Royal FREARS
Archiv der Ausgabe 1 | 20. Jahrgang | Frühjahr 2007
- Gespräch mit Stephen Frears über seinen oscarprämierten Film „The Queen“
Sarkastisch und sensibel zugleich zeichnet Regisseur Stephen Frears („Gefährliche Liebschaften“, „Mein wunderbarer Waschsalon“) das erste Filmporträt einer noch regierenden Königin und setzt dabei pikante Spitzen – ohne lärmend zu karikieren. Der international erfolgreiche Film wurde beim Filmfest Venedig 2006 mit 2 Coppa Volpi und 2007 mit 2 Golden Globes für das beste Drehbuch (Peter Morgan) und die beste Hauptdarstellerin (Helen Mirren) ausgezeichnet. Mirren erhielt vor kurzem noch den Oscar für ihre Darstellung der Regentin. Wir sprachen mit dem englischen Regisseur während seines Aufenthaltes in Berlin.
Mr. Frears, wann haben Sie sich entschieden, „The Queen“ zu drehen?
„Die Queen ist wie ein Möbelstück in einem Raum, der niemals verändert wurde!“Stephen Frears
Stephen Frears mit Helen Mirren am Set von „Die Queen“; Foto: © 2006 Concorde Filmverleih GmbH
Nun, es ist bald zehn Jahre her, dass Lady Diana so tragisch ums Leben kam. Großbritannien ging durch seine schwierigste Dekade in der jüngsten Geschichte. Alle gezeigten Personen – Tony Blair, die Queen, Prinz Charles, Phillip – sind bereits Teil dieser britischen Geschichte und des kollektiven Gedächtnisses, obwohl sie immer noch an der Macht sind. Diesen Aspekt fand ich besonders reizvoll.
Welche Bilder drangen in Ihr kollektives Gedächtnis?
Die Queen ist ein Teil meines – unseres – gesamten Lebens: Sie war schon da, als ich geboren wurde, Köngin, seitdem ich denken kann und sie ist es immer noch. Sie ist wie ein Möbelstück in einem Raum, der niemals verändert wurde. Elizabeth II. ist Teil meiner visuellen Wahrnehmung, meines visuellen Gedächtnisses wie die Tower Bridge in London oder der Union Jack am Mast.
Schauspielerin Helen Mirren zögerte zunächst, ob sie die Rolle der Königin spielen könne. Hatten Sie Angst, es würde seitens der königlichen Familie oder der Regierung gegen Ihren Film interveniert werden?
Ach nein. Helen Mirren war etwas besorgt, weil alle im Film dargestellten Personen noch leben – mit Ausnahme von Lady Diana Spencer – was für einen Schauspieler natürlich eine weit sensiblere Situation und höhere Herausforderung bedeutet, als eine historische Person wie z. B. Henry V. zu spielen. Andererseits sind die Politiker wie die Royals dermaßen abgehoben, fern der täglichen bürgerlichen Befindlichkeiten – was sollten sie sich mit einem gewöhnlichen Filmemacher rumplagen? Schon wieder öffentliche Diskussionen? Nein, leben und leben lassen.
Der Film entwickelt sich zum Ende hin weniger zu einer Kritik an der Queen als vielmehr an PM Tony Blair, warum?
Das ist genau der Punkt: Die Queen beweist, dass alle Werte immer gleich sind und gleich bleiben, während Tony Blair davon überzeugt ist, dass sich Werte wie Moral oder Loyalität wandeln. Elizabeth beharrt auf ihrem Standpunkt: Die Zeiten ändern sich, nicht die Menschen. Sie zeigt es Blair an seinem Verhalten: Er ändert seine Standpunkte mit zunehmender Macht als Premier – seine Parteifreunde und vor allem seine Frau Cherie halten dagegen an ihren Labour-Idealen fest.
Elizabeth führt Blair vor, dass es die wahre Macht der Krone ist, über Jahrhunderte hinweg Traditionen und Transitionen zu verbinden, Moden und Innovationen in einem bewährten Gefüge zu integrieren. Die Kunst liegt in der Akzeptanz, glaube ich. Was nicht zu vermeiden ist, wird integriert.
Gut, aber was meinen Sie sind die Mechanismen, die diese und andere Monarchien am Leben halten: Gute Berater? Macht und Reichtum? Politischer Instinkt?
