Glücklich im „Sanssouci der Pferde“
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- Das Haupt- und Landgestüt in Neustadt/Dosse verteidigt seinen guten Ruf als Mekka des Reitsports.
- von Christa Steuer
Wer sich auf den Weg ins kleine Neustadt an der Dosse macht, müsste dort auf sehr zufriedene Menschen treffen. Schließlich sagt der Volksmund: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“ Und an Pferden mangelt es in dem 3 600 Einwohner zählendem Ort im Dreieck zwischen Neuruppin, Wittstock und Rathenow nun wahrlich nicht. Rund 300 Pferde, darunter 56 Zuchthengste und 40 Zuchtstuten, stehen im Haupt- und Landgestüt. Dazu kommen noch einmal 40 Pferde, die private Halter hier in Pension gegeben haben. Keine andere Gestütsanlage in Deutschland kann mit diesen Zahlen konkurrieren. Außerdem verweist Neustadt gern auf die lange Pferdetradition. Schon 1788 gründete Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. das Haupt- und Landgestüt. Als „Sanssouci der Pferde“ erwarb es sich landauf und landab einen ausgezeichneten Ruf.
Doch Neustadts Bekanntheitsgrad beruht nicht nur auf der Vergangenheit. Alljährlich im Januar flimmern die drei Buchstaben CSI über die Fernsehschirme, ohne die dann auch kein Sportteil einer Tagesspresse auskommt. Dahinter verbirgt sich der Concours de Saut international. Das in diesem Jahr zum 11. Mal in der Graf-von-Lindenau-Halle ausgetragene Reitturnier ist inzwischen zur größten Sportveranstaltung im Landkreis Ostprignitz- Ruppin aufgestiegen. Insgesamt erleben die Zuschauer in der meistens restlos ausverkauften Arena 26 Prüfungen für Reiter, Pferde und Paare. Sportler aus 16 Ländern, darunter Mexiko, Australien, Dänemark, Schweiz und die USA, geben hier ihre Visitenkarte ab. Genauso gehört die Präsentation des „Tafelsilbers“ zu den beliebten Ritualen. Dann zeigt Landstallmeister Jürgen Müller das Beste vom Besten aus den Neustädter Gestüten: junge und erprobte Hengste, Pferde unter dem Sattel und auch vor dem Wagen. Diese Gala-Hengstschau macht immer wieder Lust auf einen Besuch des Gestüts.
Hengstparaden verzaubern das Publikum

Fotos: Gabriele Boiselle
Alljährlich im September pilgern Zehntausende Pferdeliebhaber in den großen Vorführring, um in einem vierstündigen Programm schönste Pferdekunst zu erleben. Seit zwei Jahren findet eine der traditionellen Hengstparaden sogar erst am Abend statt. Das Licht der untergehenden Sonne oder der Scheinwerfer verbreitet eine besondere Stimmung, sodass selbst Stammgäste ins Schwärmen geraten. Die seit Jahren bekannten Schaubilder wie die 20 Elitestuten vor der historischen Postkutsche, die große Dressurquadrille mit 25 Hengsten oder die altrömischen Quadrigen faszinieren aber immer. Viele Besucher verbinden ihren Ausflug mit einer Besichtigung von Ställen, mit Führungen über das Gestütsgelände oder mit einem Abstecher zum Markttreiben rund um den Paradeplatz. Allerdings kämpfen Pferdeveranstaltungen in ganz Deutschland mit einer zurückgehenden Zuschauerresonanz. „Deshalb wird es 2010 nur drei Hengstparaden in Neustadt geben“, kündigte Landstallmeister Müller an.
Kolibri zeugte 1 700 Nachkommen
Nicht nur bei Großveranstaltungen klicken auf dem weitläufigen Gestütsgelände die Fotoapparate. Denn über das Glück mit den Pferden werden in Neustadt durchaus auch Denkmale errichtet. So gilt die lebensgroße Bronzestatue für den 2001 verstorbenen weißen Hengst Kolibri als beliebtes Motiv. Er zeugte immerhin 1 700 Nachkommen. Sein Erbgut war in vielen Pferdekreisen hoch begehrt. In der Nähe des Landstallmeisterhauses, das wie ein märkisches Schloss wirkt, zeigt eine Plastik die Stute Poesie mit ihrem Fohlen Poetin. Poetin, vor einigen Jahren in Frankreich verstorben, war das teuerste Pferd Brandenburgs: Für 2,5 Millionen Euro ging es im Jahr 2003 an einen neuen Besitzer. Zu den jüngeren Aushängeschildern gehört der Ausnahmehengst „Quaterback“, der in einem Jahr schon mal für rund 600 Nachkommen sorgte. Mehr als 700 000 Euro brachte er in die Kassen.
Doch trotz aller Erfolge wünscht sich die Brandenburger Landesregierung eine stärkere Ausstrahlung des Gestüts mit seinem riesigen Gelände von 410 Hektar Größe, den beiden denkmalgeschützten Gutshöfen, den Koppeln und Alleen. Mehr als 40 Millionen Euro Fördermittel sind seit 1990 in die Restaurierung der Anlage geflossen. Immerhin sichern drei bis vier Pferde einen Arbeitsplatz. Doch es könnten noch mehr sein, wenn der Tourismus entsprechend gefördert wird. Immerhin besteht jetzt die Möglichkeit, im Gestüt zu heiraten. Dabei kommt die Kutsche gleich von nebenan.
Pfeil und Schlange als Brandzeichen
Das deutschlandweit einmalige Projekt „Reiten in der Schule“, das die Stiftung gemeinsam mit der Neustädter Gesamtschule anbietet, findet nicht nur im Lande großen Zuspruch. Eine Schülerin kam eigens aus Brasilien an die Dosse, um sich hier nach dem Unterricht ganz der Liebe zu Pferden widmen zu können. Schon Gestütsgründer Friedrich Wilhelm II. hatte durchaus wirtschaftliche Interessen im Blick. Armeepferde sollten künftig ausschließlich aus eigener Zucht beschafft werden, lautete die Order des Königs. Rasch bewiesen die Neustädter Exemplare auch in der Landwirtschaft ihre Vorzüge. Schnelligkeit, Klugheit und Gewandtheit waren die wichtigsten Ziele der Zucht. Daher erhielten alle das bis heute gültige Brandzeichen „Pfeil und Schlange“.
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