GESCHICHTE(N) AUS DEM ODERBRUCH
Archiv der Ausgabe 2 | 3. Jahrgang | Sommer 2008
- Ein 700 Jahre alter Ort, Freundschaften fürs Leben und ein pralles Jubiläumsprogramm
Sie heißen Elke, Brigitte, Jochen, Marie-Luise und Jürgen, sie sind Zahnarzthelferin, Melker oder Landmaschinenschlosser – und sie sind die Hauptdarsteller der Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara hielt Regisseur Winfried Junge von 1961 bis 2007 das Leben in der kleinen brandenburgischen Gemeinde fest: 46 Jahre, gebannt auf 20 Filmen, über dreiundvierzig Stunden Leben im Zeitraffer. Die Dokumentation, die von der Deutschen Kinemathek zu den 100 bedeutendsten Streifen der deutschen Filmgeschichte gezählt wird, machte die kleine Oderbruch-Gemeinde, die in diesem Jahr ihren 700. Geburtstag feiert, populär.
Filmemacher Barbara und Winfried Junge im Schnittraum; Foto: PROGRESS Film-Verleih / Detlef HelmboldIm Jahre 1308 wurde der Ort als „Golsow“ erstmals urkundlich erwähnt. Mit der Trockenlegung des Oderbruchs unter Friedrich dem Großen erblühte die Gemeinde. Heute hat Golzow knapp 1.000 Einwohner.
Beinahe ein halbes Jahrhundert lang dokumentierte und begleitete die Filmreihe „Die Kinder von Golzow“ das alltägliche Leben von Golzowern der Jahrgänge 1953-1955, die in der DDR geboren wurden, dort aufwuchsen und in der Mitte ihres Lebens Bürger der Bundesrepublik Deutschland wurden.
Die Idee für die Langzeitbeobachtung stammt von Karl Gass, Jahrgang 1917 und Nestor des DEFA-Dokumentarfilms. Die Chronik, die 1961 mit der Einschulung der Kinder im Oderbruch- Dorf begann, ist Winfried Junges Lebenswerk. „Das ist eine große Erfahrung und ein Schatz, wenn man so viele Menschen kennt und Anteil nimmt an ihrem Leben. Und so ist der Film nach und nach eigentlich zum Nebenprodukt geworden“, resümiert der Regisseur. Junge, mit vielen Preisen geehrtes Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, ist für viele einfach nur der „Vater der Kinder von Golzow“.
Den Filmen, ihren Machern und den „Kindern von Golzow“ (die immer wieder bereit waren, ihr Leben von der Kamera aufnehmen zu lassen) ist eine ständige Ausstellung in Golzow gewidmet, die vom Verein „Golzower für Golzow“ e. V. und der Gemeinde Golzow eingerichtet wurde. Das Museum ist dort, wo alles begann: in den ehemaligen Klassenräumen. Zu sehen sind Fotos, Dokumente, Briefe, Drehbücher, Zensurprotokolle, Kritiken, Plakate, Auszeichnungen, filmtechnische Geräte und vieles mehr.
700 Jahre Golzow
Zum 700. Jubiläum von Golzow ist das Ehepaar Junge natürlich ins Festkomitee eingeladen, schließlich sind die Junges Ehrenbürger der Gemeinde.
Sind die beiden traurig, dass die Arbeit beendet ist? „Nein, es ist zwar ein Abschied vom Film, aber doch nicht von den Menschen. Wir haben viele Freundschaften geschlossen, und die bleiben bestehen.“
Gefeiert wird der 700. Geburtstag vom 12. bis zum 14. September. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Viele arbeiten mit: die Mitglieder fast aller Golzower Vereine, die Golzower Feuerwehr, die Kita-, Hortund Schulkinder sowie viele Einwohner, die alle Ideen und Aktivitäten einbringen. Ergebnis ist ein Programm, das das aktive und vielseitige Leben der Oderbruch-Gemeinde widerspiegelt. Das Jubiläum wird mit einem großen historischen Festumzug, Festgottesdienst, Volksfest mit Bauernmarkt, Fußball-Turnier, Reitertag und Feuerwehrvorführungen, Musik, Show und Feuerwerk gefeiert. Gegenwärtig entsteht auch eine Chronik des Ortes.
In der OderbruchHalle, Kultur-, Sport- und Konferenzstätte im Herzen des Oderbruchs, werden Ausstellungen die wechselvolle Geschichte des Ortes und seiner Bewohner dokumentieren. Auch die Film-Ausstellung „Die Kinder von Golzow“ wird anlässlich des 700. Geburtstags umgestaltet und erweitert. Von der DEFA-Stiftung kam die Zusage, dass mehr Material als ursprünglich geplant nach Golzow kommen werde.
Golzow erleben
Kindergartenstätte der “Kinder von Golzow”; Fotos: Simone Uebelhack, Archiv Gemeinde GolzowIn Golzow lässt es sich auch wunderbar Urlaub machen: Die Umgebung lädt zu Wander- und Radtouren ein (überregionale Radwanderwege wie der Internationale Fernradwanderweg sowie der Oder-Neiße-Radweg, der Theodor-Fontane-Radwanderweg oder auch die Oderbruch-Süd-Tour bieten für jeden Radler eine geeignete Route). Übernachtungen in gemütlichen Pensionen, Schmausen in urigen, traditionsreichen Gaststätten und ein Bad im Freibad Zechin (dem einzigen naturgespeisten Freibad im Oderbruch) machen den Urlaub perfekt. Im Umkreis laden z. B. das unterirdische Fort in Gorgast mit einer Künstlerwerkstatt, ein Freiluftbackofen und eine traditionelle Korbflechterei in Buschdorf und die Oderinsel mit touristischen Wegen und Blick auf die Festungsanlage Cüstrin zu Entdeckungen ein. bm
Sämtliche Filme über die „Kinder von Golzow“ werden übrigens an zwei Juni- Wochenenden (13.-15. und 20.-22.6.) im Kino Babylon Berlin Mitte gezeigt. Weitere Informationen über Ausflugstipps und Land und Leute unter www.amt-golzow.de + www.kinder-von-golzow.de
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