Glaubhafte Regional-Diplomaten
Archiv der Ausgabe 4 | 3. Jahrgang | Winter 2008
- „Regionaler Wachstumskern Frankfurt (Oder) / Eisenhüttenstadt“ im Aufwind
Botschafter zu werden ist eine Ehre. Es muss nicht gleich für eine ganze Nation sein. Für eine Region, mit der man sich identifiziert, hat es einen mindestens genauso hohen Reiz. Zu Botschaftern für ihren „Wachstumskern“, also die Gegend um Frankfurt und Eisenhüttenstadt, haben die beiden Stadtoberhäupter Martin Patzelt (Frankfurt) und Rainer Werner (Eisenhüttenstadt) Anfang Oktober elf aktive Unternehmer ernannt. Diese sollen die Wirtschaft sowohl innerhalb der Region als auch nach außen hin vertreten. Weitere Kandidaten für diesen Diplomatendienst stehen schon bereit. Der wird sicher ein Vergnügen, denn die Unternehmen im Oderland verspüren derzeit mächtigen Rückenwind.
Die Bürgermeister von Eisenhüttenstadt (li.) und Frankfurt (Oder) (3. v. li.) mit den ernannten Botschaftern der Region, Fotos: Winfried Mausolf„Ohne Unternehmer entstehen keine Arbeitsplätze“, so Eisenhüttenstadts Bürgermeister Werner. In der „Märkischen Oderzeitung“ brachte er seine Meinung auf den Punkt: „Wir brauchen keinen Zaungast aus dem Westen, der alles besser weiß, sondern den aktiven Unternehmer am Standort.“ Mit solchen Persönlichkeiten arbeiten er und sein Frankfurter Amtskollege Patzelt ganz eng zusammen. Unter Federführung von Dr. Martin Wilke vom Investor Center Ostbrandenburg trafen sich die Lokalpolitiker mit Vertretern der Landesregierung, Firmenchefs und Investoren im Oktober auf dem Flugplatz Pohlitz bei Eisenhüttenstadt, um Bilanz zu ziehen.
Milliardeninvestitionen in der Oder-Region
Zentrales Thema der Veranstaltung war: Wie steht es um die wirtschaftliche Entwicklung der Region? Antwort auf diese Frage gab schon das Motto des Treffens: „Wachstumskern im Aufwind – Frankfurt und Eisenhüttenstadt starten durch“. Reinhardt Oehler, Abteilungsleiter aus dem Wirtschaftsministerium, lobte die Region als Schrittmacher. Wie er dem „Wirtschaftsmagazin Ostbrandenburg“ sagte, hat „Oderland-Spree in den vergangenen drei Jahren mit einem überproportional großen Anteil zum wirtschaftlichen Aufschwung in Brandenburg beigetragen.“ Das Land begleitete hier in dieser Zeit etwa 150 Ansiedlungen von Firmen. „Durch Förderungen wurden Investitionen von über einer Milliarde Euro ausgelöst und rund 3 000 Arbeitsplätze geschaffen“, so Oehler. Profitiert habe davon vor allem die Solarindustrie. In Eisenhüttenstadt, Frankfurt und Fürstenwalde entstanden neue Produktions- und Zulieferbetriebe. Die Milliardeninvestitionen haben bewirkt, dass „die depressive Stimmung nach dem Scheitern des Chip fabrik projektes überwunden wurde“, sagte Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt. „Unsere Entwicklung wurde von vielen Beobachtern und Einwohnern erst ungläubig, dann mit Erstaunen und schließlich mit Stolz verfolgt.“
Verkehrslandeplatz Pohlitz – passende Kulisse für die Botschafter-Ernennung
Nach der Vorstellung der Kampagne „Botschafter für Frankfurt und Eisenhüttenstadt“ wurden in Pohlitz die elf Unternehmer auf die Bühne gebeten. Später gab es für einige Gäste einen Rundflug und eine faszinierende Flugshow mit Jan Häusler von SPREE FLUG. Auf dem Verkehrslandeplatz, der etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum Eisenhüttenstadt entfernt liegt und besonders für Sportflieger interessant ist, können Maschinen mit bis zu 5,7 Tonnen Gesamtstartmasse starten und landen. Mit Pohlitz punktet die Region auch in Sachen Erreichbarkeit für ausländische Geschäftsleute.
