Frankfurt (Oder) und die Viadrina
Archivbeitrag der Ausgabe 4 | 5. Jahrgang | Winter 2009
- Wie eine internationale Universität regionale Wirkung entfaltet
- von Gerald Backhaus
Was haben Tadeusz Mazowiecki, Thomas Sielaff und Georg Würffel gemeinsam? Alle drei beschäftigen sich mit den Beziehungen zwischen Polen und Deutschland, und alle drei besuchen das Auditorium maximum der Europa- Universität. Ersterer, Polens Ministerpräsident a. D., erhält dort Ende November für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung den Viadrina-Preis 2009.
Der 30-jährige Thomas Sielaff aus Berlin studiert im zweiten Semester des Studiengangs Master of European Studies (MES). Dazu frequentiert er nicht nur das Audimax, er lernt auch im Collegium Polonicum in Słubice. Der Diplomkulturwissenschaftler Georg Würffel, Viadrina-Absolvent von 2007, erinnert sich gern an seine Studienzeit unter anderem im Audimax.
Auszeichnungen, Top- Bewertungen, Bewerber- und Immatrikulationsrekord

Deutsche und polnische Studenten, Foto: Heide Fest
Die Europa-Universität Viadrina mit ihrer 500-jährigen Tradition, die seit 1992 wieder neu belebt wird, wächst immer mehr mit der Stadt Frankfurt (Oder) zusammen. Die Brückenfunktion der „an der Oder Gelegenen“ – so die lateinische Bezeichnung Viadrina auf deutsch – zwischen Ost- und Westeuropa wurde mit der Wiedergründung aufgegriffen. Mittlerweile hat die Viadrina mehr als 200 Partneruniversitäten weltweit. Es gibt internationale Mehrfachabschlüsse, bei denen Studierende der Viadrina dank der sehr engen Kooperation mit mehreren Universitäten in und außerhalb Europas die Möglichkeit haben zwei bis drei Studienabschlüsse gleichzeitig zu erwerben. Die exzellente Fremdsprachenausbildung findet in acht Sprachen statt. Jährlich kommen rund 250 Gaststudenten an die Oder. In diesem Jahr erhielt die Hochschule für ihre Leistungen im ERASMUS-Programm das europäische Qualitätssiegel „E-Quality 2008“. Damit zeichnet der DAAD besondere Verdienste und Leistungen beim Austausch von deutschen und ausländischen Studierenden und Dozenten aus. Die Studierenden selbst haben die Viadrina auf dem Internetportal StudiVZ zur bestplatzierten ostdeutschen Universität gewählt. Mit ihren über 6 000 Studenten aus 80 Ländern trägt sie erheblich zur Internationalisierung von Frankfurt bei. Dabei spielen die jungen Leute aus dem Nachbarland natürlich die Hauptrolle. „Von den 2 195 Ausländern, die einen Abschluss an unserer Hochschule erworben haben, sind 1 676 Polen“, so Beatrix Eckert vom Immatrikulationsamt. Der Bewerberrekord von plus 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr übersetzte sich auch in einen Immatrikulationsrekord: Insgesamt schrieben sich über 3 000 neue Studenten zum Wintersemester ein, am stärksten hat die rechtswissenschaftliche Fakultät zugelegt.
