Zu Besuch im Tegeler „Pfötchenhain“
- Ein kühler Samstag im Mai unweit des Waidmannnsluster Damms: Struppi, ein 18 Jahre alter Dackel, wurde gerade von einem älteren Ehepaar und den Enkelinnen zu Grabe getragen. Eine blonde Frau in Gärtnerbekleidung fuhr das Tier zuvor auf einer Schiebekarre rund 800 Meter zu seiner letzten Ruhestätte, ihr folgte der kleine Trauerzug. Nach dem Abschied von Struppi schippt ein junger Mann das Grab mit Erde zu. Aus Pietätsgründen verbieten sich Fotos.
- von Gerald Backhaus
Archiv der Ausgabe 2 | 23. Jahrgang | Sommer 2010
Das Ehepaar stammt aus der Gegend und hatte schon vor knapp zwei Jahren erfahren, dass es in Tegel den „Pfötchenhain“, einen Tierfriedhof, gibt. Dessen Inhaberin, die Dame mit der Karre, heißt Christina Hübner. Der junge Mann ist Johann-Christoph Müller, ein 22-jähriger Maschinenbaustudent und Pfarrerssohn, der ihr mit einem weiteren Studenten auf dem Friedhof zur Hand geht.
Was ist erlaubt?

Foto: Gerald Backhaus
Bis 2002 bestand kein Zweifel: Tote Haustiere durften im eigenen Garten vergraben werden. Danach wurde eine EU-Vorschrift erlassen, die das Vergraben toter Tiere nur noch mit Genehmigung erlaubt. Um nicht jeden Einzelfall überprüfen zu müssen, erließen die Behörden aber eine „Allgemeinverfügung“. Es gab viel Wirbel darum, was nun erlaubt und was verboten ist. Fazit: Im Garten dürfen Katzen, Hunde, Vögel und Meerschweinchen nach wie vor beerdigt werden, allerdings nur dann, wenn das Grundstück nicht in einem Wasserschutzgebiet oder zu nahe an öffentlichen Wegen und Plätzen liegt. Wer seinen toten Vierbeiner auf öffentlichem Grund, im Wald oder am Wegesrand bestattet, macht sich strafbar. Keine Einschränkungen gibt es bei Urnenbestattungen. Die Asche darf man mit nach Hause nehmen und in einer Urne aufstellen oder vergraben.
Ein langer Weg
Die Frage, wohin Haustiere, die eine so wichtige Rolle im Leben ihrer Herrchen und Frauchen spielten, nach ihrem Tod kommen, beschäftigte Christina Hübner schon seit langem. Auslöser und Ideengeber für ihre Geschäftsidee mit dem Tierfriedhof waren die Kunden ihrer kleinen Friedhofs- Gärtnerei. Diesen Familienbetrieb betreibt sie seit über elf Jahren in der Tegeler Wilhelm-Blume-Allee neben dem Städtischen Friedhof Reinickendorf. Für immer mehr Tierliebhaber ist es tröstlich, mit dem „Pfötchenhain“ einen würdevollen Ort zur Verabschiedung und Erinnerung an das Haustier zu haben.

