Bio? – Logisch!
Archiv der Ausgabe 2/3 | 3. Jahrgang | Sommer 2008
- Einmaliges Naturkapital in Brandenburg bewahren
Am 13. März 2000 gründete Michael Wimmer zusammen mit 16 Gleichgesinnten die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg e. V. (FÖL), die sich inzwischen zu einer etablierten Kommunikationsplattform entwickelt hat. Dieser gemeinnützige und verbandsunabhängige Verein will mit überzeugenden und „geschmackvollen“ Argumenten die Menschen für den Kauf von regionalen Bioprodukten begeistern. Wer mehr über die „Bio-Welt“ erfahren möchte, erhält hier Hintergrundwissen, wertvolle Tipps und alle nötigen Informationen. – Doch wieviel „Bio“ verträgt das Land – wir wollten es genauer wissen und fragten nach.
Wie stellt sich die Bio-Branche auf den weltweiten Preisanstieg bei Nahrungsmitteln ein?
Kochten gemeinsam am Brandenburg-Gemeinschaftsstand auf der Biofach 2008 in Nürnberg: Dietmar Woidke, Minister für Ländliche Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg; Gerald Depardieu und Torsten KleinschmidtAuch der Bio-Markt hat Mehrkosten durch weltweit steigende Energie und Rohstoffpreise, die auf die Lebensmittel umgelegt werden müssen. Relativ betrachtet steigt der Preis für Bioprodukte aber deutlich geringer. Aus Sicht des Verbrauchers ist es erfreulich, dass die Preisspanne zwischen Bio und konventionellen Produkten dadurch kleiner wird. Andererseits bräuchten wir angesichts des konventionellen Preisniveaus höhere Biopreise, damit sich die Umstellung auf Bio für die Betriebe stärker lohnt.
Rechnen Sie angesichts der allgemeinen Teuerungsrate mit Absatzproblemen in der Region?
Nein – unser Problem ist eindeutig, dass wir gerade auf dem Berliner Markt mehr Produkte aus Brandenburg vermarkten könnten, wenn wir sie denn hätten. In besonderer Weise trifft dies auf Obst und Gemüse sowie verarbeitete Produkte zu. Angesichts der Umstellungszeit von mind. 2 Jahren wird sich daran so schnell auch nichts ändern. Wenn jemand auf Bio umsteigen will, sollte er es jetzt tun!
Wie reagieren Ihr Verband und die Kunden auf die aktuelle Situation?
Die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg e.V. engagierte sich seit Ihrer Gründung in erster Linie im Bereich der Verbraucherinformation. Da wir damit sehr erfolgreich waren, müssen wir uns jetzt verstärkt der Angebotsseite zuwenden, damit wir mehr verkaufsfähige Bioprodukte made in Brandenburg in die Regale bekommen. Gemeinsam mit dem Brandenburger Landwirtschaftsministerium arbeiten wir gerade an einem ganzen Bündel von Maßnahmen, die geeignet sind, die hohe Nachfrage mit Produkten aus Brandenburg zu befriedigen.
Wieviel Prozent der wichtigen Bioprodukte kommen heute aus der Region Berlin-Brandenburg?
Genaue Zahlen liegen hier nicht vor. Nach unseren Schätzungen kommen – saisonal schwankend – ca. 15–20 Prozent der Bio-Produkte aus der Region. Traditionell ist der Regionalanteil bei Backwaren, Milchprodukten, Eiern und Gemüse besonders hoch, für Fleisch und Wurst wurde gerade eine neue Verarbeitungsstätte in Velten eröffnet.
Welche Rolle spielen die Hofläden und damit die persönlichen Verbindungen zwischen Produzenten und Kunden?
Rein statistisch haben die Hofläden mit dem Wachstum des gesamten Biomarktes nicht mithalten können, weil es inzwischen Bio ja an jeder Ecke gibt. Aber gerade deswegen ist der Einkauf im Hofladen für den Städter ein Erlebnis für die ganze Familie. Weil dem so ist, haben ja auch immer mehr Biobetriebe Freizeit- und Übernachtungsangebote. Eine Stärke der Biobetriebe sind die unzähligen Hoffeste, die praktisch an jedem Wochenende in Brandenburg stattfinden. (Die Termine finden sich übrigens auf www.bio-berlin-brandenburg.de)
Wer kauft heute vorwiegend Bio-Produkte?
