das perfekte büro?
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- Schluss mit der Käfighaltung von Schreibtischtätern – Bürotrends 2010
- von Gerald Backhaus
Du bist, wie und wo Du arbeitest – die Qualität des Büros spielt eine entscheidende Rolle für die Qualität der Arbeit. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen Ausblick, Belichtung und ungewöhnlichen Räumen sowie der Arbeitszufriedenheit gibt“, sagte Architekturprofessor Matthias Sauerbruch der Süddeutschen Zeitung. Sein Berliner Büro Sauerbruch Hutton entwarf das Münchner Brandhorst Museum und das Dessauer Umweltbundesamt. So genannte Spitzenperformer würde man oft in sehr unkonventionellen Räumlichkeiten, in Garagen oder Lofts finden.

Ausstellungsräume der Firma More & Wolf Einrichtungen GmbH, Foto: More & Wolf Einrichtungen GmbH
Die Praxis der Büroeinrichtung sieht jedoch meistens anders aus, da bleibt kaum Raum für Experimente und Ungewöhnliches. „Leider müssen wir feststellen, dass der einzige Trend der ist, dem Kunden stereotype Büroformen überzustülpen.“ So genannte Fachleute, Berater und Beratungsfirmen, aber auch die Industrie würden das praktizieren, sagt Alexander Käber, Geschäftsführer von Boecker Büro- und Objektgestaltung Berlin, dessen Firma unter anderem das Reichstagsgebäude, die Nordischen Botschaften sowie die Büros von Allianz, Berliner Volksbank, Siemens und Vattenfall mit eingerichtet hat. Das Resultat dieser Vorgehensweise: Die Bürokonzepte von Banken gleichen denen von Energieversorgern und Krankenkassen. „Die oberste Maxime, unter denen diese Konzepte entstehen, ist die Flächenkomprimierung und -effizienz, also die Reduzierung der Arbeitsplatz bedingten Miet- und Bewirtschaftungskosten.
Großraum, Denkerzellen, Besprechungscubicles, Technikinseln …
Viele Chefs würden ihren Mitarbeitern das Ganze zum Beispiel wegen der Ergonomie mit einem elektromotorischen Tisch schmackhaft machen, so Käber. Er wagt einen provokanten Vergleich: „Dass das Huhn in der Käfighaltung jetzt zwei Sitzstangen hat und dennoch keine Freilandhaltung, geht meist unter.“ Befragungen zur Mitarbeiterzufriedenheit würden klar zeigen, dass der Erfolg ausbleibt. Zum Konzept von Käbers Firma gehört dagegen die Verbindung von Bürostrukturen mit unterschiedlichen Funktionen: „Funktionsbereiche gleichen hierbei modernen Stadtlandschaften. Für unterschiedliche Situationen werden auch unterschiedliche Räume benötigt. Raum kann heute mehr als Fläche gesehen werden denn als geschlossene Räumlichkeit.“ Praktisch sieht das so aus, dass sich Bereiche mit offenen Strukturen – „open space“, Großraum, Gruppenplätze – mit Denkerzellen, so genannten Besprechungscubicles und Technikinseln abwechseln. „Grundsätzlich verfolgen wir die Philosophie der ‚Kommunikation in Blickgeschwindigkeit‘. Das heißt, wenn Trennung durch raumhohe Wände erfolgen soll oder funktionsbedingt notwendig ist, dann mit einer der Funktion gerecht werdenden Transparenz“, so Alexander Käber. Dieser Aufwand lohnt sich, weil die Tätigkeiten innerhalb eines Unternehmens oft unterschiedlicher sind als die zweier Unternehmen verschiedener Branchen. Die Grenzen können durch Farbe, Form und Material, aber auch durch unterschiedlich weiche Bodenbeläge intuitiv erkannt werden.
Die Kommunikationsform mit dem höchsten Wirkungsgrad ist die spontane Kommunikation. Es gilt also Orte zu schaffen, an denen sich Menschen ungerichtet treffen und austauschen können. Das können Druckerstationen, Postfächer, Garderoben und die Büroküche sein. Bei Boecker sprechen sie gerne vom „COFFICE“. Wenn man schon einen Kaffee trinken will, dann nicht allein, sondern lieber in einem Bereich, in dem man „rein zufällig“ seine Kollegen trifft.
Ein Blick ins Büro der Zukunft: das ‚betahaus‘ in Kreuzberg

