Fahrt in die Vergangenheit
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- von Erich Kahnt
Was Wunder, es ist das Land, in dem das Auto erfunden wurde. Auf diese Geschichte jedenfalls dürfen die Deutschen stolz sein. Und was Wunder, sie sind traditionell ein Volk von Jägern und Sammlern, das kaum noch einen Grund findet, zu irgendeinem Thema keinen Verein zu gründen. In einem solchen Land ist es einfach undenkbar, alte Autos und Motorräder nicht zu konservieren, verkörpern sie doch ein Stück „lebendige“ Geschichte einer Industrie-Nation. Durch den blechernen Schlag einer Tür, den vertrauten Geruch alten Leders oder einen tuckernden Einzylinder fühlen sich viele schnell in die Vergangenheit versetzt. Gelobet sei die nächste Scheune, in der noch ein Schrotthaufen von einer besseren Zukunft träumt – hierzulande wird ihm geholfen werden!
Die Hauptstadt, in der sich auch viele gern ansiedeln, die etwas auf sich halten, ist auch in dieser Beziehung ein Zentrum der Gründlichkeit geworden. So hat der hier ansässige „Oldtimer-Garage Berlin-Brandenburg e. V.“, einer der größten Clubs, eine Liste mit nicht weniger als 85 regionalen Oldtimer-Clubs veröffentlicht. Da hat andernorts eine Oldtimer- Rallye kaum mehr – dann noch zugereiste – Starter. In der „Oldtimer-Garage“ hüten gegenwärtig 80 Mitglieder 274 Fahrzeuge wie ihren Augapfel. „Sie kommen aus allen Schichten und Altersgruppen“, freut sich der Vorstands-Vorsitzende Stefan Pipo. „Einige wenige haben noch keinen Oldtimer, genießen aber bereits das Dabeisein. Andere nennen ganze Sammlungen ihr Eigen. Es geht bei uns aber nicht darum, wer am meisten oder wer den schönsten Oldtimer hat. Denn auch an einfachen Fahrzeugen entdecken wir interessante Lösungskonzepte der jeweiligen Epoche, deren Erhalt wir natürlich auch fördern.“ Abgesehen davon legt er Wert auf die Feststellung, dass in seinem Club, insbesondere auch wegen der großen Bandbreite historischer Fahrzeuge, keine „Vereinsmeierei“ betrieben werde. „Als größter markenübergreifender Club im Raum Berlin-Brandenburg akzeptieren wir im Grunde alle historischen Fahrzeuge, die mindestens 20 Jahre alt sind, wie beispielsweise die sogenannten Youngtimer, wobei sie in seltenen Einzelfällen auch nicht motorisiert sind. So ist ein Mitglied gar mit einem alten NSUPost- Fahrrad vertreten. Bei unseren Ausfahrten kann also stets ein großer Querschnitt durch die Fahrzeug-Geschichte erlebt werden, von der Mercedes-Heckflosse über einen Wartburg bis hin zu solchen Exoten wie einer Chevrolet-Drehleiter- Feuerwehr von 1959. Für 2010 können wir darüber hinaus auch den Start eines Jugendförderungs-Projektes ankündigen.“
Clubzeitschrift als Kommunikationsmittel
Abseits der üblichen Jahrestreffen und monatlichen „Stammtische“ werden solche und ähnliche Motivationen für das Zusammenfinden Gleichgesinnter auch von anderen Clubs bestätigt. Der Classic Cadillac Club Deutschland e. V. in Berlin beispielsweise unterstreicht den Informationsaustausch über die Markenhistorie, den Erfahrungsaustausch mit anderen Cadillac-Besitzern, die Herausgabe der Clubzeitschrift „Der Standard“, die zudem über die Teilebörse wertvolle Hilfe bei der Ersatzteilbeschaffung und anderen Problemen biete sowie den Verweis auf Artikel mit Cadillac-Bezug unter Nennung der Bezugsquellen. „Da die rund 200 Mitglieder in der gesamten Bundesrepublik und auch angrenzenden Ländern zu