“ALLES ROT”
Archivbeitrag der Ausgabe 1 | 6. Jahrgang | Frühjahr 2010
- von Brigitte Menge
Die Fans gaben nie Ruhe: Sie forderten, schrieben, ermutigten und ermunterten. Jetzt ist Silly wieder da! Kraftvoll, ehrlich, glaubwürdig, echt. „Alles Rot“ ist der Titel ihres neuen Albums mit Frontfrau Anna Loos. 14 Jahre nach dem Tod von Tamara Danz gibt es 14 neue Songs. Wir trafen die gut aufgelegten Musiker Ritchie Barton, Uwe Hassbecker, Jäcki Reznicek und Anna Loos zum Gespräch.
14 Jahre keine CD – musste so viel Zeit vergehen?
Ritchie: Im Prinzip ja. Gerade bei den Live-Auftritten spürten wir, dass in uns und im Publikum die Leidenschaft für Silly lebt. So haben wir nach der Pause Silly wieder auf die Schienen gesetzt.

Silly / Foto: Oliver Wia
Ist „Alles Rot“ für euch eine Art Debüt- Album?
Uwe: Ja und nein. Es ist ein Comeback für Silly und unser Debüt mit Anna. Jeder von uns bewegte sich zwischen beiden Polen.
Eigentlich müsste das neue Album doch „Alles Neu“ heißen, oder? – Neue Plattenfirma, neues Management … – und von wem ist dieses tolle neue Bühnen-Outfit?
Anna: … von Guido Maria Kretschmer, einem Freund von mir.
Jäcki: … inzwischen von der ganzen Band.
Anna: Ich wollte unbedingt für die Bühne eine Jacke im Uniformstil haben. Als Guido mir dann seine Entwürfe zeigte, dachte ich: So etwas müsste eigentlich die ganze Band haben. Mode erzählt ja auch etwas über uns. Guido hat sich sehr auf uns eingestellt. Das Ergebnis ist glaubhaft, es sind Klamotten, die für uns stehen.
Uwe: Im Vorfeld für ein neues Album – und für dieses ganz besonders – sind viele Dinge zu regeln. Ein Rad muss ins andere greifen und alle müssen passen.
Jäcki: Wir haben gesucht und dann auch wirklich tolle Leute getroffen: mit der Plattenfirma Universal, dem Management „undercover“, den Produzenten. Das war kein gerader Weg, der hatte auch Einbahnstraßen und Umwege.
Anna: Es gehört eben mehr als Glück dazu, erfolgreich zu sein.
Wie lange habt ihr an diesem Album gearbeitet?
Uwe: Anderthalb Jahre.
Beim Hören der CD fällt auf, dass sie in keine musikalische Schublade passt – gibt es doch eine?
Jäcki: Wenn ja, dann die Silly-Schublade. Das ist aber eine ganze Kommode mit sehr verschiedenen Schubfächern. Der Stil des Albums ist breit, diese Vielfalt, das sind wir.
Anna: So verschieden die Songs auf der Platte auch sind, sie sind aus einem Guss.
Silly und Anna Loos – war das Liebe auf den 1. Blick?
Es folgt ein promptes dreistimmiges Ja.
Anna: … das hab ich ihnen auch eingeprügelt!
Anna, Sie sind das sicher schon neunundneunzigmal gefragt worden. Also zum hundertsten Mal: Wie schwer wog das Erbe Tamara Danz?
Anna: Im Nachhinein viel schwerer als am Anfang. Ich wollte unbedingt diese Lieder singen und mit diesen tollen Musikern und Menschen gemeinsam Musik machen! Menschen wie Tamara kann man nicht ersetzen! Aber die Band, die Musik, die Instrumentalisten, Komponisten, der Texter, auch das ist ja Silly und es gab und gibt keinen Grund, dass diese wunderbaren Lieder nicht weiterleben sollen.
Uwe: Der Mythos Tamara Danz ist nach ihrem Tod gewachsen. Wenn man das mit dem Abstand von 14 Jahren mal ganz nüchtern betrachtet, sind die Lieder wie Kinder der Band und sie sind immer da.
Das beschreibt das Lied „Sonnenblumen“ sehr poetisch. Anna, Hand aufs Herz: Was macht Sie glücklicher? „Silly“ oder die Schauspielerei?
Anna: Ich habe einen Beruf, den ich liebe. Und eine Leidenschaft, die ich lebe. In eine Rolle schlüpft man hinein und man schließt sie – irgendwann – ab. Und es steckt immer etwas von der eigenen Persönlichkeit drin. Bei dieser Musik ist das etwas anderes. Das bin zu 100 Prozent ich, da packe ich alles von mir rein.
Die Texte auf „Alles Rot“ erzählen Geschichten aus dem Alltag in unverbrauchten Bildern. Gänsehaut. Wer entscheidet eigentlich, aus welchen Werner-Karma- Texten Lieder werden?
Ritchie: Wir. Dabei sind wir uns ziemlich schnell einig. Das ist ein Prozess, der viel Bewegung hat. Bei einigen Songs war auch erst die Musik da und dann kam der Text.
Anna: Ich denke, Silly ist eines der Ausnahmeprojekte auch von Werner Karma, unserem Texter, der Musik und Text als Mutter und Vater der Songs betrachtet. Und die Kinder können nur so gut werden, wie es die Eltern sind.
War „Silly“ früher politischer?
Uwe: Nein. Unpolitisch ist „Alles Rot“ nun wirklich nicht. Aber in den 1980er Jahren beschäftigten uns ganz andere Themen als im Jahr 2010. Das Album ist das Spiegelbild unseres Empfindens.
Eure Tour startet am 7. Mai in Leipzig. In Köln, Stuttgart und Hamburg kennt man euch sicher weniger als in Dresden, Erfurt und Magdeburg. Was überwiegt: Bammel oder Neugier?
Uwe: Wir sind gespannt. Es ist „ein bunter Strauß schöner Melodien“ (feixt) für den gesamtdeutschen Sprachraum. Es wird doch langsam Zeit, dass die Leute überall Silly kennen.
Anna: Wir werden die kulturellen Einbahnstraßenschilder abbauen. Es ist uns schon oft passiert, dass Menschen, die uns noch nie vorher gehört haben, nach einem Konzert total begeistert waren.
Die Generation, die früher stundenlang „Bataillon d’amour“, „Februar“ oder „Paradies“ hörte, gehört heute schon zu den so genannten „Silver-Agern“. Wen soll die neue CD „Alles Rot“ erreichen?
Jäcki: Es gibt Junge und nicht mehr ganz so Junge, die die Texte von Anfang bis Ende mitsingen. Und so denke ich, dass unsere alten Fans, die so lange warten mussten, „Alles Rot“ genauso gut finden wie die neuen. Kein Interview ohne die Abschlussfrage nach weiteren Plänen …
Uwe: Na ja, zuerst soll das Album natürlich ein Erfolg werden …
Jäcki: … und zu unseren Konzerten der „Alles-Rot-Tour“ im Mai sollen viele Leute kommen.
Ritchie: … und dann gibt es im Herbst auch eine zweite Tournee.
Anna: Wir wollen eigentlich, dass Deutschland sich in uns verliebt!
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