Schneehasen, Open-Air-Yoga und ein Rap
- 100 Jahre Frohnau
- von Thomas Ultsch
Archiv der Ausgabe 1 | 23. Jahrgang | Frühjahr 2010
Er wird wohl als einziger dieses besondere und ereignisreiche Jahr gelassen an sich vorüberziehen lassen. Kein Wunder, denn schließlich hat er schon viel gesehen in den vergangenen 100 Jahren: Der Casinoturm ist so alt wie Frohnau, die Gartenstadt im Norden Berlins. Er steht mittendrin, die Uhren an seiner Seite zeigen den Frohnauern, was die Stunde geschlagen hat, wer in Frohnau aus der S-Bahn aussteigt, kommt an ihm nicht vorbei und an lauen Sommerabenden trifft man sich zu seinen Füßen. Kein Wunder, dass er heute das unbestrittene Wahrzeichen Frohnaus ist und es nicht nur in das Wappen des Reinickendorfer Ortsteils geschafft hat, sondern auch in das Logo des Jubiläumsjahres. Dort bildet er die „Eins“, gefolgt vom Grundriss des Ortszentrums mit Ludolfingerplatz und Zeltinger Platz. Die sind halb- beziehungsweise ganz rund und deshalb bestens als „Nullen“ geeignet.

Blumenschmuck zum Jubiläum: Blick über den Zeltinger Platz zum Casinoturm, Foto: Bezirksamt Reinickendorf
Die Frohnauer wollen dieses runde Jubiläum gebührend feiern und zwar mit genau 100 Veranstaltungen verteilt über das ganze Jahr – von der Stadtführung bis zu Atelierbesuchen bei Frohnauer Künstlern, vom Festumzug bis zu Klassik- und Rock-Konzerten. Und sie wollen an wichtige Tage in der einhundertjährigen Geschichte erinnern. Ein Datum sticht da besonders hervor: Der 17. Februar 1990. Seit Monaten hatte die innerdeutsche Grenze damals schon ihren Schrecken verloren, die Mauer war durchlässig geworden – aber noch nicht überall. Frohnau war immer noch an drei Seiten vom Eisernen Vorhang umzingelt, nur wenige Straßen führten im Süden in die anderen Teile West-Berlins. Erst jetzt wurden endlich auch hier die Grenzanlagen abgebaut und Frohnau bekam seinen nördlichen Nachbarn Hohen Neuendorf in Brandenburg zurück. An diesen bewegenden Tag vor 20 Jahren erinnerte gleich zu Beginn des Jubiläumsjahres eine Ausstellung im Kulturzentrum Centre Bagatelle. Neben den historischen Bildern von damals wurden auch Fotos gezeigt, die dokumentieren, was sich seit damals verändert hat, wo die Natur den Todesstreifen zurückerobert hat und wo man immer noch Spuren der deutschdeutschen Teilung sehen kann.
Viele Gesichter für Frohnau
Die älteren Frohnauer können sich noch gut an diese aufregende Zeit erinnern, die jüngeren können sich kaum vorstellen, dass viele Straßen einmal an Schlagbäumen endeten. Aber alle gehören dazu und möglichst viele sollen ganz persönlich Teil der Feierlichkeiten werden. Bei der Aktion „Frohnau zeigt Gesicht“ geht das ganz einfach. Schon jetzt haben sich über hundert Frohnauer und Frohnau-Fans fotografieren lassen. Einzelpersonen, Familien, Sportvereine, ganze Schulklassen kamen zu den Terminen ins Kaffeehaus Zeltinger, um sich ablichten zu lassen. Zehn Euro kostet das. Dafür bekommt dann jeder sein ganz persönliches Foto, man unterstützt die Aktivitäten zum 100. Geburtstag der Gartenstadt und lächelt vielleicht bald von den Litfaßsäulen. Ab Mai sollen nämlich auch Plakate mit einer Collage aus den Gesichtern Frohnau zieren. Nur wenige wollen sich nicht auf den Plakaten sehen. Zum Beispiel eine alteingessesene Frohnauer Familie. Sie hat großzügig gespendet, will aber anonym bleiben.
Engagement aus „Freude an Frohnau“