Hause sind“, ergänzt der 2. Vorsitzende Thomas Pogrzeba, „ist die vierteljährlich erscheinende Clubzeitung, in die wir gern von jedem Club-Mitglied Beiträge aufnehmen, sogar eines der wichtigsten Kommunikationsmittel. Der Titel lehnt sich an den klassischen Cadillac-Werbespruch ‚Standard of the world‘ an, der allerdings noch aus einer Zeit stammt, in der die weltweiten Rohstoff-Ressourcen nicht so knapp prognostiziert wurden. So gesehen dokumentieren wir mit dem Erhalt der alten Cadillacs, dass es einmal einen ganz anderen Geist im Fahrzeugbau gab, der die wesentlichen Akzente auf Formvollendung, Raum, Reise-Komfort , höchste Verarbeitungs- Qualität und Luxus setzte.“
Treffpunkt für Liebhaber und Individualisten
„Wir sehen uns als Individualisten“, erklärt Tobias Felsch für „Ford Old- & Youngtimer Berlin/Brandenburg“. „Der Schwerpunkt unserer Sammelleidenschaft liegt auf den Ford-Typen der sechziger und siebziger Jahre. Denn dieser Zeitraum kennzeichnet das Auslaufen einer Ära, zumindest bei den Massenherstellern, in der der Designer noch seine persönlichen Ideen und seine Vorstellungen von Bewegung in das Automobil einfließen lassen konnte.“ Der MG-Club Berlin wiederum ist seit 1986 der Treffpunkt für die Liebhaber der traditionsreichen englischen Automarke. „Wir wollen diese alten Fahrzeuge der Baujahre 1932 bis 1980 einfach am Leben erhalten und bei möglichst vielen Gelegenheiten der Öffentlichkeit präsentieren“, formuliert der Vorstandsvorsitzende Werner Muschak die Ziel des Clubs. „Neben der Pflege der Automobil-Raritäten gilt unsere Aufmerksamkeit insbesondere der Organisation großer Veranstaltungen. Ich möchte hier vorneweg das alle zwei Jahre in Berlin stattfindende internationale MG-Treffen nennen, hier konnten wir in den vergangenen Jahren die Besitzer von mehr als 110 Fahrzeugen aus mehr als 10 Ländern begrüßen. Darüber hinaus fiebern wir auch jedes Jahr unserer ‚Müggelland- Rallye‘ entgegen.“

Foto: Oldtimer-Garage Berlin-Brandenburg
Italiener auf die Straße!
Die „Lancia Freunde Berlin“ beispielsweise wollen kein Club sein, sondern sehen sich als „zwanglose Gemeinschaft“, die viele alte Lancia dorthin bringen will, „wo sie hingehören, nämlich auf die Straße“. „Jeder ältere, aber auch jüngere Lancia ist es uns wert, erhalten oder restauriert zu werden“, sagt Kay Borck, zuständig für Organisation, Präsentation und Ausfahrten. „Dazu gehören sogar auch Fahrzeuge der 80er und 90er Jahre wie ein A 112, ein Delta Integrale oder auch ein Kappa. Viele von uns haben das Autofahren nämlich mit einem Lancia begonnen und darüber dann die historischen Modelle kennengelernt.“ Zur Gemeinschaft gehört auch der Berliner Torsten Schulz, der dank jahrzehntelangem Engagement für italienische Fahrzeuge in seiner Fachwerkstatt auch die Voraussetzungen, das Know – how und das motivierte Fachpersonal aufbieten kann, klassische Lancia-Modelle zu betreuen. Treffen mit Gleichgesinnten, das Ausleben eines anderen Zeitgeistes, Erfahrungsaustausch, die Lösung von Ersatzteilproblemen – sehr wahrscheinlich ist der Betrieb eines Oldtimers ohne die Mitgliedschaft in einem engagierten Club auch für gut betuchte Besitzer nur mühsam, wenn denn nicht bisweilen frustrierend zu bewerkstelligen, soll er denn rollen und Freude bereiten. Ein Scheunenfund weckt die Euphorie, aber das ist nur der Anfang.
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