ZICKENKRIEG DER METROPOLEN
Archiv der Ausgabe 1 | 20. Jahrgang | Frühjahr 2007
- Berlin und Hamburg – die ungleichen Schwestern:
Die eine ist vital, laut und voller Lebenslust, die andere ist elegant, unterkühlt und setzt auf Tradition. Kein Wunder, dass die beiden schönen Schwestern Berlin und Hamburg in ständiger Konkurrenz stehen. Und je enger die beiden durch bessere Verkehrsverbindungen zusammenrücken, umso heftiger tobt der Zickenkrieg. Doch kann man zwei so unterschiedliche Metropolen überhaupt vergleichen? Entscheiden Sie selbst!
Love Parade auf der Straße des 17. JuniZuerst einmal: In Berlin ist garantiert mehr los, denn pro Quadratkilometer tummeln sich an der Spree 3.815 Einwohner. Die Hamburger bleiben mit 2.308 Einwohnern auf der gleichen Fläche erwartungsgemäß distanzierter. Mit 50,7 % hält Berlin den traurigen Rekord als Singlehauptstadt, der Hanseat ist mit nur 49 % Einpersonen-Haushalten etwas bindungsfähiger. Ob diese Diskrepanz an den vielen einsamen Politikern in der Bundeshauptstadt liegt?
Ach ja, die Hauptstadt. Reichstag, Kanzleramt, Ministerien und die ganze Nomenklatura der Macht haben eindeutig Glanz in die vormals eher piefige Ex-Mauerstadt gebracht. Berlinale, Love Parade, CSD, die Museumsinsel und Kneipen, die rund um die Uhr geöffnet haben – da kommen Touristen gern. Mit über 14,5 Millionen Übernachtungen 2006 ist Berlin eindeutig Spitzenreiter. Trotz Hafen, Musicals und Reeperbahn brachte es Hamburg nur auf knapp 7,2 Millionen. Macht nix, die Schönheit an der Elbe ist von Hause aus kosmopolitischer. Mit einem Ausländeranteil von 14,2 % kann das Multikulti-Paradies Berlin mit seinen 13,7 % nicht konkurrieren. Auch bei den ausländischen Vertretungen hat Hamburg die Nase vorn, mit hundert Konsulaten liegt die Hansestadt weltweit auf Platz zwei hinter Hongkong.
Einen guten Überblick kann man sich von den höchsten Bauwerken der Städte aus verschaffen. Berlins Fernsehturm bringt es auf stolze 368 Meter, sein Hamburger Pendant auf nur 271. Dafür liegt das ansonsten so platte Hamburg bei den Erderhebungen vorn: Die Harburger Berge recken sich zu imposanten 116,2 Metern Höhe, dicht gefolgt von den Berliner Müggelbergen mit 115 Metern.
Wer den Blick von oben schätzt und mit dem Flugzeug in die Elbmetropole reist, der landet in Fuhlsbüttel auf dem 1912 eröffneten und damit ältesten noch im Betrieb befindlichen Flughafen Deutschlands. Berlin hatte mit dem drei Jahre früher eröffneten Flughafen Johannistal zwar den älteren zu bieten, der Airport wurde jedoch 1995 geschlossen. Macht nichts, Fliegen ist sowieso out, und zwischen Hamburg und Berlin pendelt man bei nur 90 Minuten Fahrzeit am besten mit dem Zug. Hier schaffen die Städteschwestern einen gemeinsamen Rekord, denn mit rund 190 Stundenkilometern ist dies die schnellste Verbindung zwischen zwei Städten in Deutschland. Manche Dinge dauern eben etwas länger: Bereits von 1933 bis 1939 fuhr der Fliegende Holländer dort Streckenrekord, der erst 1997 wieder gebrochen wurde.
Wer Berlin im Sommer besucht, dem kann heiß werden – im Schnitt 1,6 Grad wärmer als an der Elbe, wo meist eine angenehme Brise weht und auch das berühmte Schietwetter Abkühlung bringt. Auch das sieht der Hanseat positiv: Durchschnittlich 744 Millimeter Regen pro Jahr sorgen dafür, dass die Hansestadt auch im Sommer grüner bleibt als das sonnige Berlin mit lumpigen 593 Millimetern. Vielleicht sollten sich die Berliner auf ihren Schutzpatron besinnen: Der Heilige Benno von Meißen ist zuständig für Regen.
Die allseits bekannte ReeperbahnWasser – in beiden Städten ein wichtiges Thema. Brücken, so tönen beide Schwestern, haben sie mehr als Venedig aufzubieten, Hamburg rund 2.500 und Berlin immerhin noch rund 1.700. Dazu kommen in der Hauptstadt noch fünf Seen, zwei Flüsse und rund 180 Kilometer Wasserwege. Als dieses einst Conny Froboess mit ihrem „Pack die Badehose ein …“ besang, wurde es, wie viele der anderen zweihundert Lieder, die auf Berlin gesungen wurden, zum Hit. Da kann sich Hamburg gern die Musical-Hauptstadt nennen, zu einer echten Hymne hat sie es nicht gebracht.
Aber als Medienhauptstadt sieht sie sich gern. In rund 13.000 Medienfirmen verdienen 62.000 Beschäftigte ihr Geld damit, Deutschland zu informieren und zu unterhalten. Ach ja, das Geld sorgt in Hamburg immer noch für die meisten Superlative. Pfeffersäcke nannte man die Hamburger Kaufleute, und auch heute noch sollen an Alster und Elbe die meisten Millionäre Deutschlands leben. Die Arbeitslosenquote liegt mit 10 % deutlich unter dem alarmierenden Wert von 16,5 % in Berlin. Das Geld wird hier (auch) im Hafen verdient, dem größten in Deutschland, dem zweitgrößten Europas und dem achtgrößten weltweit. Der bedeutendste Großmarkt Deutschlands versorgt die Elbmetropole mit allem, was dem Hanseaten das Leben lebenswert erscheinen lässt – allein Blumen im Wert von 100 Millionen Euro werden hier jährlich umgeschlagen.
Brücken in der Hamburger SpeicherstadtKein Wunder, dass Hamburg bei den Finanzen einen auf dicke Hose macht, schließlich ist sie die ältere der beiden Schwestern. Bereits im 7. Jahrhundert standen hier feste Behausungen, 810 wurde das Kastell Hammaburg gebaut. Berlin, so munkelt man in Hamburg, sei damals nur ein Sumpf gewesen; schließlich leitet sich der Name „Berlin“ nicht vom Bären, sondern vom slawischen Wort „berl“ für Sumpf ab. Erst 1244 fand Berlin eine erste, zaghafte Erwähnung und zeigt seither der älteren Schwester, was eine Harke ist.
In einem sind sich Hamburger und Berliner einig: Sie sterben aus. Beide Großstädte haben mehr Todesfälle als Geburten zu verzeichnen. Das könnte die zänkischen Schwestern doch eigentlich friedlich stimmen, sind sie sich in vielem doch ähnlicher, als ihnen lieb ist. Da könnte das Problem liegen, und so will auch beim Sterben eine buchstäblich das letzte Wort haben. Mit 400 Hektar ist der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg der größte Parkfriedhof Europas. Aber den größten jüdischen Friedhof Europas, den reklamieren die Berliner mit Weißensee für sich. Das wäre ja noch schöner …
ml
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