Botschafter des Wachstumskerns
Einer der elf diplomatischen Vertreter der Region Ostbrandenburg (leider gab es keine einzige Unternehmerin unter den Ausgewählten), die ihre Botschafter-Weihe auf dem Flugplatz empfingen, war Uwe Gärtner. Er ist Chef der Frankfurter Chip-Entwicklungsfirma GED (Gärtner-Electronic-Design GmbH), die seit über 17 Jahren erfolgreich anwendungsspezifische integrierte Schaltungen (ASICs) entwickelt. Das Resultat sind kostengünstige, platzsparende und robuste Systeme auf einem Chip. Diese Chips bauen die Kunden von GED in ihre Produkte ein, zum Beispiel in Airbag- und Navigationssysteme und in elektronische Schlüssel. Uwe Gärtner repräsentiert den Regionalen Wachstumskern Frankfurt (Oder)/ Eisenhüttenstadt, der unter den Top-25-Standorten für ausländische Direkt investitionen liegt, nicht nur innerhalb der Region, sondern auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus.
Der Wachstumskern hat die Kooperation von Eisenhüttenstadt und Frankfurt forciert. Die beiden Städte treten bei der Wirtschaftsförderung und der Ansiedlung von Firmen nicht als Konkurrentinnen auf. Im Gegenteil, sie arbeiten enger zusammen als je zuvor. Frankfurt wollte zum Beispiel jahrelang einen Binnenhafen an der Oder, den so genannten „Winterhafen“, einrichten. Mittlerweile hat man zu Gunsten von Eisenhüttenstadt darauf verzichtet. Hier soll nun ein leistungsfähiger Hafen für Binnenschiffe entstehen, während die Frankfurter ihr Containerterminal für den Bahn- und Straßenverkehr weiterentwickeln. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Eisenhüttenstadts Bürgermeister Rainer Werner auf dem Flugplatz Pohlitz. Er meint damit das Vorhaben seiner Stadt, wegzukommen von der industriellen Monostruktur, hin zu einer Mischung aus verschiedenen Branchen. Nachdem die Grenzstadt jahrzehntelang von dem riesigen namensgebenden Werk abhängig war, sind aus dem Großbetrieb in den Jahren nach der Wende viele gesunde mittelständische Firmen hervorgegangen.
Riesen in Eisenhüttenstadt: Progroup, Gazprom und ArcelorMittal
Erklärtes Ziel sei nun, neben einem Ort der Stahlproduktion auch ein wichtiger Standort der Papierindustrie zu werden, hob Werner hervor. Bald soll für 630 Millionen Euro eine Fabrik für Wellpappenrohpapier gebaut werden. Dann kann Eisenhüttenstadt mit einem Superlativ glänzen: Der Betrieb der Progroup AG, der 2010 die Produktion aufnehmen soll, wird der größte seiner Art in Europa. Und für die Menschen der Region ist die Ansiedelung ein Glücksfall. Geplant ist, dass rund 600 Arbeitnehmer eine Stelle in dem neuen Papierwerk und in seinem Umfeld finden werden. Ganz deutlich spiegelt sich die Entwicklung in der aktuellen Arbeitslosenstatistik wider: Die Quote im Bereich Eisenhüttenstadt hatte sich im Oktober weiter verringert und lag mit 10,9 Prozent unter dem Brandenburger Landesdurchschnitt von 11,7 Prozent. Außerdem will das russische Unternehmen Gazprom in Eisenhüttenstadt ein neues Kraftwerk bauen. Und bereits in Arbeit ist der Erweiterungsbau der Verzinkungsanlage bei ArcelorMittal, dem weltgrößten Stahlkonzern, der mit etwa dreitausend Mitarbeitern vor Ort Roheisen herstellt und hochwertige Flachstahlprodukte verarbeitet. Außerdem werden Sanierungsvorhaben in der Innenstadt und am Krankenhaus auf den Weg gebracht.
Zählt man die aktuellen Investitionen in den Städten Frankfurt und Eisenhüttenstadt zusammen, kommt man auf rund zwei Milliarden Euro. Damit es in der Oder-Region weiter vorangeht, sollen die zunächst elf Botschafter wie Chiphersteller Gärtner „in ihrem Umfeld die wirtschaftlich relevanten Vorteile von Ostbrandenburg erklären“, sagte Dr. Martin Wilke, der Chef des Investor Centers. Dabei müssten die Regional-Diplomaten „sympathisch und glaubhaft sein“ und, so Frankfurts OB, „den Aufschwung in der Heimat selbst erlebt haben.“ gb
Service:
www.eisenhuettenstadt.de
www.frankfurt-oder.de
Investor Center Ostbrandenburg: www.icob.de
Flugplatz Pohlitz: www.flugplatz-edae.com
GED Gärtner Electronic Design GmbH: www.ged.de
























