DER „LIEGENDE EIFFELTURM“
Archiv der Ausgabe 1 | 3. Jahrgang | Winter 2006/07
- Industriekultur in der Lausitz bietet einzigartigen Ausblick
Die einst von TAKRAF in Lauchhammer gebaute Förderbrücke „F60“ zieht heute Touristen aus aller Welt an.
Foto: H. RauhutDer Vergleich mit dem Pariser Wahrzeichen klingt gewagt. Zwar besteht auch der Koloss bei Lichterfeld mitten in der Lausitz aus Tonnen von Stahl, aber in die Höhe ragt er nun gerade nicht. „Wir haben ihn deshalb auch ‚liegenden Eiffelturm’ getauft“, sagt der kaufmännische Betriebsleiter auf der ausrangierten Förderbrücke aus einem inzwischen aufgegebenen Braunkohletagebau, Olaf Umbreit. „Das klingt doch gleich viel anschaulicher als irgendein technischer Begriff. Und nach Höhenangst fragen wir unsere Besucher auch.“ Tatsächlich können diese auf dem vor fünf Jahren zur Touristenattraktion umgerüsteten Stahlgerüst ins Schwanken geraten. An der höchsten Stelle stehen die Gäste immerhin 74 Meter über dem Boden und blicken in eine langsam entstehende Seenlandschaft. Spätestens da wird manchem Besucher deutlich, dass er seine Standsicherheit etwas überschätzt hat. Aber die Führer der offiziell zum „Besucherbergwerk“ erklärten Förderbrücke tragen immer ein Funkgerät bei sich. Damit organisieren sie im Fall der Fälle rasch Hilfe.
Vielleicht erspart sich deshalb der eine oder andere Besucher selbst das bei der Begrüßung versprochene „Gefühl zwischen Himmel und Erde“. Außerdem setzen der Aufstieg und der 1,3 Kilometer lange Rundweg entlang der Förderbänder, Antriebsräder, Kranhäuschen und Steuerkabinen eine gewisse Kondition voraus. Nicht nur von oben, sondern auch vom Boden aus beeindruckt dieser „liegende Eiffelturm“. Die Dimensionen sind gewaltig: 502 Meter lang, 80 Meter hoch und 11 000 Tonnen schwer. Der Eiffelturm reckt sich dagegen nur 324 Meter in die Höhe.
Bereits 350 000 Besucher aus aller Welt ließen sich seit der Eröffnung im Mai 2002 in diese Gegend locken. Im Vorjahr wurden 63 000 Tickets verkauft. Sicherlich trugen dazu viele Veranstaltungen wie Rockkonzerte, Lichtshows und Familienpartys bei. Firmen und Gruppen können bei ihrem Besuch auch in luftiger Höhe speisen und trinken. Spätestens dann erklären die Führer die Herkunft des Namens „F60“, der an den obligatorischen Schutzhelmen und auf den Hinweisschildern prangt. Das bei TAKRAF im nahen Lauchhammer gebaute technische Großgerät konnte mit Baggern die 60 Meter über dem Kohleflöz liegende Erde abtragen und über den Tagebau bewegen. Die langen Transportbänder ersetzten Bagger und Kipper. Mehr als zwei Jahre dauerte die Montage, ehe die „F60“ am 11. März 1991 im Tagebau Klettwitz-Nord in Betrieb ging. Doch schon 15 Monate später kam das Aus. Der Bedarf an Lausitzer Kohle war dramatisch gesunken.
Überall wurden Förderbrücken zu Schrott. Dieses Schicksal drohte auch dem „liegenden Eiffelturm“. Die Spreng- und Demontagekosten in Höhe von umgerechnet einer Million Euro erschienen dem Bergbauunternehmen bedeutend günstiger als eine eventuelle Erhaltung als Denkmal. Doch die Bosse im fernen Berlin hatten ihre Rechnung ohne die Lausitzer gemacht. Gerade jene Bewohner, die durch die Tagebaue ihre Siedlungen verloren hatten, kämpften nun vehement um den Verbleib einer „stählernen Erinnerung“. Die Gemeinde Lichterfeld kaufte schließlich das Gerät und möchte sie heute als Attraktion nicht mehr missen.
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006






















