr 2009
- Suche nach dem Erfolgsgeheimnis: Brandenburg gewann bei Olympia in Peking jede vierte deutsche Medaille
„Der Sport ist ein starkes Stück Brandenburg”. Dieser Satz von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagt viel über die Wertschätzung für die körperliche Ertüchtigung und die Erfolge der Sportler seines Landes. Im deutschlandweiten Vergleich schneiden die märkischen Leistungssportler in den Sommerdisziplinen sogar besonders gut ab. „Da muss sich der Rest der Republik ‘ranhalten”, meinte Platzeck.
Oberhavel Foto: © Friedrich Frühling / PIXELIODie Bilanz der Brandenburger Teilnehmer bei den Olympischen Spielen in Peking im Sommer vergangenen Jahres hört sich tatsächlich sehr beachtlich an: Von den 40 deutschen Medaillen holten sie genau ein Viertel. Für das Flächenland mit seiner vergleichs weise kleinen Bevölkerungszahl von knapp 2,6 Millionen Einwohnern ist das ein hervorragendes Ergebnis. Insgesamt eroberten brandenburgische Sportler in Peking zehn Medaillen in zwölf Disziplinen – eine Gold-, drei Silber- und sechs Bronzemedaillen.
Platzeck machte keinen Hehl um das Erfolgsgeheimnis. Vor allem die gute Vereinsarbeit ermögliche es, aus den begabten Kindern und Jugendlichen exzellente Sportler zu machen. Ausdrücklich schloss er in sein Lob die behinderten Aktiven ein, die bei den Paralympics in Peking ebenfalls große Erfolge feierten. Das System der Spitzensport-Förderung im Land sei durchweg olympiatauglich.
Beste Bedingungen für Ruderer und Kanuten
Die überwiegende Mehrzahl der Leistungssportler profitiert vom Verbund aus Sportschule, Olympia-Stützpunkt sowie Bundes- und Landesstützpunkt. Zahlreiche Sportler gehören der Bundeswehr beziehungsweise der Bundespolizei an. Beim Studium von Biographien von Sportlern aus anderen Bundesländern fallen manchmal aber auch brandenburgische Wurzeln auf. So wurde die zweifache Goldmedaillengewinnerin im Schwimmen, Britta Steffen, zwar als „Berlinerin” gefeiert. Doch sie wuchs in Schwedt auf und begann hier auch ihr Training.
Der besondere Erfolg der Wassersportler verwundert bei einer genauen Betrachtung der Brandenburger Landkarte kaum. Mit mehr als 3.000 Seen und vielen hundert Kilometer langen Flüssen und Bächen nimmt die Mark die Spitzenposition als gewässerreichstes Bundesland ein. Da müssen ganz einfach gute Kanuten und Ruderer heranwachsen. Genau das geschieht seit Jahren beim Potsdamer Kanu-Club (KC) und bei der ebenfalls in der Landeshauptstadt beheimateten Rudergesellschaft. Katrin Wagner-Augustin vom KC gewann in Peking Gold im Vierer-Kajak und Bronze im Einer-Kajak. Ihre Mannschaftskameraden Ronald Raue und Tim Wieskötter, die bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 im Kajak-Zweier souverän den Sieg geholt hatten, wurden vier Jahre später Zweiter. Im siegreichen Frauen-Vierer-Kajak saß auch Fanny Fischer, die Nichte von Deutschlands erfolgreichster Olympionikin überhaupt: Birgit Fischer aus Brandenburg.
Doch trotz aller Erfolge machen Trainer und Sportfunktionäre auch auf Schwächen und eine drohende Abwärtsbewegung aufmerksam. In Athen feierten die Brandenburger Athleten noch fünf Goldmedaillen, vier Jahre später reichte die Kraft nur noch zu einem Sieg. Vor allem die erfolgsverwöhnten Ruderer mussten erhebliche Rückschläge einstecken. Deshalb werden auch im Sport neue Wege beschritten. „Konzentration der Kräfte”, lautet das auch aus anderen Branchen zu hörende Zauberwort. Konkret führte diese am zurückliegenden Jahresende zur Verschmelzung der beiden Olympiastützpunkte (OSP) Cottbus/Frankfurt und Potsdam sowie ihrer Trägervereine zum neuen OSP Brandenburg. Damit soll der Leistungssport noch bessere Bedingungen erhalten, um schon bei den Olympischen Spielen 2012 in London wieder an die alte Stärke anknüpfen zu können. Während der 62-jährige Dr. Wolfgang Gerhold aus BergholzRehbrücke bei Potsdam den Trägerverein des neuen Olympiastützpunktes als Vorsitzender führt, beweist die Besetzung der zweiten Vorsitzenden den hohen Stellenwert des Vereins. Denn die Posten übernahmen die Oberbürgermeister der beteiligten Städte Jann Jakobs (Potsdam), Martin Patzelt (Frankfurt/Oder) und Frank Szymanski (Cottbus).
