Schreiben bis zum Umfallen
Archiv der Ausgabe 3 | 22. Jahrgang | Herbst 2009
- Mord und Totschlag von Frohnau bis Marzahn
- von Gerald Backhaus
Zugegeben, das Feuilleton liebt ihn nicht, und für seine so genannte „Unterhaltungsliteratur“ gibt es keinen Nobelpreis. Aber wenn es das Wort Tausendsassa noch nicht gäbe, müsste man es für ihn erfinden. Der 71-jährige Krimiautor mit dem schlohweißen Pferdeschwanz, der fast jeden Tag sechs bis acht Kilometer schnell geht, also „walkt“ – ausdrücklich aber „ohne die lächerlichen Stöcke“ –, ist produktiv wie kaum ein anderer Schriftsteller. Fünf- bis zehntausend Zeichen schreibt er jeden Tag, das ist in etwa so viel Text wie dieser Artikel.
Mit seiner Arbeitsweise – 5.30 Uhr aufstehen und 6.30 Uhr an den Schreibtisch – hat er es auf unzählige Veröffentlichungen gebracht. Fahndet man nach ihm bei Buchportalen im Internet, werden mal eben fünfzig bestellbare Titel aufgelistet. Horst Bosetzky ist einer, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und seit Jahren ein erfolgsverwöhnter Buchautor ist.

Horst Bosetzky, Foto: Bruni Meya, Aspect Images
Boxer wollte der Junge aus dem Neuköllner Hinterhof früher werden. Der Sportsmann und Hertha-Fan steht offen auch zu seinen aggressiven Seiten – „eine Grundlage jedes Krimis“. Er fühlte sich stets als Underdog. Schon bei den Wettkämpfen mit seiner Proletarier- Mannschaft gegen eine Zehlendorfer Auswahl bemerkte er, was für eine andere Welt die der Begüterten ist. Seine Herkunft verfolgt ihn noch heute, wenn er zum Beispiel im Opernhaus Unter den Linden denkt, dass er hier eigentlich nicht hingehört. Nach seiner Lehre zum Industriekaufmann bei Siemens studierte Horst Bosetzky Soziologie, Volks- und Betriebswirtschaft und Psychologie an der Freien Universität. Von 1973 bis 2000 dozierte er als Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege.
„Der Hörsaal ist die schönste Bühne“
Für den verhinderten Schauspieler oder Kabarettisten, der diese Seiten nun bei seinen Lesungen auslebt, war der Hörsaal 30 Jahre lang das perfekte Forum. Im Gegensatz zur öden Gremien- und Kommissionsarbeit liebte er den Auftritt vor den Studenten. Da er „zu faul zum peniblen Vorbereiten“ und statt- dessen lieber schriftstellerisch tätig war, hat er in seinen Vorlesungen viel improvisiert und auf sein Lehrbuch „Mensch und Organisation“ verwiesen. Den Erstsemestern konnte er zum Beispiel – zur Untermalung der Rollentheorie – eine Anekdote mit seiner Mutter immer wieder aufs Neue erzählen. Diese hatte bei einer Trauerfeier zur Witwe gesagt „Ich gratuliere“ statt „Ich kondoliere“ – eine Pointe, die immer Lachen im Hörsaal garantierte. Seinen Schützlingen empfahl und empfiehlt er, der jahrelang inkognito unter dem Pseudonym „-ky“ seine Bücher veröffentlichte, ein Leben in mehreren Rollen. Gerade im Berufsleben würde es so manche Enttäuschung ersparen, wenn man – so wie er – mehrere Rollen spielt und verschiedene Standbeine hat.
„sei Schrott, sei lächerlich, sei Berlin“
Zum Interview in Mitte kommt der „Berufsberliner“, der etwa zwanzig Jahre in der idyllischen Vorstadt Frohnau gelebt hat und nun in Wilmersdorf residiert, mit der S-Bahn. Da kennt er sich bestens aus. Zum aktuellen Sicherheitsdilemma dichtete er kurzerhand den Slogan der Hauptstadt- Werbung um: „sei Schrott, sei lächerlich, sei Berlin“. Der Skandal wäre seiner Meinung nach schon vor einigen Jahren vorhersehbar gewesen.
