Rückenschmerzen müssen nicht sein
Archiv der Ausgabe 3 | 22. Jahrgang | Herbst 2009
- Kundalini- und Iyengar-Yoga für einen starken Rücken
- von Gerald Backhaus
Kinder, wie die Zeit vergeht – gerade noch liegt man am Strand und brät in der Sonne, gibt es schon die ersten Spekulatius im Supermarkt. Die Zeit vergeht für viele Menschen schneller als früher. Damit verbunden ist oft das Gefühl von zunehmendem Stress, der eine Reihe von Gesundheitsproblemen verursachen kann. Die reichen – im Extremfall – vom Schlaganfall und Herzinfarkt über so genannte Spannungskopfschmerzen bis hin zu Rückenschmerzen.
„Ich habe Rücken“ klagt nicht nur Filmstar Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling, bald jeder zweite Patient landet beim Orthopäden wegen Schmerzen auf seiner hinteren Körperseite. Sie sind die häufigste Ursache für Krankmeldungen am Arbeitsplatz, so das Statistische Bundesamt. Vor allem Beschwerden mit dem Bewegungsapparat wurden in einer Befragung genannt, wobei Rückenleiden diese „Hitliste“ anführten. Betroffen sind knapp eine Million der Erwerbstätigen in Deutschland, darunter keineswegs nur Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft. Auch Führungskräfte und Wissenschaftler gaben sie als häufigstes Gesundheitsproblem an. Gründe für den Ärger mit dem Rücken liegen neben Stress vor allem in der einseitigen körperlichen Belastung. Wer acht Stunden und mehr am Schreibtisch vor dem Computer verbringt und womöglich abends auch noch auf der Couch sitzt und fernsieht, der braucht sich nicht zu wundern, dass sich die unteren Rückenmuskeln verkürzen, dass es im Gebälk ächzt und der Bandscheibenvorfall lauert. Wer sich hingegen ausreichend Ausgleich durch Bewegung schafft, indem er zum Beispiel statt mit dem Auto per Fahrrad zur Arbeit fährt und statt des Fahrstuhls die Treppen nimmt, der kann dem Zivilisationsleiden ein Schnippchen schlagen.
Schreibtischtäter und Bürohengste auf die Yoga-Matte
Ganz gezielt kann man etwas für den Rücken tun, indem man seine Muskeln stärkt und dehnt. Das geht sowohl durch die klassische Rückenschule als auch mit Pilates und Yoga. Letzteres kann bei der Vorbeugung genauso wie bei der Therapie schon vorhandener Wehwehchen helfen. Dass sich Schmerzen bereits nach vierwöchiger Yoga-Praxis beachtlich verringern können, fand die Humboldt-Universität 1996 in einer Untersuchung heraus. Gut, aber welche Yoga-Methode ist die richtige? Neben den Yogakursen, die jedes bessere Sportstudio anbietet, gibt es gerade in Berlin eine Vielzahl von spezialisierten Yoga-Schulen.
Der Meister macht es vor: Yoga nach Iyengar

Bilder aus: „Kundalini Yoga for Body, Mind and Beyond“ von Ravi Singh (White Lion Press, New York 1996)
Der Meister und Namensgeber dieser Yoga-Richtung, der neunzigjährige Inder Iyengar, vertritt die Ansicht, dass seine Übungen auch von kranken Menschen geübt werden können. Er selbst ist dafür das beste Beispiel. Während seiner Kindheit unterernährt und an mehreren Krankheiten leidend, verbesserte sich sein Gesundheitszustand sehr, seitdem er Yoga praktizierte. Er entwickelte einen eigenen Stil und wurde selbst zum Lehrer. Beim Iyengar-Yoga werden Hilfsmittel wie Kissen, Stühle, Seile und Holzklötze verwendet, um die Wirkung von Asanas, so die Bezeichnung der überwiegend statischen Körperhaltungen, zu steigern oder Probleme aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen zu umgehen. Im Iyengar Yoga Institut Berlin in Mitte prüft der Arzt und Yoga-Lehrer Hermann Traitteur zunächst, wo der Schuh drückt. Dann erarbeitet er ein individuelles Yoga-Programm, nach dem man zu Hause üben kann. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen leitet Traitteur auch die Therapieklassen vor Ort, in denen jeder Patient seine eigene Serie übt.
Erfolgsrezept gegen Stress und Verspannungen: Kundalini-Yoga

Bilder aus: „Kundalini Yoga for Body, Mind and Beyond“ von Ravi Singh (White Lion Press, New York 1996)
Die Yoga-Lehrerin Susanne Lutz hat kein festes Studio. Spezialisiert auf Business-Yoga, unterrichtet sie zum Beispiel in Behörden und bietet offene Kurse unter anderem in Mitte und Wilmersdorf an. Sie ist eine Vertreterin der Yoga-Richtung Kundalini, bei der – anders als bei Iyengar – die Übungen aufgelöster sind. Das heißt, man muss nicht lange in einer statischen Dehnungsposition verweilen, da die Positionen mit Bewegung verbunden sind. Typisch sind Übungsreihen, die aus vier bis zehn Einzelübungen bestehen, ähnlich dem Sonnengruß. Dabei werden auch spielerische Elemente integriert. Es wird mit Musik gearbeitet, was auf den Geist und das Unterbewusstsein wirkt, denn „Yoga ist ein ganzheitlicher Ansatz“, so Susanne Lutz. „Ganz wichtig ist die Atmung. Jede Übung ist mit einem speziellen Atemrhythmus verbunden, man atmet quasi in die verspannten Körperbereiche hinein, was zu einem Lockerungseffekt führt.“

Bilder aus: „Kundalini Yoga for Body, Mind and Beyond“ von Ravi Singh (White Lion Press, New York 1996)
Wichtig ist zudem die emotionale Komponente. „Hat man eine Abgabe vor sich und kann an gar nichts anderes mehr denken, dann verspannt man sich. Und beim Yoga geht es eben auch um das geistige Entspannen.“ Beim Üben zu Hause oder im Büro sollte man die eigenen Grenzen beachten. Es gibt aber ganz einfache Übungen, bei denen kann man gar nichts falsch machen: Im Schneidersitz auf dem Boden sitzend mit dem Oberkörper kreisen zum Beispiel. Durch diese Bewegungen lockern sich die Wirbel in der Lendenwirbelsäule. Susanne Lutz zeigt simple Übungen auch auf ihrer Intenetseite, aber: „Das ersetzt nicht das Erklären durch einen Lehrer, der die Haltung korrigiert. Denn wenn man sich etwas falsch angewöhnt, kann das eher schädlich sein.“ Im Büro kann man auch zusammen mit den Kollegen Yoga machen. Das hilft denen, die es allein nicht schaffen, sich aufzurappeln. Rückmeldungen von Leuten, die viel Kundenkontakt haben, bestätigen Susanne Lutz in ihrer Arbeit: „Die sind gelassener geworden, lassen sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen und erleben eine Linderung ihrer Rückenbeschwerden.“
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