Das internationale Potsdam
Archiv der Ausgabe 2 | 3. Jahrgang | Sommer 2008
- Die brandenburgische Landeshauptstadt verdankt ihre Schönheit nicht zuletzt den vielen Einwanderern und ausländischen Vorbildern
Kaum eine andere Stadt weist so viele unterschiedliche Baustile auf wie Potsdam. Der Spaziergänger findet hier nicht nur ein Holländisches Viertel, eine Russische Kolonie und ein böhmisches Weberviertel, sondern auch ein italienisches Dörfchen, eine norwegische Matrosenstation, eine Französische Kirche und im Park Sanssouci sogar ein Chinesisches Haus. Diese ungewöhnliche Mischung macht den ganz besonderen Reiz der Nachbarstadt von Berlin aus und einen Bummel zu einem lebendigen Geschichtsunterricht.
Holländisches Viertel; Foto: Stadtverwaltung Potsdam / Michael LüderDas berühmte „Edikt von Potsdam“ machte 1685 den Anfang. Der erste große Strom von Einwanderern kam am Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich nach Brandenburg. Hunderttausende Hugenotten waren 1685 plötzlich zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden, nachdem König Ludwig XIV. dem bis dahin friedlichen Zusammenleben von Katholiken und Reformierten die Grundlage entzogen hatte. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm erließ daraufhin das „Edikt von Potsdam“, das zahlreichen Hugenotten eine neue Heimat in Brandenburg gab. Nach den großen Zerstörungen während des Dreißigjährigen Krieges konnten sie sich vor allem als Handwerker eine neue Existenz aufbauen. 1719 begann der Bau einer französischen Kolonie im Nordosten der ursprünglichen Stadtgrenzen. Nach einer Order Friedrichs II. entstand 1752/53 eine Französische Kirche am Rande des heutigen Bassinplatzes. Es ist ein Spätwerk des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg heute die älteste erhaltene Kirche im historischen Zentrum.
Auf französische Einflüsse trifft der Spaziergänger natürlich auch im Schloss Sanssouci, stammten doch viele Baumeister aus dem Nachbarland. Antoine Pesne lieferte bedeutende Wandbilder und Deckengemälde.
Ein ganzes Viertel für die holländischen Handwerker
Gleich am Bassinplatz beginnt das heute im alten Glanz erstrahlende Holländische Viertel. König Friedrich Wilhelm I. persönlich warb 1732 in Amsterdam um eine Gruppe von Handwerkern, die den Grundstein für ein neues Potsdamer Stadtquartier in Ziegelbauweise legen sollten. Er vertraute auf ihre Erfahrungen beim Umgang mit einem sumpfigen Untergrund und wurde nicht enttäuscht. Ab 1733 begann Jan Bouman mit dem Bau der holländischen Häuser. Neun Jahre später waren alle 134 Gebäude in den vier Karrees fertig, wobei allerdings nur in 22 Häusern tatsächlich holländische Familien wohnten. Ab 1773 kamen die Gebäude im holländischen Backsteinstil am westlichen Bassinplatz hinzu.
Überall spürt man die Sehnsucht nach Italien
Römischer Stil am Alten Markt; Foto: Stadtverwaltung Potsdam / Michael LüderItaliener kamen zwar im Unterschied zu Franzosen, Schweizern, Russen, Böhmen und Holländern nicht in nennenswerten Zahlen nach Potsdam. Dennoch sind überall im Stadtgebiet Einflüsse von Künstlern aus diesem Land zu entdecken. Den Alten Markt ließ Friedrich II. in der Gestalt einer „italienischen Piazza“ anlegen. Davon ist nach den Verlusten im Zweiten Weltkrieg nicht mehr viel zu spüren, aber die an St. Peter in Rom erinnernde Nikolaikirche strahlt nach wie vor mit einer nach römischem Vorbild nachempfundenen Fassade.
