Volltanken und abheben
Archiv der Ausgabe 2 | 21. Jahrgang | Sommer 2008
- Privatjets
Fliegen nach Flugplan war gestern. Heute geht es nach dem eigenen Terminkalender. Was die Nobelkarosse für die Straße ist, die Yacht für Meere und Seen, das sind Privatjets für die Lüfte.
Foto: © 2008 CESSNA AIRCRAFT COMPANYFliegen ganz nach eigenem Geschmack, das wäre was! Ohne nervigen Abflugstress, ohne, dass man im überfüllten Bus zum Flugzeug gekarrt wird, und ohne nervige Warterei auf Abfertigung. Nie mehr verlorene Gepäckstücke und verpasste Anschlussflüge! Vorbei an den Schlangen vor der Sicherheitsabfertigung, rein in den Privatjet und abheben! Im Cockpit sitzt ein Pilot, der eher einem Taxifahrer oder Chauffeur gleicht als einem Busfahrer oder Lokomotivführer. Das ist die Alternative für wohlhabende Geschäftsund Privatleute. Mit einem eigenen Jet zu reisen, das bedeutet Fliegen, das wie Haute Couture maßgeschneidert passt und wieder zu einem stressfreien Vergnügen wird.
Individuelle Lufttaxis gefragt
Ein Hingucker auf der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin war das originalgroße Modell des derzeit von der amerikanischen Cirrus Design Corporation entwickelten leichten Privatfliegers „The-Jet“, der bald seinen Erstflug haben wird. Für das mit bis zu sieben Sitzen sehr geräumige und optisch attraktive Leichtflugzeug liegen derzeit schon rund 470 Bestellungen vor, darunter etwa zehn aus Deutschland. Drei „The-Jet“ im Gegenwert von knapp zwei Millionen Euro wurden direkt auf der Messe verkauft.
Einer der führenden Anbieter von Flügen im Geschäfts-Jet in Europa ist die 1996 vom Milliardär Warren Buffett gegründete Firma Net Jets Europe. Auf der achten Genfer Fachmesse für Geschäftsreiseflugzeuge, auf der im Frühjahr sechzig flugbereite Privatjets in Reih und Glied standen und auf Käufer warteten, warb das Unternehmen, das über eine Flotte von 145 Maschinen verfügt, für sich als Alternative zu „the indignities of flying“, zu deutsch etwa „den Qualen des Fliegens“. Das Geschäftsmodell funktioniert so: Man kann Teileigentum an einem Privatjet erwerben. Das kostet inklusive einer 50-Flugstunden-Jahreskarte 400.000 Dollar Minimum. Für etwa 130.000 Euro bekommt man 25 Flugstunden auf einem kleineren Jet, zum Beispiel einer Cessna Citation. Wer allerdings seinen eigenen Jet haben will, zahlt eine Millionensumme.
Illustration: Reiner Heim Design for Lufthansa Technik AG 2005; © 2007 CIRRUS DESIGN CORPORATION; © 2008 CESSNA Foto: © Dassault Aviation and Dassault Falcon Jet Corp., 2008 AIRCRAFT COMPANYAuf der Messe in Genf kaufte die Firma Net Jets Europe dreißig Falcon 2000 LX für über eine Milliarde Dollar vom Hersteller Dassault. Dieser Business-Jet ist der weltweit erste, der mit der Fly-by-Wire-Technik ausgestattet ist. Die Flugzeuge werden in den nächsten acht Jahren geliefert. Sie können Strecken wie von Hamburg nach New York oder von Berlin nach Dubai ohne Zwischenhalt fliegen.
Paläste für Ölscheichs – Propeller für Selbstflieger
Die Firma Lufthansa Technik hat auf der ILA 2008 in Berlin ihre so genannte VIP-Variante des Airbus A380 präsentiert. Gern würde der führende deutsche Anbieter für Sonderausstattungen auch bei der Maschine die Inneneinrichtung übernehmen, die der saudische Prinz El Walid bin Talal bin Abdulasis el Saud für rund 320 Millionen Euro bestellt hat. Ob Lufthansa Technik den Zuschlag für das Interieur erhält, ist unklar, da auch weitere europäische und amerikanische Konkurrenten im Rennen um die Ausstattung dieses „fliegenden Palastes“ sind. Lufthansa Technik ist bis 2012 ausgebucht, noch nie gab es so viele Anfragen für Privatjets wie jetzt.
Generell geht es für die Hersteller von Luxusfliegern zur Zeit steil bergauf, die Nachfrage boomt besonders im oberen Preissegment, Genf und Berlin verzeichneten neue Besucher- und Ausstellerrekorde, AirbusKäufer müssen teilweise bis zu elf Jahre auf ihre Bestellung warten.
Die Palette der auf dem Markt angebotenen Modelle reicht von handlichen Propellermaschinen wie die Cessna 400, bei der der Eigentümer noch selber im Cockpit sitzt und fliegt, bis zu den Jets von Boeing, die für etwa 57 Millionen Dollar pro Stück zu haben sind. Allein die Basisversion des Boeing-Jets, mit der zwölf Passagiere fliegen können, wurde in den letzten elf Jahren über einhundert Mal verkauft. Laut Statistik sind fast sechzig Prozent der Käufer Privatleute.