Bio wird von Menschen mit einer Wertschätzung gegenüber der Umwelt, sozialen und ethischen Aspekten der Ernährung und vor allem der eigenen Gesundheit gekauft. Zum großen Teil zählen junge Menschen und Familien zur Kundschaft des Naturkostfachhandels.
Warum sind Bio-Produkte immer noch teurer als konventionell hergestellte Erzeugnisse?
Qualität hat ihren Preis! Durch umweltverträgliche Dünge- und Pflanzenschutzmittel und Anbaupausen, in denen sich der Boden erholen und wieder neue Nährstoffe sammeln kann, sind die Erträge von Bio-Landwirten geringer als bei ihren konventionellen Kollegen. Auch die tiergerechten Haltungsformen, die Biofleisch und -wurst so schmackhaft machen, verursachen höhere Produktionskosten. Die auf diese Weise nachhaltig erzeugten Rohstoffe werden ebenso schonend und mit anspruchsvollen Verfahren weiterverarbeitet, auf die sonst üblichen Zusatz- und Hilfsstoffe wird verzichtet, was nicht nur Allergikern zugute kommt. Weil im Bio-Bereich derzeit noch kleinere Mengen gehandelt werden, sind Transport und Logistik noch nicht optimal und deswegen kostenintensiver. Zu guter Letzt sind im Preis von Bio-Produkten auch die Kosten für die Kontrollen der Qualitätsrichtlinien und Anbau- bzw. Verarbeitungsvorschriften enthalten. Generell sind Bio-Lebensmittel übrigens nicht teurer. Manche Verbraucher orientieren sich am untersten Preislimit eines konventionellen Produkts, machen aber keine Vergleiche mit Preisen konventioneller Premium-Marken. Außerdem kann ganz leicht gespart werden. Obst und Gemüse sollte am besten nur in der Saison gekauft werden, dann schmeckt es auch gleich viel besser. Viele Läden bieten ihren Kunden Rabattsysteme an, Fragen lohnt sich. Auch der direkte Kauf beim Landwirt oder der Zusammenschluss mit anderen zu einer Einkaufsgemeinschaft ist empfehlenswert.
Wer kontrolliert, ob die Betriebe tatsächlich die Kriterien der Bio- Branche einhalten?
Michael Wimmer mit seinem SohnBei uns werden die Bio-Betriebe durch 22 neutrale, staatlich zugelassene Kontrollstellen überprüft, die Nummer der jeweiligen Kontrollstelle steht auf jedem Bio-Produkt. Mindestens einmal jährlich finden angekündigte, zusätzlich bei mindestens 10 Prozent der Unternehmen stichprobenartige sowie verdachtsorientierte Kontrollen statt. Auch Verarbeitungsbetriebe, Futtermittelhersteller und Großhändler unterliegen dieser Kontrollpflicht.
Was sagt der Verband zur angekündigten Kürzung der EU-Subventionen für große Agrarunternehmen?
Wenn die Größe das einzige Kriterium ist, ist das absolut zu kurz gegriffen. Auch wenn es da und dort eine gern gehegte Assoziation ist: Tatsächlich hat small = beautyful auch im Ökolandbau wenig mit der Realität zu tun. Wir haben hier in Brandenburg mehrere Biobetriebe oberhalb von 1.000 Hektar, die unter dem Strich deutlich mehr Arbeitsplätze anbieten, als man von der Hektar-Zahl erwarten würde
Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Politik, vor allem aus Brandenburg?
Brandenburgs Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke hat die Zeichen der Zeit gut erkannt und betrachtet Bio als eine der wichtigsten strategischen Entwicklungslinien, wenn es darum geht, die Bewahrung des einmaligen Naturkapitals Brandenburg mit der Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum zu verbinden. Nachdem wir mit über 10 % Ökofläche bereits bundesweiter Spitzenreiter geworden sind, brauchen wir jetzt eine gemeinsame Agenda, damit wir die Chancen des Berliner Marktes für mehr Wertschöpfung und Veredelung besser nutzen können. Daran arbeiten wir gerade. www.bio-berlin-brandenburg.de
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