Drunter und Drüber
Archivbeitrag der Ausgabe 2 | 6. Jahrgang | Sommer 2010
- von Johanna Vogtländer
Als vor gut fünf Jahren in Los Angeles der Nachlass von Marilyn Monroe unter den Hammer kam, hob sich der Auktionator das Beste für den Schluss auf: die Unterwäsche der Leinwand-Legende. Schließlich war ihr kaum etwas näher gekommen. Dessous wecken Wünsche, Fantasien und Träume. Als Schmuck und Kleidungsstück kaschieren, verführen, verzaubern sie – und haben auch so manch kleines Geheimnis.

Foto: Susann-Gneckow / PIXELIO
Schon in der griechisch-römischen Antike wussten die Frauen, wie man mit dem Darunter das Darüber verhüllt oder betont. So trugen die Römerinnen in Caesars Zeiten reich verzierte Brustbinden, kleine Busen waren gerade modern. Die modebewusste wohlhabende Frau der Antike trug – vor allem beim Baden und Sport – ein Subligaculum, das Urmodell des heutigen Slips. Ein Tuch, das zwischen den Beinen durchgeführt und seitlich in der Hüfte geknotet oder vernäht wurde. Es fanden sich auch Exemplare mit zierenden Schmuckstücken. Die Frauen des 15. Jahrhunderts waren unter ihren Kleidern nackt, die Miederwaren trugen sie über der Kleidung. Der Spaziergang durch die Geschichte der Dessous erzählt viel von der Stellung der Frau in der jeweiligen Epoche, weibliche Reize wurden üppig präsentiert oder züchtig verborgen. Ganz sicher machten Schnürmieder, mit Fischbein verstärkte Halskrausen, mechanische Korsetts den Frauen das Leben schwer. Zugleich ringt es uns heute ein Lächeln ab, was die Herren einst um den Verstand brachte!
Mit rebellischem Bubikopf, mondäner Zigarettenspitze, Ausschnitten bis zum Bauchnabel kam auch die Freiheit und Sinnlichkeit anschmiegsamer elastischer Dessous ins Spiel. Endlich durfte frau auch Farbe bekennen, Pastelltöne lösten das unschuldige Weiß des Leinens ab. Turbulent blieb der Spielplatz Dessous immer, er hatte Nischen und dunkle Ecken, glitzerte voller Strass und offenbarte Luxus mit verschwenderischem Glamour. Die alljährlichen Fashion Shows des US-amerikanischen Modeunternehmens Victoria’s Secret ist ein Medienereignis, das Präsidenteneinführungen oder Wirbelstürme in den Schatten stellt. Die Champions League der Modelriege schritt als Engel in sündhaft teuren kleinen Kleidungsstückchen über den Laufsteg. So trug Marisa Miller 2009 den Fantasy Bra, einen eigens für das Label kreierten Luxus-BH. Mehr als 2 300 Diamanten schmücken das Oberteil, dessen Wert sich auf 2,2 Millionen Euro beläuft.
Viele der großen Marken haben ihre eigene Dessous-Linie. Schon Modegeschichte ist die junge Kate Moss in Jeansrock mit naturbelassener Baumwoll- Wäsche von Calvin Klein. 2009 präsentierten die Beckhams die Kreationen aus dem Hause Armani. Den typischen New Yorker Chic zeigen die Modelle von Donna Karan, Stilsicherheit und Tragekomfort zeichnen die Unterwäsche von Hugo Boss aus, sinnliche Eleganz kommt von Dolce & Gabbana. Verblüffend die Einfälle der Designer mit den knappen Stoff-Vorgaben. So wurde in den 80er- Jahren der String „erfunden“. In den 90er-Jahren wollten alle einen Wonderbra und darin aussehen wie Eva Herzigova. Der Wunsch nach edlen Luxus-Dessous stand auch am Anfang der Karriere von Joe Corre und seiner Frau Serena Rees. Sie waren Anfang der 90er-Jahre in England auf der Suche nach Dessous. Sie fanden biedere Unterwäsche aus Miederwaren-Geschäften oder schmuddelige Dessous aus Sex-Shops. Die beiden beschlossen die Angebots-Lücke zu schließen und kreierten exklusive, feminine und sexy Dessous aus hochwertigen Materialien. Und trafen damit den Nerv der Zeit. Im Londoner Stadtteil Soho eröffneten sie ihren ersten Wäscheladen und nannten ihn Agent Provocateur. Die Fashion Shows dieses Labels ringen dem Pupillenradius des männlichen Auges immer wieder Rekorde ab.
Die große Wirkung der kleinen Teile spüren auch die Trägerinnen, denn Dessous verleihen ein angenehmes Körpergefühl und stärken das Selbstbewusstsein. Unter manch kühlem Business-Look sitzt ein tief ausgeschnittenes edles Stück Stoff und spielt das ewige Lied der Weiblichkeit.
Archiv:
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