Frankfurts positive wirtschaftliche Entwicklung
Die Grenzstadt Frankfurt glänzt laut Dr. Martin Wilke, Geschäftsführer des Investor Center Ostbrandenburg (ICOB), in den letzten Jahren durch ihre wirtschaftliche Dynamik. Gemeinsam mit dem nahe liegenden Eisenhüttenstadt zu einem regionalen Wachstumskern gehörend, sind hier durch Investitionen von über einer Milliarde Euro rund 3 000 Arbeitsplätze entstanden. Man sieht das an den Steuereinnahmen der Stadt, so Wilke: „Während sie vor Jahren bei 6 bis 7 Millionen Euro dümpelten, werden in diesem Jahr 48 Millionen für das Stadtsäckel erwartet.“ Er betont, dass die wirtschaftliche Entwicklung Früchte trägt und es sich gelohnt hat, dass die Stadt Risiken eingegangen ist. Frankfurt, ein Zentrum mit hoher Einpendlerquote von Berufstätigen, hat in die Infrastruktur investiert, für produzierende Unternehmen vorgesorgt und die Bildungsträger am Leben erhalten. Ein Paradebeispiel für Investitionen, die sich auszahlen, ist das Terminal für den kombinierten Containerverkehr. Es ist im Moment voll ausgelastet und wies im Oktober die höchsten Zahlen seiner gesamten Betriebszeit vor. „Potenziale aus Westpolen, Brandenburg und Berlin konzentrieren sich hier und werden zu den Überseehäfen Hamburg, Bremerhaven und den niederländischen Nordseehäfen gefahren.“ In diesem Jahr wird eine weitere Steigerung um 6 Prozent erwartet, während der Umschlag an den deutschen Hafenterminals vorausssichtlich rund 20 Prozent zurückgehen wird. „Es zahlt sich aus, wenn man länger dranbleibt“, sagt Martin Wilke.
Uni und Stadt ziehen an einem Strang

Rathaus Frankfurt (Oder), Foto: Winfried Mausolf
Es gibt eine ganze Reihe positiver Ansätze, die die fruchtbare Zusammenarbeit von Uni und Stadt illustrieren. Frankfurt möchte die Kreativität seiner Studenten stärker nutzen, weshalb Oberbürgermeister Martin Patzelt einen Innovationspreis ausgelobt hat. Einmal im Jahr prämiert er damit innovative Ansätze, die sich mit grenzüberschreitenden Fragen beschäftigen und die Region voranbringen sollen. In diesem Jahr ging der erste Preis an die Absolventin Sahra Damus, die sich dem Thema widmete, wie polnische Sprachkompetenz Schülern dabei hilft, ihre Arbeitsmarktchancen zu erhöhen. Dazu untersuchte sie die Motivation von Mädchen und Jungen in Frankfurt und Görlitz.
Praktikanten und Absolventen für die regionalen Unternehmen
Eng ist die Bindung der Viadrina, die 2008 zu einer Stiftungsuniversität wurde, an die regionale Wirtschaft. Mit dem Hanse Club besteht eine Kooperationsvereinbarung zur Anwerbung von Stiftungskapital. Allein im Gründungsjahr gab es zahlreiche Zustiftungen aus der Region: 325 000 Euro kamen von mehr als 150 Stiftern aus der Region, so Miriam Hedtmann, die Referentin für Fundraising und Stategische Kooperationen der Stiftung Europa-Universität Viadrina. Berliner und Brandenburger Unternehmen sehen die Hochschule mehr und mehr als intellektuelles Zentrum und auch als Ressource für ihre Unternehmensentwicklung. Die regionalen Wirtschaftsförderer nutzen die Verbindungen zur Viadrina regelmäßig. Direkt im ICOB machen deutsche und polnische Studenten Praktika, so Martin Wilke, sie helfen zum Beispiel bei Marktanalysen. „Gerade polnische Muttersprachler sind gefragt, beispielsweise, wenn es um Anfragen von polnischen Logistikunternehmen gibt, die hier in der Gegend aktiv werden wollen.“ Das ICOB erstellt zusammen mit dem Viadrina- Lehrstuhl für internationales Steuerrecht unter Professor Stephan Kudert und der Beratungsfirma KPMG Standortvergleiche. Dabei werden osteuropäische Städte wie das tschechische Pilsen mit Frankfurt verglichen. „Wir versuchen unser Standortmarketing mit dem Know-how der Uni zu untersetzen“, so ICOB-Chef Wilke. Oder ein Beispiel aus dem juristischen Bereich: Die regionalen Kanzleien sind interessiert an Studenten, weil in ihrer Praxis sowohl deutsches als auch polnisches sowie EU-Recht wichtig sind. Unternehmen, die grenzüberschreitend tätig sind, brauchen Rechtssicherheit. Dafür sind Juristen gefragt, die sich in beiden Welten auskennen.
