Von lustigen Witwern und gekühlten Särgen
- Gespräch mit der Bestatterin Elke Spelter
- von Gerald Backhaus
Archiv der Ausgabe 1 | 23. Jahrgang | Frühjahr 2010
Keine Angst vor dem Tod – die Frohnauer Grieneisen-Mitarbeiterin Elke Spelter erzählt in unserem Gespräch über Vorsorge, Kosten und Trends bei Bestattungen zuerst einmal folgende Anekdote: Ein Endsechziger wollte die Bestattung seiner Ehefrau in Auftrag geben. Ihr Kollege bediente ihn schon eine Stunde. Als Elke Spelter ins Büro trat, verfolgten sie die Blicke des Mannes. Die Traurigkeit um den Tod seiner geliebten Frau schien plötzlich wie weggeblasen. Ihrem Kollegen versicherte der Mann, dass er nicht den Rest seines Lebens allein bleiben möchte, worauf der ihm Mut für einen Neustart machte. Der Witwer wurde konkret und bat den Bestatter, ihn mit einer Witwe zu verkuppeln. „Aber ich kenne doch Ihren Geschmack gar nicht!“ Darauf der Mann: „Ach wissen Sie, sie sollte so aussehen wie Ihre Kollegin! Wenn die nicht gebunden ist, könnten wir gleich ins Gespräch kommen.“

Elke Spelter, Foto: Gerald Backhaus
Männer möchten ohne Lücke weiter leben wie gehabt, so das Fazit von Elke Spelter, nachdem sie diese Geschichte vom „lustigen Witwer“ erzählte. Meistens aber sei ein zurückbleibender Mann eine Katastrophe, meint sie, Frauen würden viel besser allein zurechtkommen. Für einige Witwer ist sie daher nicht nur diejenige, die sich um Beerdigung und Trauerfeier für die Gattin kümmert, sondern auch eine helfende Hand in vielen Dingen drumherum. „Ich habe schon Grabstätten mit ausgewählt, den Männern vor der Trauerfeier die Schuhe geputzt und die Kleidung mit ausgesucht.“ Die 63-Jährige betreut für das Bestattungsunternehmen Grieneisen drei Standorte im Berliner Norden: in Wittenau, Tegel und Frohnau. Das dortige Büro am Ludolfinger Platz besteht seit 2008. Die Firma mit ihren rund 220 Filialen – davon 34 Filialen in Berlin und Potsdam – ist allerdings eine der ältesten, sie feiert in diesem Jahr ihr 180-jähriges Jubiläum. Elke Spelter, die aus dem sächsischen Limbach- Oberfrohna stammt und in den Siebzigerjahren nach Berlin kam, ist seit 14 Jahren dabei. In der DDR war sie bei der Staatlichen Versicherung tätig, nach der Wende bei der Allianz, unter anderem als Ausbildungsleiterin. Zur Bestattungsbranche kam sie als Quereinsteigerin in den Neunzigerjahren. Damals gab es den Ausbildungsberuf Bestattungsfachkraft noch nicht, erst seit 2003 wird darin ausgebildet. Berührungsängste hätten die jungen Menschen mit der Materie gar nicht, so Spelter. Grieneisen kann sich kaum retten vor Bewerbungen und übernahm bisher alle Frauen und Männer nach ihrer Lehre in ein Beschäftigungsverhältnis. Kein Wunder, ist der Beruf doch ein sehr vielseitiger. Nicht jeder aber ist wegen der psychologischen Beanspruchung auch dafür geeignet. Elke Spelter gehen Todesfälle nach wie vor sehr nahe, ganz besonders dann, wenn sie die Person kannte, zum Beispiel weil sie mit ihr zuvor eine Vorsorge abgeschlossen hatte.
Unter den grünen Rasen, unter einen Baum oder ins Kolumbarium?

Kapelle Friedhof Frohnau, Foto: Axel Mauruszat
Ich will dann unter den grünen Rasen, auf die grüne Wiese, auf die Blümchenwiese – so beschreiben immer mehr Kunden ihren Wunsch, wie mit ihnen nach dem Tod umgegangen werden soll. Der Trend geht eindeutig hin zu anonymen Bestattungen. Ganz deutlich merkt das die Branche seit 2004, als das staatliche Sterbegeld wegfiel und auch bei Bestattungen die „Geiz ist geil“-Mentalität immer stärker wurde. Es gibt Institute, die deshalb mit konkreten Preisen im Schaufenster werben, zum Beispiel „1 099 Euro für Feuerbestattung inklusive Friedhof“, gesehen bei Atrium Bestattungen in Berlin-Mitte. Anders als in Süddeutschland, wo sich die Mehrheit der Menschen beerdigen lässt, wählen 80 Prozent der Berliner eine Feuerbestattung. Ihre Asche kommt allerdings immer seltener in ein klassisches Urnengrab mit Grabstein. Stattdessen werden häufig Alternativen wie die anonyme Wiese, See- und Baumbestattungen oder ein Kolumbarium gewählt. Kolumbarien sind Wände mit Grabplatten, wie man sie von südeuropäischen Friedhöfen kennt. Diese Bestattungsart ist in Berlin mittlerweile so beliebt, dass die Friedhöfe kaum mit dem Bau hinterherkommen.
