Eine spannende Herausforderung
Archivbeitrag der Ausgabe 2 | 6. Jahrgang | Sommer 2010
- von Alexander Wiesner

Dr. Reinhard Koss
Wie in kaum einer anderen Sportart, stieg die Zahl der Golfspieler in den vergangenen Jahren kontinuierlich an. Vom organisierten Clubmitglied bis zum gelegentlichen Hobbygolfer treffen auf den Plätzen mittlerweile Vertreter jeden Alters und verschiedenster Berufsgruppen aufeinander. Durch die steigende Nachfrage werden auch immer neuere und modernere Golfanlagen errichtet. Vor dem Bau müssen sich Investoren und Betreiber jedoch mit vielen wichtigen Fragen auseinandersetzen. Was man alles beachten muss und welche Risiken eine Golfanlage mit sich bringt, verriet uns der Golfplatz-Gutachter Dr. Reinhard Koss. Er ist von der IHK Hannover öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Wirtschaftlichkeitsbewertung von Golfanlagen.
Herr Dr. Koss, was hat Sie vor über zehn Jahren dazu bewogen, sich hauptberuflich mit Projekten in der Golfplatzbranche zu beschäftigen?
Die Golfbranche ist ein interessanter Wachstumsmarkt in Deutschland. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der registrierten Golfer in Deutschland kontinuierlich um eine viertel Million Spieler erhöht. Darüber hinaus besagen verschiedene Studien, dass es bis zu vier Millionen weitere Golfinteressierte in Deutschland gibt. Das halte ich für eine spannende Herausforderung. Bis jedoch der Anteil der Golfer an der Bevölkerung einmal genau so hoch sein wird wie in anderen Ländern, wird noch einige Zeit vergehen: In Deutschland spielen 0,7 Prozent der Menschen Golf, in Schweden sind es knapp 7 Prozent, in Kanada sogar 15 Prozent.
Im Zentrum Ihrer derzeitigen Tätigkeit steht die Wirtschaftlichkeitsbewertung von bestehenden und geplanten Golfprojekten. Wie lange dauert es von der Idee eines Projekts bis zur Realisierung?
Das hängt im Wesentlichen von der Ernsthaftigkeit der Planer und natürlich auch von den Genehmigungsbehörden ab. Durch die übliche Beteiligung von bis zu 60 unterschiedlichen Trägern öffentlicher Belange (von der Feuerwehr bis zu Naturschutzbehörden) und oft auch durch ausgedehnte Bürgerbeteiligungen kann die Planung bis zu 10 Jahre dauern. Im günstigsten Fall kann man von zwei Jahren ausgehen. Die reine Bauzeit für 18 Löcher nimmt je nach Witterung etwa 8 bis 12 Monate in Anspruch.
Wie oft müssen Sie Kunden sagen, dass sich ihre Projekte nicht realisieren lassen?
Das kommt durchaus vor. Wenn die Untersuchung ergibt, dass an einem bestimmten Standort eine Golfnutzung nicht möglich oder nicht rentabel ist, dann wird dies auch klar kommuniziert. Ursachen können neben wirtschaftlichen Problemen auch geologische Themen sein. Leider werden in der Praxis diese Untersuchungen oft gar nicht oder viel zu spät erstellt. Es muss einfach vieles zusammenpassen. In erster Linie entscheidet über die Marktchancen einer Golfanlage die Lage, Lage und nochmals Lage.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten, Werbeagenturen und anderen Beratern?
Die Zeit der ehrenamtlich geführten Golfanlagen ist vorbei, die Tendenz geht klar zu professionellen Strukturen. Golfanlagen sind inzwischen mittelständische Wirtschaftsunternehmen mit Millionenumsätzen, die sich auch alle professioneller Dienstleister bedienen, z. B. bei Landschaftsplanern und Golfplatzarchitekten in der Gründerphase, aber auch bei Wirtschaftsprüfern und Marketingspezialisten im laufenden Betrieb.
Worauf kommt es bei der Begutachtung eines Golfplatzes an?