Die Welt kommt nach Frankfurt (Oder)

Das Auditorium maximum, Foto: Heide Fest
Die Viadrina empfängt jährlich mehr als 1 000 Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt. Damit sich die jungen Frauen und Männer schnell heimisch fühlen, hat Professor Kudert das Projekt „Fremde werden Freunde“ initiiert. Dafür werden Frankfurter Familien gesucht, die Patenschaften für die Gäste übernehmen. Deutschland und seine Kultur kann man schließlich nur dann wirklich kennen lernen, wenn man den unmittelbaren Kontakt zu den Einwohnern pflegt. Die Patenfamilien geben aber auch ganz praktisch Hilfe, wenn Alltagsprobleme auftauchen. Von den „eingeborenen“ Frankfurtern wird das Angebot gern angenommen. Sie profitieren von der Begegnung mit jungen Menschen und internationalen Kulturen. Manch einer hat seinen nächsten Urlaub im Land des Gaststudenten verbracht, weiß Kudert zu berichten. Gemeinsam mit dem Lehrstuhl Kulturmanagement hat die Stadt einige Aktivitäten auf den Weg gebracht. Ein Kulturprojekt, das die ganze Bevölkerung einbezog, war der Kreativwettbewerb zur Neugestaltung des Frankfurter Wappentiers, der 2008 unter Schirmherrschaft der damaligen Universitätspräsidentin Gesine Schwan stattfand. Entsprechend dem Motto „Deine Stadt, Dein Hahn, Dein Wettbewerb“ wurden über 30 Hähne entworfen. Den ersten Platz machte der AWO Ortsverband mit einem Hahn, der den Titel „Kinder sind unsere Zukunft“ trug. Das Projekt begleitete der Kulturwissenschaftler Georg Würffel, zu der Zeit noch als studentischer Mitarbeiter im ICOB tätig. Zu einem Höhepunkt des Jahres 2009 an der Viadrina zählte die Rede Günther Verheugens zur Eröffnung des akademischen Jahres. Ein anderes Ereignis fand in Frankfurt (Main) statt: In der dortigen Paulskirche hielt der Professor für Osteuropäische Geschichte aus Frankfurt (Oder), Karl Schlögel, der seit fünf Jahren hier unterrichtet und von 2003 bis 2005 auch Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät war, die Laudatio für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Zuvor hatte Schlögel für sein Werk „Terror und Traum. Moskau 1937“ den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung bekommen.
Familienfreundliche Uni, familienfreundliche Stadt
Im August erhielt die Viadrina in Anerkennung ihrer intensiven Bemühungen um Familienfreundlichkeit das Zertifikat „Familiengerechte Hochschule“. Die 1992 als Reformuniversität wiedergegründete Hochschule stellt sich damit auf die sich verändernde Lebenswelt ihrer Studierenden ein. Immer mehr gründen während des Studiums eine Familie, und so hat sich die Zahl derer, die aufgrund von Mutterschutz oder Elternzeit ein Urlaubssemester beantragen, innerhalb von 10 Jahren prozentual verdreifacht. Das passt sehr gut zur Top-Position der Stadt im Ranking der Standortmerkmale vom Institut für Wirtschaft Köln. Darin ist Frankfurt, so Martin Wilke vom ICOB, bei der Kinderbetreuung Spitzenreiter in Brandenburg und im bundesweiten Vergleich auf Platz 3 nach Neubrandenburg und dem Landkreis Jerichower Land.