Olympiastützpunkt bündelt die Kräfte
Der von Potsdam aus geführte Olympiastützpunkt zählt mit seinen mehr als 350 Bundeskadern zu den größten in der Bundesrepublik. „Die Fusion ist Teil unserer Qualitätsoffensive im Leistungssport”, meinte Dr. Wolfgang Gerhold bei der Vertragsunterzeichnung. „Unser Ziel ist die Weltspitze” (mehr zum Thema siehe Interview S. 82). Rund 110 Trainer kümmern sich um Talente und gestandene Sportler. 8,2 Millionen Euro kann der OSP Brandenburg in diesem Jahr ausgeben – rund eine halbe Million mehr als vor der Verschmelzung. Brandenburgs Oberbürgermeister Jann Jakobs sieht die Gründung des Olympiastützpunktes durchweg positiv. Er verkürze die Entscheidungswege, erhöhe das Gewicht gegenüber dem Bund und dem Land und erlaube eine bessere finanzielle Ausstattung der Sportanlagen.
Bevor Sportler allerdings in den Olympiastützpunkt aufgenommen werden, trainieren sie als Kinder und Jugendliche oft in den „Eliteschulen des Sports”. 37 davon gibt es in Deutschland. Die beste steht in Potsdam. Ende Januar erhielt die Potsdamer Eliteschule des Sports „Friedrich-Ludwig Jahn” die Auszeichnung als „Schule des Jahres”. Allein in Peking waren 22 einstige und aktuelle Absolventen vertreten, die zehn Medaillen, davon drei goldene, errangen.
Wie hoch das Interesse der Brandenburger an ihren Sportlern ist, zeigt sich stets bei der mit viel Aufmerksamkeit und Spannung verfolgten Wahl zum „Sportler des Jahres”. Bei der jüngsten Entscheidung setzte sich natürlich die Kanu-Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin durch. Die nunmehr vierfache Olympiasiegerin und achtfache Weltmeisterin trug zum Abschluss der Spiele die deutsche Fahne ins Stadion „Das war ein großartiges Gefühl, vor so vielen Zuschauern – einfach genial”, sagte sie bei der Sportlerehrung in die Mikrofone. Trotz ihrer 31 Jahre denkt sie noch nicht an ein Karriereende, so dass sie wohl 2012 in London ihren Titel verteidigen wird. Bei den Männern setzte sich Bob-Weltmeister Kevin Kuske aus Potsdam durch, während bei den Mannschaften die Wahl auf die Fußballerinnen von Turbine Potsdam fiel.
Kevin Kuske, der schon zwei Weltmeistertitel als Bob-Anschieber erkämpfte, machte Brandenburg in seiner Dankesrede auf der Sportlerehrung eine richtige Liebeserklärung. „Ich bleibe Brandenburg treu, auch wenn mich schon viele Vereine abwerben wollten. In Potsdam habe ich beste Trainingsbedingungen, hier lebt meine Familie, hier ist mein Zuhause.”
Hoffnung auf märkische Skisprungasse
Vielleicht kommen aus Brandenburg bald weitere erfolgreiche Wintersportler. In Bad Freienwalde stehen schon vier Sprungschanzen für junge Skispringer. Mangels Schnee werden sie die meiste Zeit des Jahres mit Matten bedeckt. „Darauf lässt sich wunderbar abspringen und landen”, bestätigt der Chef des Wintersportvereins „1923 Bad Freienwalde”, Dieter Bosse. Er war bis in die sechziger Jahre noch selbst von einer Schanze gesprungen, die aber danach mehr und mehr in Vergessenheit geriet. „Mit Hartnäckigkeit haben wir das Wunder geschafft und die Skisprungtradition wieder belebt”, sagte Bosse. Seit August vergangenen Jahres steht den Talenten eine K-60-Meter-Schanze zur Verfügung, die rund 1,6 Millionen Euro kostete. 1,1 Millionen Euro stammten aus Kassen der EU, weil hier auch Sportler aus dem nahen Polen trainieren. Ministerpräsident Platzeck gab sich bei der Schanzeneröffnung optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass man einmal bei Olympischen Winterspielen am Fuß der Schanze auf einer Großleinwand brandenburgische SkiAdler im Nationaldress sehen kann.”
Zum Brandenburger Alltag gehören inzwischen auch die Behindertensportler. Bei den Paralympics in Peking gewann Martina Willing aus der Stadt Brandenburg eine Goldmedaille im Speerwurf und eine Silbermedaille im Kugelstoßen. Die erst 19-jährige Schülerin Frances Herrmann der Lausitzer Sportschule überraschte mit ihrer Silbermedaille in Weltrekordweite im Speerwurf. Die Ausnahme-Athletin Marianne Buggenhagen, die in Peking Gold und Weltrekord im Diskus und Bronze im Kugelstoßen holte, startete zwar für Berlin. Doch sie wohnt schon lange in Bernau.
Bob-Weltmeister Kevin Kuske aus Potsdam mit seinem Partner André Lange, Foto: BSD





