Das hängt ganz von der Aufgabenstellung ab. Bei bestehenden Plätzen geht es oft um wirtschaftliche Umbrüche, die Aufnahme bzw. das Ausscheiden von Gesellschaftern, die Liebhabereiproblematik mit dem Finanzamt etc. Hier werden dann Sach- und Ertragswerte der Anlagen berechnet. Aber auch eine laufende betriebswirtschaftliche Beratung, Suche und Einarbeitung von Personal oder Marketingkonzepte gehören zu den Aufgabengebieten. Bei neu geplanten Plätzen oder bei Platzerweiterungen geht es in erster Linie um Marktanalysen. Dabei werden u. a. die Einwohnerzahlen, das Einkommensniveau und natürlich die bestehenden Wettbewerbsanlagen untersucht, um somit das Potenzial neuer Golfer für die Anlage zu ermitteln. Gerade für die Darlehensverhandlungen bei Banken sind diese Gutachten unerlässlich. Oft ergibt sich daraus eine längerfristige Zusammenarbeit, in der ich die Gründungsphase der Anlagen für einige Monate begleite. Nachdem klare betriebliche Strukturen dann geschaffen sind, mache ich mich quasi selbst überflüssig.
Sie waren selbst viele Jahre als Geschäftsführer einer Golfanlage tätig. Was haben Sie dabei gelernt und welche wichtigen Tipps können Sie heute weitergeben?
In jeder Branche sollte man das Geschäft aus der Praxis kennen. Nur dann kann man Kunden glaubwürdig beraten. Ich vermute, dass man in zehn Jahren als Geschäftsführer einen Großteil der Fragen und Probleme behandelt hat, die nun auf anderen Golfanlagen auftreten. Neben der fachlichen Qualifikation hilft einem natürlich die Erfahrung, die man mit Golfern, Investoren, Banken und Gerichten gesammelt hat.
Mit Geld- und Vermögensanlagen kennen Sie sich als gelernter Bankkaufmann gut aus. Ist es sinnvoll, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten in Golfprojekte zu investieren?
Wie in jeder Branche gibt es rentable und weniger rentable Objekte. Allerdings sind Golfprojekte durchaus mit besonderen Risiken hinsichtlich Genehmigungsfragen und auch Marktentwicklungen behaftet. Oft ist es so, dass die Investitionen nicht ausschließlich aus Renditegesichtspunkten getätigt werden. Vielmehr werden Investoren durch ihr Hobby Golf oder durch eigene Grundstücke inspiriert.
Wie bewerten Sie den allgemeinen Zustand deutscher Golfplätze?
Der Markt wächst unverändert, die Zuwachsraten haben sich in den letzten Jahren zwischen 4 und 5 Prozent stabilisiert. Allerdings wird der Erfolg nicht gleichmäßig auf alle Anlagen verteilt. Professionell geführte Anlagen tauschen sich untereinander aus, lernen voneinander und stehen somit deutlich besser da als ehrenamtlich geführte. Durch die Wirtschaftskrise und auch durch den langen Winter geraten derzeit allerdings vermehrt Golfanlagen in Schwierigkeiten.
Welche Bundesländer liegen vorn?
Der Süden hat klar die Nase vorn. In Bayern und Baden-Württemberg liegen mehr als ein Drittel der deutschen Golfplätze. Durch den zunehmenden Golftourismus entstehen jedoch in allen Bundesländern neue Golfangebote, oft in Verbindung mit Hotelprojekten. Große Zuwächse sind auch an den Küsten Mecklenburg- Vorpommerns und Schleswig- Holsteins zu verzeichnen, die u. a. durch hervorragende Marketingkonzepte aufholen.
Als Dozent begleiteten Sie den ersten Jahrgang des Studiengangs Senior Golfmanagement am IST-Studieninstitut und auch die Golf Business Directors an der Sportbusiness Akademie Heidelberg. Wie hoch ist das Interesse der jungen Generationen am Thema Golfmanagement?
Der Nachwuchs steht zahlreich und auch qualitativ hochwertig bereit. Der neue Ausbildungsberuf zum Sport- und Fitnesskaufmann/frau hat viele junge Leute auf die Anlagen geführt, die anschließend berufsbegleitend zum Golfbetriebsmanager ausgebildet werden. Dabei erhalten sie eine breite theoretische und praktische Basis. Diese Absolventen sind auf Anlagen durchaus gefragt, weil sie sich natürlich noch am unteren Ende der Gehaltsskala bewegen und dennoch über breites Wissen verfügen. In der Vergangenheit habe ich mehrfach junge Nachwuchsmanager für einen befristeten Zeitraum begleitet und vor Ort gecoacht.
www.golfplatz-gutachten.de
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