Italienische Bauten finden sich zur Genüge im Park Sanssouci. Dazu gehören der Ruinenberg, der Freundschaftsund der Antikentempel, das Belvedere auf dem Klausberg, das Schlösschen Charlottenhof, die Römischen Bäder, die Fasanerie, die Friedenskirche, die Neue Orangerie und der Sizilianische Garten. Das Krongut Bornstedt wirbt zu Recht mit dem Titel „Italienisches Dörfchen“, bestimmt doch südländisches Flair das Aussehen der meisten Gebäude. Auch das Belvedere auf dem Pfingstberg und die Kirche St. Peter und Paul an der Brandenburgischen Straße zählen zum „italienischen Erbe“.
Ab 1751 kamen verstärkt Weberund Spinnerfamilien aus Böhmen nach Potsdam, wo für sie Nowawes („das neue Dorf“) entstand. Der König spekulierte auf ihre Fertigkeiten, wollte er doch den Bedarf seiner großen Armee an Stoffen möglichst aus einheimischer Produktion decken. Im Gebiet um die heutige Rudolf-Breitscheid-Straße, die Karl-Liebknecht-Straße und den Weberplatz wurden Häuser zum Wohnen und zum Arbeiten am Webstuhl geschaffen. Die Friedrichskirche folgte 1753.
Eine russische Kolonie als Denkmal für den Zaren
Das Kennzeichen der russischen Menschen in Potsdam war über Jahrhunderte ihre Uniform. 1718 schickte Zar Peter I. die ersten „Riesengrenadiere“ für die „Langen Kerls“ nach Preußen. Auffälligstes Zeugnis der Freundschaft zwischen beiden Ländern aber wurde die ab 1826 gebaute Russische Kolonie „Alexandrowka“. Mit ihr wollte Friedrich Wilhelm III. ein Denkmal für Zar Alexander I. schaffen, mit dem er im Kampf gegen Napoleon verbündet war. In die 14 Holzhäuser zogen die Familien von 12 russischen Sängern ein, die als Kriegsgefangene einst nach Preußen gekommen waren. Ein Haus ging an den Aufseher, ein anderes an den Kirchenaufseher und die Teestube. Heute werden noch zwei Gebäude von direkten Nachkommen der Sänger bewohnt – von den Familien Grigorieff und Schischkoff. Oberhalb der Kolonie entwarf der St. Petersburger Baumeister Stassow die Kapelle des Hl. Alexander Newski, die 1829 in Anwesenheit des preußischen Königs geweiht wurde.
Auch an exotischen Bauten mangelt es nicht in Potsdam. Seit 1754 zieht das Chinesische Haus im Park Sanssouci die Blicke der Besucher auf sich. Das Drachenhaus, das seit mehr als 100 Jahren eine Gaststätte beherbergt, überrascht durch seine pagodenähnliche Gestalt und seine ostasiatischen Kunstelemente. Hinter dem Parkausgang zur Stadt schuf Knobelsdorff einen ägyptischen Obelisken.
Eine ägyptische Pyramide und eine norwegische Matrosenstation
Wasserwerk in Form einer Moschee; Foto: Stadtverwaltung Potsdam / Michael LüderIm Neuen Garten stößt der Spaziergänger sogar auf eine richtige ägyptische Pyramide, die allerdings nur einen Eiskeller versteckt. Die Orangerie besitzt ebenfalls mehrere Elemente, die den Gast an die Pharaonenzeit erinnern sollen.
Das größte fremdartige Bauwerk steht aber in der Neustädter Havelbucht an der heutigen Breiten Straße. Eine „Maurische Moschee“ spiegelt sich im Wasser. Ludwig Persius baute 1840 bis 1842 dieses architektonische Meisterwerk, das das Pumpenhaus für die Fontänen im Park Sanssouci gekonnt tarnt.
Englische Züge tragen dagegen das Schloss Babelsberg und das Schloss Cecilienhof, in dem 1945 die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs das Potsdamer Abkommen unterzeichneten. Ein Stück Norwegen brachte Kaiser Wilhelm II. schließlich auf die Schwanenallee unweit der Glienicker Brücke. Das Vorbild für die Matrosenstation stand
im heutigen Oslo.
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2007
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008






