„Wie ein Apache unter den Comanchen“
Auch was die SPD angeht, seine Partei, hat er nicht viele Illusionen. „Kann sein, dass sie immer mehr zur Splitterpartei wird und irgendwann wie die italienische Democrazia Cristiana ganz verschwindet.“ Es sei denn, sie bekäme einen Charismatiker an der Spitze. „Wowereit hätte schon das Zeug dazu“, ist aber in Süddeutschland aus gleich drei Gründen – als „roter schwuler Berliner“ – schwer vermittelbar. Mitleiden mit den vom Wähler abgewatschten Sozis musste Bosetzky, für den Ost- und Westberlin keinen größeren Gegensatz mehr darstellt als beispielsweise Neukölln und Frohnau, am Abend der Bundestagswahl nicht im Willy-Brandt- Haus. Er war als Berichterstatter auf der CDU-Wahlparty, wo er sich „wie ein Apache unter den Comanchen“ fühlte. Generell findet er es herrlich, dass Berlin mit seinen unterschiedlichen Kiezen und Bewohner-Biotopen auch politisch und weltanschaulich so vielfältig ist. „Das ist etwas, das die Stadt gar nicht mit München oder Düsseldorf vergleichbar macht, sondern in die Liga von New York und London hebt.“ Berlin ist nicht nur seine innig geliebte Heimatstadt, sondern auch eine wahre Fundgrube für die Charaktere und Geschichten in seinen Werken. Für ihn ist es auch ganz normal, mit einer ökologisch-grünen Feministin verheiratet und mit einem FDP-Anhänger bestens befreundet zu sein. „Da fliegen oft die Fetzen, wenn diskutiert wird, aber das gehört dazu“, sagt der Vater einer zwölfjährigen Tochter. Deren Erziehung fordert ihn, nachdem seine beiden anderen Kinder schon lange erwachsen sind und ihren Weg gegangen sind. Sein Sohn hat mittlerweile das elterliche Haus in Frohnau übernommen, doch Bosetzky ist nach wie vor oft „da draußen“. Er liebt es, „im Winter in der Stadt und im Sommer auf dem Land“ zu sein. Groupies im Sinne von Rockstars hat er keine, sagt er verschmitzt, aber er wird auf der Straße erkannt und oft angesprochen. Und ähnlich, wie nach dem Erfolg von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ Leser die im Buch beschriebenen Dresdner Villen suchen, wandeln Bosetzky-Anhänger auf den Spuren seiner Romane und stehen ab und zu vor den Häusern seiner Verwandtschaft.
„Wolfgang Petersen hat mich nicht mit nach Hollywood genommen“
Während sich andere Autoren nach Ruhm und Einkommen abstrampeln, ist bei Horst Bosetzky alles in trockenen Tüchern. Bei so viel Erfolg bleiben keine Wünsche offen, oder? „Noch mal dreißig zu sein und nur drei Buchtitel in der Veröffentlichungsliste zu haben, das wär’s“, kommt prompt als Antwort. Und: mehr Verfilmungen. „Wolfgang Petersen hat mich nicht mit nach Hollywood genommen“, wirft er scherzhaft dem Regisseur vor, der seinen Roman „Einer von uns beiden“ aus dem Jahr 1972 mit Klaus Schwarzkopf und Jürgen Prochnow verfilmt hat. Neben diesem Buch wurde auch sein preisgekrönter Roman „Kein Reihenhaus für Robin Hood“ verfilmt, und viele seiner Krimi-Drehbücher haben es ins Fernsehen geschafft. Allerdings zählt er auch mindestens 25 versandete Filmund TV-Projekte, darunter eine Krimi- Serie mit seinem Oberkommissar Mannhardt, die am Alkoholproblem des Hauptdarstellers gescheitert sei. Mehrere Bücher liegen in seinem Tresor und warten auf Veröffentlichung. Darunter ist der letzte und noch titellose Band seiner autobiografisch angehauchten Familiensaga, deren erster Teil von 1995 den Titel „Brennholz für Kartoffelschalen“ trägt. Die letzte Folge soll zu Bosetzkys 75. Geburtstag auf den Markt kommen. Momentan schreibt er an einem historischen Krimi, der in Berlin um das Jahr 1840 spielt. Bei seinen Recherchen über diese Zeit ist er auf etliche Details gestoßen, die ihn an die Stasi- Methoden in der DDR erinnern. Außerdem ist der Nimmermüde gerade dabei, ein Kriminalhörspiel bei einem Radiosender unterzubringen. Das wird schon klappen, obwohl er sich nie groß um das Knüpfen von Netzwerken bemüht hat. Im Gegenteil, Bosetzky bleibt abends – wenn er nicht gerade eine Lesung bestreitet – lieber zu Hause bei einem Glas Rotwein und sinnt über neue Romaneinfälle nach, die er am nächsten Morgen ab 6.30 Uhr in den Computer hämmern wird.





















