VIVA BERLIN
Archiv der Ausgabe 1 | 20. Jahrgang | Frühjahr 2007
- Interview mit dem Direktor des Institutes Cervantes Berlin, José Ignacio Olmos Serrano über die Aufgaben des Instituts und die Verbreitung hispanischer Kultur in Berlin
„Viva Berlín“! Nach Irland und Skandinavien vermeldet die Berliner Tourismusindustrie die höchsten Besucherzahlen aus Spanien. Auch Lateinamerikaner wie Kubaner, Argentinier und Mexikaner fühlen sich sichtlich wohl an der Spree. Die Immobilienbranche freut sich über ansteigende Wohnungsverkäufe an spanische Unternehmer, die vor kurzem noch als Studenten nach Berlin kamen … Die logische Konsequenz: Immer mehr Bars, Restaurants und Läden für Weine und Kulinarisches aus hispanischen Landen verwöhnen den Berliner Gaumen quer durch alle Bezirke. Fürs modische Outfit sorgen spanische Modelabels wie „Mango“, „Zara“ und allerlei Boutiquen und Schuhläden. Spanischsprachige Künstler wie Autoren, Regisseure und Tanzschulen aber auch Architekten, Designer und Modeschöpfer bereichern zudem das kulturelle und wirtschaftliche Angebot der Hauptstadt. Das Epizentrum hispanischer Kultur bildet eindeutig das nach Spaniens größtem Autor benannte „Instituto Cervantes“ (IC) am Hackeschen Markt, das seit der Gründung im Jahre 2003 erfolgreich von Direktor José Ignacio Olmos Serrano geleitet wird. Ob Jazzkonzert im Berliner „A-Trane“ oder Vorführung argentinischer Spielfilme im „Arsenal“: Direktor Olmos und sein Stab organisieren und vermitteln den Berlinern stets ein reichhaltiges Angebot.
Sehr geehrter Herr Olmos, welche Ziele verfolgt das Instituto Cervantes (IC)?
Fotos: Oliver WiaDas Instituto Cervantes (Siehe Unten „Instituto Cervantes“, Anm. d. Red.) ist in vielen Aspekten ähnlich wie das deutsche Goethe-Institut aufgebaut: Spanischsprachige Kultur und Sprache im Ausland bekannt zu machen, ist das Leitmotiv des IC. Dabei orientiert sich jedes IC stark an den jeweiligen Gastländern und -städten: Eine Mischung aus allgemeinem hispanischem und regionalspezifischem Angebot bildet den Rahmen eines jeden IC.
Wie äußern sich diese Unterschiede und welches sind die Gemeinsamkeiten?
Nun, das IC Paris bietet zum Beispiel französisch orientierte Inhalte (beispielsweise eine Retrospektive der politischen Karikatur aus napoleonischer Besatzungszeit, Anm. d. Red.). Berlin, als Heimat vieler ehemals exilierter Autoren (während der spanischen oder auch lateinamerikanischen Diktaturen, Anm. d. Red.) bietet viel Raum für politischen und philosophischen Dialog, wie zuletzt zum Thema „Menschenrechte“ mit dem eher in Deutschland bekannten ehemaligen Innenminister Otto Schily und dem spanischen Philosophen Fernando Savater. Das sind die regionalen Unterschiede. Zum gemeinsamen Rahmen: Grundsätzlich bietet jedes IC ein breites Spektrum zertifizierter Kurse zum Erlernen der iberischen Sprachen an. Dabei arbeiten wir mit den jeweiligen Universitäten vor Ort zusammen. Ferner bietet jedes IC eine umfangreiche Bibliothek mit Büchern, Journalen, Filmen und Musik aus der Welt der Hispanität an. Unsere Bühnen bieten technisch und räumlich Platz für verschiedene Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen etc. Und bei Filmvorführungen arbeiten wir gern mit den Kulturkinos vor Ort, wie zum Beispiel mit dem Arsenal am Potsdamer Platz.
Sie bieten Sprachkurse für Hochspanisch, aber auch Galizisch, Baskisch und Katalanisch an – wie und von wem sind diese Lehrveranstaltungen besucht?

Das Lehrangebot fußt hier auf unserem Auftrag, dass alle iberischen Sprachen gleichberechtigt transportiert werden. Und Sie werden es nicht glauben: Die Kurse erfreuen sich größter Beliebtheit. Vor allem bei den jungen Leuten, vielen begeisterten Studenten, die natürlich wunderbare Multiplikatoren sind. Wir fingen mit 1.146 Teilnehmern an und bis Ende 2006 waren es fast 6.000 Sprachkursbesucher – das bedeutet eine Verfünffachung innerhalb von weniger als vier Jahren – eine unglaubliche Resonanz: Das finde ich großartig.
Eine Reihe illustrer Persönlichkeiten lud das IC unter Ihrer Präsenz nach Berlin: Der peruanische Starautor Mario Vargas Llosa weihte die Bibliothek des Berliner IC ein, der nicaraguanische Poet und Theologe Ernesto Cardenal kam kurz nach dem Besuch des spanischen Königs, seiner Majestät Don Juan Carlos I. … was war Ihrer Meinung nach der prominenteste Besuch und wen würden Sie noch gerne einladen?
(lacht) … ehrlich gesagt, müsste ich eine Weile darüber nachdenken, wer noch fehlt, es waren ja schon alle hier – nein, im Ernst, das war in diesen wenigen Jahren eine bewegte Rolle als Gastgeber. So wird es auch bleiben. Natürlich war der Berlin-Besuch unseres Königs, Don Juan Carlos I. im wahrsten Sinne ein krönendes Highlight. Ein außerordentlich herzlicher Mensch, sehr beeindruckend!
Berlin erfreut sich einer lebendigen und prosperierenden spanischsprachigen Gemeinde. Unter Spaniern, ob jung oder alt, gilt Berlin als DIE Metropole und als Reiseziel Nummer eins. Dabei könnte Berlin im Vergleich zu Madrid oder Caracas gegensätzlicher nicht sein – Was, meinen Sie, ist das Faszinierende an Berlin?

