Sie singt auch, und wie!
Archiv der Ausgabe 2 | 21. Jahrgang | Sommer 2008
- Multitalent Dagmar Manzel
Theaterkennern ist sie seit langem ein Begriff. Fernsehzuschauer haben Dagmar Manzel unter anderem als Eva Klemperer in der Verfilmung der Klemperer-Tagebücher erlebt. Im Kino kann man sie in den Filmen „Nachbarinnen“, „Frei nach Plan“ und „Freischwimmer“ sehen. Dagmar Manzel ist Jahrgang 1958, in Berlin aufgewachsen und hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ studiert. Von 1983 bis 2001 war sie im Ensemble des Deutschen Theaters. Wir trafen die vielbeschäftigte Schauspielerin und zweifache Mutter im Café Nord, an einem ihrer Lieblingsorte in Pankow.
Frau Manzel, man erlebt Sie immer häufiger als Sängerin. Im Hans-Otto-Theater Potsdam sangen und spielten Sie vor kurzem in der Operette „Fledermaus“ die Rosalinde. Die Freude am Singen war Ihnen da ganz besonders anzumerken.
Foto: Alexander StützJa, ich wollte eigentlich immer schon Sängerin werden, bin aber Schauspielerin geworden und auch sehr glücklich darüber. Ich habe vor zehn Jahren mit einer Gesangsausbildung begonnen. Dann kamen so tolle Angebote wie die Titelrolle in „Die Großherzogin von Gerolstein“ am Deutschen Theater und die Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ an der Komischen Oper, da habe ich Blut geleckt. Wenn ich singen und spielen kann, das ist für mich echt die Erfüllung.
In der Komischen Oper steht jetzt der Musical-Klassiker „Kiss me, Kate“ von Cole Porter auf dem Spielplan. Da fliegen zwischen Ihnen und Ihrem Bühnen-Gatten, der von Roger Smeets gespielt wird, auch musikalisch die Fetzen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Jeden Tag mache ich Gesangsübungen, und ich nehme Gesangsunterricht. Der große Unterschied ist: Wenn du Theater spielst, bereitest du dich auf die Rolle vor, lernst Text an, und in den Proben erarbeitet man die Rolle. Im Musiktheater ist es anders: Du musst bei der ersten Probe die ganze Partie musikalisch studiert haben. Das ist ein anderes Arbeiten, mit Orchester und Sängern, und eine große Herausforderung für mich.
Auch wenn man kein großer Freund von Musicals ist: Warum sollte man diese Inszenierung von „Kiss me Kate“ nicht verpassen?
Weil der Regisseur Barrie Kosky ein Ereignis ist. Er kommt vom Theater, ist hochmusikalisch, hat einen wunderbaren Humor, ich liebe den einfach. Es wird eine richtig große Show mit Ballettensemble und Orchester auf der Bühne. Es gibt eine neue Übersetzung, mit einem schönen direkten Ton. In den Garde robenszenen zwischen Lilli und Fred geht es fast zu wie bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, aber mit Musik. Stimmlich kann ich die ganze Palette bieten von Kolo raturen bis in die Tiefe, in die Sprechstimme, und es ist schauspielerisch für mich ein gefundenes Fressen.
In Ihrem Film „Frei nach Plan“ geht es um drei grundverschiedene Schwestern. Sie spielen die Abenteurerin Anne, die als Rocksängerin durch die Welt zieht. Wieviel Dagmar Manzel steckt in dieser Rolle?
Zwischen mir und Franziska Meletzky, der Regisseurin, gibt es eine Seelenverwandschaft. Wir haben uns echt gefunden. Wir machen sozusagen eine Trilogie und arbeiten bereits am dritten Film. Als sie ihren Hochschulabschlussfilm „Nachbarinnen“ vorbereitet hatte, wollte sie mich haben, sie hat das Buch für mich zusammen mit der Drehbuchautorin Elke Rössler entwickelt. Meine Rolle in „Nachbarinnen“, das ist auch eine Seite von mir. Das ist eine Frau, die sich einigelt, zurückzieht und ihre Emotionen nicht mehr zeigen kann, weil sie zu tief verletzt worden ist …
… diese Frau vom Paketdienst, bei der die polnische Nachbarin untertaucht.
Ja, genau. Und nach diesem Film – Franziska kennt ja mein Temperament und meine Lust zur Komik – habe ich ihr gesagt, ich hätte Lust, endlich auch mal so eine Frau zu spielen, die sich alles nimmt, was sie will, die einfach jetzt lebt, sich rücksichtslos ihren Gefühlen hingibt und in dem Augenblick nicht nachdenkt, dass sie jemanden verletzen könnte. Sie lebt in jedem Moment, und wenn sie diesen Moment verliert, ist sie tot. Die ist extrem. Da ist natürlich auch ein großer Teil von mir drin, vom Temperament und von dem, was man sich wünscht, sich zu nehmen. In beiden Rollen findet man natürlich auch vieles von mir, anders kann ich ja auch gar nicht arbeiten.
In welchen Rollen werden wir Sie zukünftig sehen und hören, was ist schon festgezurrt?
Jetzt im Sommer drehe ich erst mal mit Henry Hübchen einen Fernsehfilm. Nächstes Jahr, wenn alles klappt, werde ich den dritten Film mit Franziska Meletzky drehen. Und außerdem kommt meine One-Woman-Show.
One-Woman-Show, was genau erwartet uns da, so etwas ähnliches wie Ihr Liederabend mit dem Titel „Ich bin ein Wesen leichter Art“?
Foto: Alexander StützAber in Groß, also kein Lieder abend, sondern eine große Show mit Orchester. „Nur für einen Moment“ wird der Abend heißen. Das bedeutet, dass man sich für einen Moment trifft und für einen Moment über das Le ben nachdenkt: über Abstürze und über schöne Momente. Das Ganze auch mit eigenen Texten, so dass ich mich privat einbringen kann und durch diese Seelenlandschaft wandere.
Als gebürtige Berlinerin – was bedeutet Ihnen die Stadt? Können Sie sich vorstellen, auch woanders zu leben?
Natürlich gibt es die Idee, irgendwann mal ins Grüne zu ziehen, aber wie ich mich kenne, arbeiten wir, mein Mann und ich, bis wir nicht mehr können. Ich bin 100-prozentige Friedrichshagenerin, da steh ich drauf, dort bin groß geworden. Am Fürstenwalder Damm. Das ist schon meine Heimat. Wenn ich am Friedrichshage ner Wald oder am Müggelsee stehe, bin ich zu Hause. Wenn ich könnte, würde ich da gerne leben. Ich habe das immer wieder angepeilt, aber wenn du in der Stadt arbeitest und Kinder hast, meine Tochter ist groß, aber mein Sohn ist erst zwölf, dann kannst du nicht hin und her fahren. Deshalb ist Pankow eine schöne Alternative. Es fehlt mir hier natürlich der Müggelsee, das ist klar. gb
„Kiss me, Kate“ bis 26. Juli 2008 in der Komischen Oper Berlin
„Freischwimmer“ seit Mai in den Kinos
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