Foto: Daniel Seifert
Genau so etwas praktizieren die Vertreter der digitalen Boheme im ‚betahaus‘ am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg in ihrem Café. Das ist sozusagen die Kantine für die rund 120 dort tätigen meist kreativen Freiberufler. Grafiker, Fotografen, Architekten, Designer, Videokünstler und Journalisten sind darunter. Chefsessel aus Leder und fetter Schreibtisch aus Massivholz sind so „gestern“. Wie das „betahaus“ sähe das Büro der Zukunft aus, behauptete die Berliner Zeitung. Ich habe einmal hineingeschaut in das Gebäude, in dem man seit letztem April seinen Arbeitsplatz wochenweise mieten kann und quasi nebenbei Kontakte knüpft. Das „betahaus“ sei ein „Coworking-Space“, ein Ort, an dem Freiberufler zusammenkommen. Christoph Fahle, einer der Gründer und Geschäftsführer, vergleicht den Ort mit einem Fitnessstudio – einem zum Arbeiten. Angeboten werden Tages-, Wochen- und Monatsmitgliedschaften. Ein Tagesticket kostet 12, ein Monatsticket 129 Euro. Dafür darf man auch 3 Stunden den Meetingraum nutzen. Legt man noch 100 Euro drauf, kann man rund um die Uhr zum Arbeiten kommen und 10 Stunden konferieren. Zudem bekommt man einen Briefkasten und ein Schließfach. Internet und Strom sind inklusive, außerdem Drucker, eine kleine Küche mit Heißgetränkeautomat, Mikrowelle und Kühlschrank sowie eine Sofaecke. Und vor allem gibt es spannende Kontakte zu anderen Kreativen.
Werte werden nicht mehr in klassischen Büros geschaffen, sondern an ganz unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Teamkonstellationen und ohne Festanstellung, so die Betreiber. Sie bieten auf 1 000 Quadratmetern in einem Gewerbehof „Platz für Innovation, Kreativität und professionelles Arbeiten“. Es gibt WLAN, fixe und flexible Arbeitsplätze, Räume für Besprechungen sowie ein Telefonzimmer, in dem man in Ruhe telefonieren kann. Telefoniert wird übers Internet, und auch den Konferenzraum reserviert man online. Die Arbeitsplätze bestehen aus Holzplatten auf Baumarktböcken, andere haben abschließbare Rollcontainer.
Modulor-Haus – „Kulminationspunkt für die Kreativen der Stadt“
Warum die Leute hierher kommen? Vielen ist ein eigenes Büro einfach zu teuer. Und immer zu Hause zu arbeiten, nervt so manchen nach einer Phase, in der man es schätzte, nebenbei die Waschmaschine anwerfen zu können. Viele Freie wünschen sich eine Trennung von Arbeit und Privatleben. Die Bürogemeinschaft betahaus ist ein Erfolgsmodell und könnte schon bald in andere Städte expandieren. Die Lage in Zürich wurde gerade sondiert und nun steht fest: „Zürich braucht ein betahaus!“ Der Bedarf an solchen Büros scheint riesig. In nächster Nähe zum „betahaus“ sind ähnliche Orte am Entstehen. In zwei Jahren sollen 400 Kreative auf 19 000 Quadratmetern im Modulor-Haus arbeiten – dem zukünftigen „Kulminationspunkt für die Kreativen der Stadt“, so die Betreiber. Nicht nur Schreibtische sind hier geplant, sondern auch eine Tischlerei, eine Taschenmanufaktur, ein Fotostudio, ein Nähcafé. Das Wirtschaftsmagazin brand eins will im Haus ein Café eröffnen, in dem es auch Veranstaltungen geben soll.
„Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?“ (aus: Die Geschichte vom Zappelphilipp)

Fotos: Wilkahn
Ob im Arbeitszimmer zu Hause, im „betahaus“ oder auch in einem von Boecker eingerichteten Büro – ein Problem haben die meisten Schreibtischtäter früher oder später zu kämpfen: Bei zu langer einseitiger Körperhaltung streikt der Rücken irgendwann. Kein Wunder, zum langen Stillsitzen ist der Mensch nicht gemacht. Die Zahl der gemeldeten Rückenerkrankungen steigt von Jahr zu Jahr. Die einzige wirksame Alternative ist Bewegung, da sind sich Chirurgen, Orthopäden und Neurologen einig. Aber das ist leichter gesagt als getan, wenn man acht oder mehr Stunden vor dem Rechner sitzt. Klar, man kann öfters eine Bewegungspause machen, zum Telefonieren extra aufstehen und zum Drucker laufen. Mancher umgeht die statische Sitzhaltung auch, indem er sich ab und zu auf einen Sitzball setzt. Durch diese Maßnahme muss die Wirbelsäule mehr arbeiten, anderenfalls fiele man vom Ball. Alexander Käber von Boecker empfiehlt Langzeit-Sitzern den „ON“ von Wilkhahn, einen speziellen Bürostuhl. Bisher galten Drehstühle als modern, wenn sie über eine Synchronmechanik verfügten. Während sich die Sitzfäche nach hinten neigt, schwenkt die Rückenlehne in einem synchronem Verhältnis nach hinten. Das ganze kann man auch auf sein Körpergewicht einstellen. Diese Bewegung ist eindimensional. Als zweite Dimension kann die Sitzhöhe eingestellt werden. Der neue Stuhl des Herstellers Wilkhahn dagegen soll den Bewegungen des Nutzers in allen Dimensionen des Sitzens folgen und den Körper dennoch stützen. Sport ersetzt natürlich auch ein solcher Stuhl nicht, die Arbeitstage am Schreibtisch fallen einem mit dem richtigen Sitzmöbel aber garantiert leichter.
Kontakte:
www.betahaus.de
www.boecker-buerogestaltung.de
www.modulor.de
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2009