Superleichte Luft-Taxis
Eine neue Konkurrenz zum ganz eigenen Privatjet sind die so genannten Jet-Taxis der Lufttaxi-Unternehmen. Diese kleinen Düsenflieger mit wenigen Sitzen – auch „Very Light Jets“ genannt – sollen in den nächsten Jahren mit bis zu 700 km/h zwischen Regionalflughäfen hin- und herdüsen. Die superleichten Miniflieger wie beispielsweise die Eclipse 500 mit einem Preis von um die 1,5 Millionen Dollar ist im Vergleich zu herkömmlichen Jets geradezu billig.
Laut Stefan Vilner, Präsident des Verbandes „Airtaxi Association“, beginnt gerade eine Umwälzung des privaten Jet-Fliegens: „Immer mehr Geschäftsreisende werden den Businessclass-Sitz mit dem eines wendigen und umweltfreundlichen Jet-Taxis tauschen.“ Persönlich glaubt er an diesen Trend und hat für seine Firma JetBird beim brasilianischen Hersteller Embraer fünfzig Phenom 100 bestellt. Ausgeliefert wird der Viersitzer ab Anfang 2009, pro Monat eine Maschine. Dann soll sich JetBird zu Europas erstem wirklichen „low cost private jet operator“ aufschwingen.
Klasse statt Masse
In Berlin bieten Firmen wie Bizair, Private Wings Flugcharter und Windrose Air ihre Flüge mit Jets an. Bei ihnen reicht die Palette vom so genannten VIP-Charter über Rundflüge und Frachttransporte bis zu Ambulanzflügen. Beispiel Windrose Air: Von Berlin nach Ibiza oder von St. Petersburg nach Linz – die Firma wirbt damit, über 1.200 europäische Flughäfen direkt anzufliegen, auch kleinere Landeplätze, selbst in schwierigen Regionen in Osteuropa. Linienmaschinen dagegen würden nur etwa 300 Airports bedienen: „Exakt auf Ihre persönliche Anforderung abgestimmt, buchen Sie bei uns Klasse statt Masse. Ob Sie einen One-Way-Flug, exakt getimte Zwischenstopps oder regelmäßige Shuttle-Dienste brauchen, dank 24-Stunden-Service, besten Verbindungen und bewährtem Know-How werden all Ihre Termine optimal koordiniert und umgehend in die richtigen Bahnen gelenkt.“
Ein aktuelles Beispiel aus London ist Peter Leiman und sein Unternehmen Blink, das – in Anlehnung an Billigflieger wie Ryanair und Easyjet – Taxiflüge anbietet. Die Preise für einen Flugschein sind konkurrenzlos günstig, sie entsprechen einem Ticket in der Business-Class. Seine Flotte soll zukünftig aus 50 Cessna Mustangs bestehen. Interessenten können über das Internet buchen. Man bezahlt nur den eigenen Sitz und die geflogene Strecke.
„Privates Fliegen gilt nicht mehr als überkandidelt“, urteilte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bereits letzten Sommer, es sei „interessant auch für Mittelständler“. Der Individualtransport durch Jets stellt gegenüber anderen Verkehrsmitteln einen hohen wirtschaftlichen Wert dar, sagt die Lobby des Geschäftsflugverkehrs, unter anderem durch die wesentlich effizientere Zeitnutzung, die Erreichbarkeit von Regionen, die nicht so gut angebunden sind wie die großen Metropolen, und weil Arbeitskosten von Spezialisten und Spezialistenteams eingespart werden können.
Zeit ist Geld – auch beim Fliegen
Innenausstattung der Cessna Mustang; Foto: © 2008 CESSNA AIRCRAFT COMPANYDass eine Reise mit dem Businessjet erheblich günstiger sein kann als mit Linienflügen, unter anderem weil es nicht nur um die reinen Flugkosten, sondern auch um kostbare Arbeitszeit geht, rechnet die German Business Aviation Association e. V. vor. Ganz konkret macht es die österreichische Firma Alpha Airways auf ihrer Internetseite. Sie wirbt mit Festpreisen, die Strecke München – Malmö kostet dort 2.640 Euro, Salzburg – Palma 4.380 Euro. Wir fragten nach einem Flug von BerlinTempelhof nach Hamburg und retour. Ergebnis: Das Ganze kostet für zwei Personen 2.355 Euro und dauert insgesamt knapp zwei Stunden. Den Vergleich zur Autofahrt liefert Alpha Airways gleich mit: Rund sechs Stunden braucht man hin und zurück, bei 567 Euro würden die PKW-Kosten für einen Wagen in der Businessklasse liegen. Die Zeitersparnis mit dem Jet gegenüber der Autofahrt würde also bei etwa vier Stunden liegen.
Auch große Schlachtschiffe wie die Lufthansa springen auf das Geschäft mit den Minifliegern auf. Der Konzern hat seine Partnerschaft mit Net Jets beendet und den schnell wachsenden Markt für sich selbst entdeckt. Schneller und flexibler zu werden, ist sein Ziel. Um das zu erreichen, hat sich die Airline, die damit Vorreiter unter den Linienfluggesellschaften ist, eine eigene Flotte aus Kleinflugzeugen zugelegt. Mit zunächst neun Privatjets will sie so genannte Punkt-zu-Punkt-Verbindungen bedienen. gb
Information
Jetfliegen
www.netjetseurope.com
www.flyblink.com
www.flyjetbird.com
www.alphaairways.com
www.lufthansa-private-jet.com
… und speziell in Berlin:
Windrose Air Jetcharter: www.windroseair.de
Private Wings Flugcharter:www.private-wings.de
Bizair: www.bizair.de
Chapman Freeborn Airmarketing: www.chapman-freeborn.de
Air Routing International: www.airrouting.aero
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