Und wie geht’s weiter? Viel Starthilfe für den Berufseinstieg

Gut besuchter Hörsaal an der Viadrina, Foto: Heide Fest
Als Schnittstelle zwischen Studium und Beruf versteht sich das Deutsch-Polnische Career Center der Viadrina und möchte durch Beratung, Trainingsangebote und Kontaktvermittlung zur studienbegleitenden Berufsorientierung beitragen. Firmen bekommen hier die Möglichkeit, sich zu präsentieren, um frühzeitig potenzielle Mitarbeiter kennen zu lernen. Unterstützt werden all diese Aktivitäten durch das Karriereportal „KARL“. Speziell an weibliche Absolventen wendet sich das Gemeinschaftsprojekt der Brandenburger Hochschulen mit dem Titel „Mentoring für Frauen – gemeinsam Zukunft gestalten“, das Studentinnen und Promovendinnen den Weg in Fach- und Führungspositionen ebnen soll. Zehn Monate lang wird ihnen je eine Mentorin oder ein Mentor aus Wirtschaft, Politik oder öffentlicher Verwaltung zur Seite gestellt. Zusätzlich erhalten die Mentees während der Programmdauer Trainingseinheiten zu Themen wie Persönlichkeitsentwicklung und Bewerbungskompetenz. Frankfurt bietet explizit wirtschaftlich ausgerichtete berufsbegleitende Studiengänge zur Weiterbildung von Fach- und Führungskräften, zum Beispiel den MBA for Central and Eastern Europe und International Business Administration. Des Weiteren sind Weiterbildungsmaßnahmen zu Konfliktmanagement und Gesundheitswissenschaften im Programm der Viadrina. Ein Verbindungsglied zwischen Uni und regionaler Wirtschaft ist das Transferzentrum Ostbrandenburg. Dazu hat sich Deutschlands östlichste Hochschule mit dem Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) zusammengeschlossen. Ziel ist es, Kooperationen zwischen Forschung und Unternehmen anzubahnen und deren Zusammenarbeit zu unterstützen. Damit soll ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Oder-Region geleistet werden. Im sogenannten „Transferkatalog“ werden die Kompetenzen einzelner Lehrstühle, Institute und universitärer Einrichtungen dargestellt. Des Weiteren kann man einen Wirtschafts-Newsletter abonnieren. Mit „Witamy“ (polnisch für „Willkommen“) begrüßt die Viadrina Consulting Group ihre Kommilitonen und Kunden. Die seit 7 Jahren existierende studentische Unternehmensberatung setzt sich aus engagierten Studenten mehrerer Fachrichtungen zusammen, die neben dem Studium Praxiserfahrungen sammeln wollen. In Beratungsprojekten entwickeln sie maßgeschneiderte Lösungen für Firmen wie Alpha Microelectronics oder den Fenster- und Türenhersteller Dartom aus Słubice.
Der Campus kommt
Aktuelles Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Viadrina ist das räumliche Wachstum der Hochschule. Auf einen richtigen Campus freut sich auch Student Thomas Sielaff, der große Sympathien für Polen und seine Menschen hegt und sich neben dem MES-Studium als DJ einen Namen gemacht hat. Er nennt sich DJ PomoZ, was von „pomoc“, dem polnischen Wort für Hilfe, kommt. Sielaff veranstaltet deutschpolnische Partys und führt Tanzwütige an polnisches Liedgut heran. Er lobt das Essen in der Mensa und wünscht sich, dass die Uni-Bibliothek ihre Öffnungszeiten erweitert. Vielleicht haben er und Viadrina-Absolvent Georg Würffel ja Gelegenheit, mit Tadeusz Mazowiecki ins Gespräch zu kommen, wenn er Frankfurt und die Europa-Universität besucht.
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Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
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Susanne Orth
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Zentrum für Strategie und Entwicklung
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E-Mail: Orth@europa-uni.de
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Tel. 0335 / 5534-2458
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Große Scharnstraße 59
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15230 Frankfurt (Oder)
- Investor Center Ostbrandenburg GmbH
- Im Technologiepark 1
- 15236 Frankfurt (Oder)
- www.icob.de
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007
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- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
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