Foto: Gerald Backhaus
Gut Ding will Weile haben, der Weg zu diesem würdevollen Ort war kein kurzer. Beim Bezirksamt hatte Christina Hübner zunächst nachgefragt, ob sie einen Tierfriedhof gründen dürfe. Fünf Jahre dauerte es, bis es schließlich eine Genehmigung und ein passendes Grundstück dafür gab. Seit Juni 2008 setzen sie und ihr kleines Gärtnerteam Haustiere bei. Bei Tieren ist alles möglich, was bei einer Menschenbeerdigung heutzutage verboten ist. Nur zwei Bedingungen gilt es zu erfüllen: Der Tierleichnam muss in mindestens 70 Zentimetern Tiefe bestattet werden und das Grab mindestens drei Jahre lang bestehen. Man kann ein Grab allerdings auch gleich für längere Zeit pachten, zum Beispiel für 15 Jahre, wie bei einer Katze geschehen. Manche Kunden reservieren eine Grabstelle für ihren Liebling schon zu Lebzeiten. Warum? Zur Begründung hört Friedhofsleiterin Hübner oft so etwas wie: „Wenn es soweit ist, sind wir so aufgeregt, dass wir das dann nicht hinbekommen würden.“ In einem solchen Fall lebte der Hund nach der Grabreservierung noch zwei Jahre.
Fester Platz in der Familie
Etwa 95 Prozent der Kunden bringen ihren Hund oder ihre Katze selbst zu Christina Hübner. Wenn sie wollen, können sie ihr Tier sogar bis zum Grab fahren. „Das gehört zu den schönsten Momenten: Die Menschen haben ihren Liebling bis zuletzt. Manche Tierhalter betten ihr Tier auf die Lieblingsdecke, polstern das Grab aus, und mehr als die Hälfte der Leute schippt auch das Grab mit zu.“ Rituale wie bei einer Menschen-Bestattung gibt es im „Pfötchenhain“ nicht. Aber es wäre durchaus denkbar, auch hier Musik zu spielen oder dass jemand eine Rede hält. Die meisten Trauernden wollen so etwas aber nicht, sondern sich in aller Stille von ihrem Haustier verabschieden. Hunde und Katzen, die ihre letzte Ruhe im „Pfötchenhain“ finden, sind in der Regel mindestens zehn Jahre, oft bis zu 18 oder 20 Jahre alt. Diese lange Zeit verschafft den Tieren einen wichtigen Platz im Leben der Menschen.

Christina Hübner, Foto: Atelier Anke Jakob
Man kann bei Christina Hübner –- wie auf dem Humanfriedhof – eine klassische Grabstelle pachten oder das Tier auf der grünen Wiese bestatten. „Dort ist viel Platz, allerdings ist ein Wiesenplatz nicht verlängerbar.“ Hier kann man zum Beispiel eine Blumenschale zum Gedenken an sein Tier hinstellen. Die Kosten für eine Tierbestattung liegen bei mindestens 330 Euro, was die Pachtgebühr für drei Jahre sowie die Beisetzungsgebühr beinhaltet. Alles Zusätzliche wie Sondergrabstellen, Särge und Grabsteine kosten extra, so dass es nach oben hin preislich keine Grenzen gibt. Bei Kleintieren wie Hasen, Meerschweinchen und Mäusen bewegen sich die Kosten dagegen nur im Taschengeldbereich. „Wenn ein kleiner Junge mit seinen zwei Rennmäusen zu mir kommt, kostet das nur zehn Euro. Er legt sie in das Grab, es kommt etwas Stroh darauf und ein Brief mit hinein, und wir zünden zusammen eine Lampe an. Das ist eine ganz kindgerechte Beerdigung.“ Exotische und sehr große Tiere wurden bislang noch nicht im „Pfötchenhain“ zur letzten Ruhe gebettet. Es gab aber schon Anfragen für Schlangen und Pferde.
Wie sieht Christina Hübner die Zukunft? Tierbestattungen werden auf jeden Fall zunehmen. „Das ist ein Phänomen. Während es bei den Menschen immer schlichter gehandhabt und vermehrt anonymisiert wird – viele sagen, ihnen reiche ein Foto des Verstorbenen zuhause auf dem Kaminsims zur Erinnerung – nehmen die Tierbestattungen zu.“
www.pfoetchenhain.de
- weitere Tierbestatter und -friedhöfe
- in Pankow: www.anubis-tierbestattungen.de
- in Lichtenberg: www.tierschutz-berlin.de
- in Steglitz: www.baerolina-haustierbestattung.de, www.baerliner-tierfriedhof.de
- in Schönefeld: www.tierbestatter-gbr.de
- in Teltow: www.tierfriedhof-tierhimmel.de
- Kremierungen: www.tierbestatter-berlin.de
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2009
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- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2009
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