So alt wie Frohnau: S-Bahhof und Casinoturm, Foto: Bezirksamt Reinickendorf
So oder so ähnlich beteiligen sich viele – meist mit einem kleinen Geldbetrag, manchmal mit einem größeren, und Lokalpatriotismus spielt oft eine Rolle. Zum Beispiel bei Daniel Wall. Der Mann, dessen Nachname in vielen deutschen Innenstädten auf Plakatwänden, Bushaltestellen und Toilettenhäuschen steht, wohnt in Frohnau und auch er unterstützt die Aktionen vor seiner Haustür. Er kann sich sicher sein, dass seine Spenden ankommen. Denn die vielen Helfer, die jetzt viel Zeit opfern, organisieren, koordinieren, fotografieren und gestalten, arbeiten ehrenamtlich. Aus „Freude an Frohnau“, wie Cornelja Hasler, Vorstandsmitglied im Förderverein „100 Jahre Gartenstadt Frohnau“, sagt. Dabei kennen die Kreativität und das Engagement keine Grenzen. Nur ein Beispiel: Die Frohnauerin Bianca von Roeder, Leiterin des Yoga-Studios „Yoga b“, wird an mehreren Sonntagen Open-Air- Yoga anbieten – mittendrin in Frohnau, auf dem Zeltinger Platz. Nur eine Matte oder Decke soll man noch mitbringen, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Am 7. Mai wird es dann weniger ruhig zugehen. Dann wird das erste Mal richtig gefeiert. Zum offiziellen Festakt im Centre Bagatelle werden neben Vertretern aus Politik und Wirtschaft auch Gäste erwartet, ohne deren Vorfahren es Frohnau gar nicht gäbe. So hat sich einer der Nachkommen des Fürsten Donnersmarck angesagt, also des Industriellen, der Frohnau damals bauen ließ. Außerdem wird eine Enkelin von Ludwig Lesser erwartet. Der Gartenarchitekt hatte vor hundert Jahren im Auftrag des Fürsten den Ort geplant, mit all den Alleen, Wiesen und Teichen, die ihn heute noch so grün und einzigartig machen.
Oldtimer und Newcomer feiern mit
Das grüne Zentrum wird dann auch die Bühne für die große „Geburtstags-Gartenparty“ vom 18. bis zum 20. Juni sein. Nach der Eröffnung am Freitag wird die Innenstadt den Frohnauern am Wochenende ganz allein gehören. Der Durchgangsverkehr muss draußen bleiben, denn jeder Meter wird gebraucht: Für Musik- und Tanz-Darbietungen, für Kultur- und Kunstpräsentationen, für Kinderaktionen, für kulinarische Spezialitäten und für viele Oldtimer: In der Welfenallee findet nämlich zeitgleich das 3. Frohnauer Oldtimertreffen statt. Außerdem werden am Samstag auf dem Zeltinger Platz 60 bis 80 alte und neue Feuerwehr-Fahrzeuge präsentiert. Denn auch die Frohnauer Feuerwehr wird 2010 einhundert Jahre alt und feiert mit. Am Sonntag soll dann ein historischer Umzug durch die Straßen rollen und am Nachmittag wird es passend zum 100. Geburtstag einen 100-Meter-Staffellauf geben, organisiert vom Sportverein Berliner Schneehasen.

Bereits im vergangenen Winter ließen sich bisher über 100 Frohnauer anlässlich des Geburtstages fotografieren, darunter Lichtdesigner Andreas Boehlke mit seinen beiden Töchtern Alexa und Alina, Foto: Nina Peter
Das Motto an allen Tagen ist „Von Frohnauern für Frohnauer und Frohnau- Fans“. Außerdem wollen sich die selbstbewussten Frohnauer gegen das Vorurteil wehren, ihr Ortsteil sei ein abgelegener Altenwohnsitz. Das Engagement eines „Exil-Frohnauers“ aus Hamburg wird da sicher helfen. Er ist heute Lehrer und bringt zum Jubiläum gleich eine ganze Schüler-Hip-Hop-Band mit. Und es ist noch mehr für die junge Generation geplant: Unter anderem wird ein 18-jähriger Rapper den ersten „Frohnau- Rap“ präsentieren. Vom Casinoturm könnte man all das sicher besonders gut verfolgen, aber das wird nicht gehen. Früher hatte man von hier eine herrliche Aussicht. Der Blick ging über Frohnau bis ins nahe Brandenburg und ins Märkische Viertel. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Seit Jahren ist der Turm für die Öffentlichkeit gesperrt, im Inneren nagt der Zahn der Zeit, der Eigentümer hat offenbar kaum Interesse Geld zu investieren. Viele Frohnauer schmerzt das. Sie träumen von einer Wiedereröffnung und sie wollen nicht locker lassen. Das ehrenamtliche Engagement in Frohnau wird also auch 101 Jahre nach der Gründung sicher weitergehen.
Alle Termine und aktuelle Infos auf www.frohnau-berlin.de
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