Bei einer Baumbestattung wird die Asche des Verstorbenen im Wurzelbereich eines Baumes beigesetzt, den man sich selbst aussuchen kann. Geschieht das in einem öffentlich begehbaren Wald, haben Angehörige und Freunde nicht nur den Vorteil der kostenlosen Grabpflege durch die Natur, sie können auch zu jeder Zeit – also unabhängig von Friedhofs-Öffnungszeiten – zur letzten Ruhestätte des Verstorbenen gehen. Einen Nachteil gibt es aber auch: Passiert dem Baum etwas, zerstört ihn zum Beispiel ein Blitzschlag, dann gibt es kein Recht auf Nachpflanzung. Mancher wünscht sich auch eine Seebestattung, zum Beispiel an der Nordsee. Eine solche bietet das Wilmersdorfer Bestattungsinstitut Hans Schuster an. An der Ostsee kann man sie bei Atrium Bestattungen zum Komplettpreis von 999 Euro buchen. Möchten die Angehörigen auch vor Ort in Warnemünde mit dabei sein, muss man allerdings 400 Euro mehr ausgeben.
Eine Vorsorge-Regelung im Testament kommt oft zu spät
Es ist ein beruhigendes Gefühl, zu Lebzeiten alles geregelt zu haben. Ob Baumoder Seebestattung – den eigenen Wunsch sollte man mit einer „Bestattungsvorsorge“ absichern. Darin lassen sich die eigenen Vorstellungen von Begräbnis, Trauerfeier und auch den Kosten regeln. Bestimmt man das im Testament, kommt eine entsprechende Regelung oft zu spät, da Testamentseröffnungen in vielen Fällen erst nach der Beisetzung erfolgen. Die Angehörigen haben dann bereits – oft unwissentlich – anders entschieden, als man es sich gewünscht hat. Durch eine Vorsorge entlastet man sie in seelischer und finanzieller Hinsicht. Hat man nichts bestimmt, ist es von Vorteil, wenn zumindest einer der Hinterbliebenen kühlen Kopf bei der Wahl des Bestatters bewahrt. Auch wenn es schwerfällt – wie bei anderen Dienstleistungen empfiehlt es sich auch hier, Kostenvoranschläge mehrerer Institute einzuholen und das Preis-Leistungs- Verhältnis zu vergleichen.
Exklusiver Abschied: ein Sarg aus Tropenholz, in der Mercedes E-Klasse zum Friedhof
Wer nicht in die Kirche oder Friedhofskapelle möchte, kann pietätvoll Abschied nehmen in Trauerhäusern, die von Bestattungsinstituten selbst betrieben werden, zum Beispiel in Grieneisens „Haus der Begegnung“ in Charlottenburg, dem Trauerhaus von Münzel-Bestattungen in Marzahn oder der Trauerfeierhalle von Otto Berg Bestattungen, einem Unternehmen, das mit seinen Filialen auch in Tegel, Hermsdorf und Reinickendorf präsent ist. Was viele nicht wissen: Man kann die Trauerfeier auch zu Hause oder im eigenen Garten veranstalten. Laut Gesetz darf man den Verstorbenen nach seinem Ableben 36 Stunden zu Hause behalten, so Elke Spelter, in Ausnahmefällen auch länger. Ein Fall, an den sie sich gern erinnert, ist der einer Frohnauer Geschäftsfrau. Diese hatte verfügt, nach ihrem Tod direkt von zu Hause auf den Friedhof gebracht zu werden, also ohne die übliche Zwischenlagerung in einem Kühlhaus. Ihr Lebensgefährte hielt sich an den Wunsch, und Grieneisen stellte im Haus der beiden extra einige Kühlgeräte auf. Preislich gibt es bei einer Bestattung nach oben kaum Grenzen. Man kann einen Sarg aus Tropenholz oder eine schwere Eichentruhe wählen und mit einer Luxuslimousine zum Friedhof gefahren werden. Laut Statistik berappen die Deutschen aber zwischen 4 500 und 5 000 Euro pro Trauerfall, in Berlin rund 4 000. Die Summe hängt unter anderem von den Friedhofsgebühren ab, die sehr unterschiedlich sind.
Trauerfeier für Eddi
Ein Sozialbegräbnis, vom Bezirksamt gewährt, kostet im Durchschnitt 750 Euro zuzüglich öffentlicher Gebühren. Manch einem wird aber nicht einmal das zuteil. Eddi, ein in Frohnau bekannter Obdachloser, der in der Bushaltestelle lebte und vor zwei Jahren auf der S-Bahn-Brücke starb, hätte normalerweise keine menschenwürdige Bestattung bekommen. Weil ihn aber viele Frohnauer Bürger mochten, nahm sich Grieneisen des Falles an, bestattete den Mann und sorgte gemeinsam mit der Kirchgemeinde für eine würdige Trauerfeier, zu der rund 100 Menschen erschienen. Ihrem eigenen Tod sieht Elke Spelter gelassen entgegen. Wenn es mal so weit ist, werden sich ihre Kinder im Rahmen der von ihr getroffenen Vorsorge darum kümmern, dass alles so läuft, wie Elke Spelter es sich wünscht. Ursprünglich wollte sie eine Feuer-, jetzt aber eine Erdbestattung. Als sie vor zehn Jahren einer so genannten Kremierung zusah, entschied sie sich noch einmal um: „Ich will lieber von den Würmern angenagt als verbrannt werden.“ Aber wo – ob vielleicht auf dem berühmten Friedhof der Ostseeinsel Hiddensee, die sie liebt und jedes Jahr besucht – wird hier nicht verraten.
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