Diese Frage kann ich aus eigener Erfahrung beantworten: Deutschland war immer ein Mythos in Spanien – und ich vermute, auch in Lateinamerika: Wir bewunderten die wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen des Landes, den Wiederaufbau nach dem Weltkrieg. Überhaupt gibt es Parallelen zwischen Diktaturen und Demokratien, Besatzung und Liberalismus, geistiger Blüte und wirtschaftlicher Depression. Exilierte Autoren (wie z. B. der kubanische Schriftsteller Jesús Díaz, Anm. d. Red.) fanden bereits in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre neue Heimat und freie Entfaltung an der Spree. Die Regimes wichen endlich, die hispanische Kultur blüht neu: Während der Diktatur Francos in unserem Lande war noch alles paralysiert – um so mehr blickten wir seit Wiedereinführung der Demokratie über den Tellerrand, erst recht, nachdem die Kaufkraft in unserem Lande deutlich gestiegen ist: Seit wenigen Jahren erst reisen Spanier wieder mehr ins Ausland und bringen wichtige Impulse mit. Natürlich ließen wir uns von der deutschen Hauptstadt inspirieren, als die Mauer fiel und Berlin langsam aber stetig zur wichtigsten Metropole Europas, ja der westlichen Hemisphäre wuchs …
… der wichtigsten? Und London? Paris? New York?
… alles großartige Städte, aber heute – und ich rede von heute – längst nicht mehr so faszinierend, so abwechslungsreich und so bedeutungsvoll wie Berlin. Gut, politisch und finanziell sind London, Paris oder die amerikanischen Metropolen noch stärker, aber ich denke, das ändert sich. Vor kurzem war ich in New York und hatte das Gefühl, dass hier die Zeit zu stehen, ja, abgelaufen schien, während sich der Puls in Berlin beschleunigt. Das ist fast paradox, da Berlin eine vergleichsweise ruhigere, sauberere und verkehrsärmere Großstadt ist als New York oder auch London – und dennoch geschieht hier mehr, kulturell sowieso. Da ist Berlin längst vorn, mit deutlichem Abstand.
Sie scheinen sich hier sichtlich wohl zu fühlen. Vermissen Sie zuweilen Ihre Heimat?
Doch, auch, aber ich habe im Wechsel die IC in München, Bremen und nun in Berlin mit aufgebaut. Bald 15 Jahre in Deutschland prägen. Gleichwohl lebe und repräsentiere ich durch das IC spanisches Leben und Kultur. Ich beantworte das mit „Zwei Seelen wohnen in meiner Brust“!
Yolanda García Hernández, Daniel Khafif
Instituto Cervantes
Was ist das Instituto Cervantes?

1991 gründete der spanische Staat das Instituto Cervantes mit dem Ziel, die spanische Sprache zu fördern sowie das Kulturgut Spaniens und aller iberoamerikanischen Länder im Ausland zu verbreiten. Benannt nach dem spanischen Schriftsteller, Sprachforscher und Begründer des modernen Romans Miguel de Cervantes („Don Quixote“), zeigt das Logo des Instituto Cervantes (IC) mit dem stilisierten „Ñ“ die Aufgabe des Instituts: Die Verbreitung hispanophoner Kultur, Lebensart und Sprache. Dazu zählen neben den Kastilisch sprechenden Ländern Hispanoamerikas, Asiens und Afrikas auch die Regionalsprachen der iberischen Halbinsel wie Baskisch (Euskera), Galizisch und Katalanisch.
Inzwischen ist die gemeinnützige, öffentliche Stiftung mit 66 Instituten weltweit in 32 Ländern vertreten. In Deutschland gibt es das Instituto Cervantes in München, Bremen und seit seiner offiziellen Eröffnung im März 2003 auch in Berlin, direkt am Hackeschen Markt, und ab Ende 2007 auch in Frankfurt. Die Zentrale befindet sich in Madrid.
Wie ist es aufgebaut?
Die Arbeit des Instituto Cervantes wird von einem Kuratorium geleitet, dessen Ehrenvorsitzender der spanische König und dessen Präsident der spanische Regierungschef ist.
Dem Kuratorium gehören namhafte Vertreter der spanischen Geisteswissenschaften sowie der spanischen und hispanoamerikanischen Kultur an wie etwa der Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, der Schriftsteller Mario Varga Llosa, der Schauspieler und Regisseur Fernando Fernán Gómez sowie Vertreter der spanischen Universitäten, der königlichen Akademie für die spanische Sprache und anderer gesellschaftlicher und kultureller Institutionen.
Ignacio Olmos,
1964 in Madrid geboren, hat einen Masterabschluss in Philosophie und Wirtschaft. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst für den Verlag Espasa Calpe in Madrid, dann für die Kulturstiftung der Bankengruppe BBVA. Schließlich ging er nach Deutschland, wo er zuerst das Instituto Cervantes in Bremen, dann in München leitete. Seit 2003 lebt und arbeitet Ignacio Olmos in Berlin, wo er das hiesige Instituto Cervantes als Direktor erfolgreich aufbauen konnte.
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2006
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2006





















