Die Potenziale des Ostens
Archiv der Ausgabe 3 | 3. Jahrgang | Herbst 2008
- Dr. Ulrich Müller, Präsident der IHK Ostbrandenburg, und Wolf-Harald Krüger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) – Region Ostbrandenburg
Die Region zwischen Hauptstadt, polnischer Grenze und Spreewald ist mehr als eine landschaftliche Schatzkiste. Europas größte Erdölraffinerie prägt das wirtschaftliche Bild genauso wie Solarindustrie, kleine Unternehmen mit Wirtschaftsbeziehungen in die ganze Welt und ein traditionell agiles Handwerk. „Hin und wieder überstrahlt Berlin als Hauptstadt die Region in ihrer Wahrnehmung“, weiß Dr. Ulrich Müller. TOP Magazin Brandenburg traf den IHK-Präsidenten Ostbrandenburgs und Wolf-Harald Krüger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) – Region Ostbrandenburg, zum Gespräch.
Dr. Ulrich Müller; Fotos: Oliver WiaHerr Dr. Müller, im Januar hat sich die IHK von „Frankfurt (Oder)“ in der Firmierung verabschiedet und heißt seitdem IHK Ostbrandenburg. Lediglich ein Namenswechsel?
Dr. Ulrich Müller: Dieser Name repräsentiert einfach besser die Region, denn wir vertreten nicht nur Frankfurt, wo wir nach wie vor unseren Sitz haben, sondern die Interessen von Industrie, Handel und Dienstleistung der gesamten Region Ostbrandenburg.
Wie gelingt es der IHK und der Handwerkskammer, gemeinsam ihre Kräfte zum Nutzen für die Region und ihrer Mitglieder zu bündeln?
Wolf-Harald Krüger: Uns verbindet eine langjährige enge Zusammenarbeit. Die gesetzlichen und strukturellen Restriktionen von Handwerk, verarbeitendem Gewerbe und Handel sind gar nicht so unterschiedlich, wie man meint. Eine gemeinsame Positionierung bei wirtschaftspolitischen Forderungen stärkt die Unternehmen und damit die Region. Das belegen die Vereinbarung mit dem Landkreis Märkisch-Oderland zum Bürokratieabbau oder die gemeinsame Positionierung beim Ausbau der Infrastruktur in Ostbrandenburg. In einer gemeinsamen Ausbildungsinitiative kämpfen wir um den Berufsnachwuchs und natürlich auch dafür, junge Fachleute in der Region zu halten. Und natürlich ist der Kampf gegen Schwarzarbeit ein Terrain, das beide Interessenvertretungen verbindet.
Dr. Ulrich Müller: Wir sind auch auf einem guten Weg, neue internationale Märkte für die Unternehmen der Region zu erschließen. Das sichert auch dem Handwerk eine stabile Auftragslage.
Wo sehen Sie Möglichkeiten, die Zusammenarbeit mit den regionalen Wirtschaftspolitikern noch zu intensivieren?
Dr. Ulrich Müller: Der wichtigste Punkt ist nach wie vor der Bürokratieabbau. Dabei geht es nicht vordergründig um die Streichung von Gesetzen, sondern um die wirtschaftsfreundlichere Umsetzung der Regelungen. Einfach gesagt: Wenn sich kommunale Entscheidungsträger in die Haut eines Unternehmers versetzen, wird aus manchem Berg ein Steinchen. Und deshalb streben wir nach der Vereinbarung zum Bürokratieabbau
in Märkisch-Oderland dies auch mit den anderen Landkreisen Ostbrandenburgs an.
Ein gutes Beispiel ist auch die IHK Konferenz zu Innenstadtkonzepten, die Rainer Kattanek, Vorsitzender des Handelsausschusses, initiierte und leitete. Das war der Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsreihe, die Verwaltung und Wirtschaft an einen Tisch bringt – als Plattform für wirtschaftsnahe Verwaltung.
Wo liegt das größte Entwicklungspotenzial für die Region?
Wolf-Harald Krüger: Unsere Region hat viele Potenziale, vielleicht ist auch gerade diese Vielfalt die größte Chance für Entwicklung.
Wir sehen positive Signale, wobei man stets beachten muss, dass Handwerker Dienstleister sind. Sie erzeugen keinen Markt, sondern reagieren auf den Bedarf. Insofern haben wir ein elementares Interesse am Ausbau der Industrieansiedlungen, denn das sichert uns stabile Auftragslagen. Dabei stellt uns die Knappheit an Bewerbern für eine Ausbildung im Handwerk vor große Herausforderungen, denn in den kommenden
Jahren werden viele „alte Meister“ in den Ruhestand gehen und Nachfolger für ihre Firmen benötigen.
Dr. Ulrich Müller: Der Zukunftspreis, den die IHK jährlich gemeinsam mit der „Märkischen Oderzeitung“ auslobt, zeigt zum einen die Bandbreite der Wirtschaftskraft Ostbrandenburgs und zum anderen die Kreativität der Unternehmer. Diese beiden Faktoren stehen für das Potenzial der Region. 2008 haben wir 80 Bewerbungen erhalten, zehn Unternehmen werden geehrt.
Die weitere Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen ist eine wichtige Quelle für Entwicklung. So wurde vor einigen Wochen ein wissenschaftliches Zentrum für Unternehmensgründung und Unternehmertum an der Europa- Universität Viadrina ins Leben gerufen. Die Idee kam von der IHK. Wir erhoffen uns von diesem Zentrum Impulse für die so wichtigen nachhaltigen Unternehmensgründungen,
aber auch für die etablierten Unternehmen.
Sehen Sie in der geografischen Lage Ostbrandenburgs eher einen Vor- oder einen Nachteil?
Gerade im Handwerk sind unsere polnischen Nachbarn auf Grund der Kostenstruktur sicher eine harte Konkurrenz für die Ostbrandenburger Handwerker.
Foto: Oliver WiaDr. Ulrich Müller: Ich sehe unsere geografische Lage als Vorteil. Zum einen bietet Ostbrandenburg mit der Verbindung von intakter Natur und Hauptstadtnähe attraktive Lebensbedingungen und zum anderen sehen wir schon jetzt, dass die offene Grenze nach Osten enge wirtschaftliche Verflechtungen beschleunigt. Chancen bietet auch eine duale Berufsausbildung, wobei jedoch die Sprachbarrieren in der Tat eine Hürde sind. In sehr
kurzer Zeit haben sich die Lebensverhältnisse in den beiden Ländern stark angenähert.
Wolf-Harald Krüger: Für das Handwerk sehe ich das nicht rundum so positiv. Die Freizügigkeit sollte keinesfalls früher kommen. Nur so haben wir in der Übergangszeit Möglichkeiten, auf diese Marktbedingungen zu reagieren.
Welche aktuellen Projekte stehen gegenwärtig an der Spitze der Agenda von IHK und Handwerkskammer?
Wolf-Harald Krüger: Unseren Verbänden hängt ja oft der Nimbus der „Zwangsmitgliedschaft“ an. Deshalb ist es wichtig, die interne Kommunikation zu verbessern: unseren Mitgliedern im Alltag zu zeigen, dass wir als Handwerkskammer Dienstleister für ihr Unternehmen sind. Dabei reichen die Angebote von der Existenzgründerberatung über konkrete Arbeitshilfen bei der Organisation des Büroalltags bis hin zur Unterstützung bei Krediten. Dr. Ulrich Müller: Messbare Fortschritte in der Wahrnehmung durch unsere Mitglieder sind auch für uns ein wichtiges Ziel. bm
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