Instinkt, auf jeden Fall! Und Berater? Nun, die Royals brauchen politische Berater vielmehr aus Gründen des Zeitmanagements. Was das Königshaus wirklich in jeder Epoche überleben lässt, sind die Gesetze der geteilten Macht. Divide et impera! Sehen Sie, Premier und Parlament führen die exekutive und legislative Macht. Aber: Wenn jemand Macht will, muss er sie erkämpfen. Am Ende besitzt der Mächtige keine Macht, sondern wird von ihr besessen – und gefressen. Siehe Blair. Die Königin dagegen ist nicht in der Exekutive, sie lässt agieren. Viel bequemer. Es ist also die vermeintliche Schwäche der Monarchie, die sie so machtvoll macht. Premierminister kommen und gehen. Die Krone bleibt.
Gut, doch mit dem tragischen Tod von Lady Diana hatte die Queen Stephen Frears mit Helen Mirren am Set von „Die Queen“ plötzlich einen Kampf auszutragen, den sie sich nicht ausgesucht hat. Sie musste eben jene Herzen ihrer Untertanen zurückerobern, oder?
„Berlin ist weit moderner als viele andere Städte!“Stephen Frears
Foto: © 2006 Concorde Filmverleih GmbH
Oh Gott, ja! Das war wirklich das allererste Mal seit Urzeiten, dass die britische Monarchie schwer beschädigt wurde. Und es war das erste Mal, dass Elizabeth II. die Stimmung im Lande nicht ausreichend wahrnahm: Die Herzen waren bei Diana! Die Menschen äußerten das erste Mal und vor laufender Kamera, dass sie die Monarchie satthaben. Sicherlich nicht die überwiegende Meinung der Bevölkerung, aber wer weiß, was noch alles passiert ware, wenn Elizabeth nicht nach Buckingham zurückgekehrt und länger in ihrer Sommerresidenz auf Schloss Balmoral geblieben wäre. Um den Thron zu retten, hätte sie im schlimmsten Falle abdanken und die Krone übertragen müssen – doch an wen? Charles geschieden und gemieden, seine Kinder noch zu jung: Das war eine gefährliche Situation und das war es, was uns dazu bewog, diesen Film zu produzieren.
Trotz aller beißenden Kritik scheint es, als entwickelten Sie im Verlauf des Films Sympathie für Queen Elizabeth II. ?
Moment, einerseits kann ich nicht abstreiten, dass ich die Queen und die Royals aus einem sehr kritischen Blickwinkel betrachte. Ich wollte aber zeigen, dass Elizabeth II. vor allem auch ein Mensch ist: Sie hat Gefühle und Sehnsüchte, die jeder Mensch besitzt. „The Queen“ zeigt ein Familiendrama, nicht mehr und nicht weniger. Die Royals sind zwar eine besondere Familie, aber eben auch nur eine Familie.
Der amerikanische Schauspieler Oliver Cromwell (L. A. Confidential) spielt Prinz Phillip – bravourös – als einen bärbeißigen, zynischen und übellaunigen Ehemann von Elizabeth II. Warum haben Sie solch eine Karikatur aus Phillip gemacht?
Habe ich? Mein Gott, Prinz Phillip macht doch ständig eine Karikatur aus sich selbst: Er ist ein Running Gag, seitdem ich denken kann. Ständig sagt er die falschen Dinge zur falschen Zeit. Ein Elefant im Porzellanladen.
Würden Sie also so weit gehen, „The Queen“ als politischen Film zu betiteln?
Oh ja! Das britische Kino entwickelte sich insgesamt in der letzten Dekade zu einem sehr politischen und sozialkritischen Kino und das ist gut so! Meiner Meinung nach sollten junge Filmemacher gerade heute viel mehr politisches Kino zeigen, nicht nur in Großbritannien, auch in Deutschland oder anderswo.
Das heißt also, Sie drehen nun weitere politische Filme?
Ach, das weiß ich noch nicht so genau, vielleicht drehe ich auch etwas völig anderes, Komödie, Krimi, etwas Unterhaltsameres, aber im Moment bin ich arbeitslos!
Wie bitte?
Ja, sicher! Vielleicht bleibe ich für eine Weile in Berlin. Ich habe gehört, dass hier viele Arbeitslose leben, also sollte man mich willkommen heißen (lacht). Berlin ist wirklich weit moderner als viele andere Städte, die ich kenne und ich kann mir gut vorstellen, hier zu arbeiten. Das ist eine kraftvolle Stadt, die in naher Zukunft eine noch bedeutendere Rolle spielen wird. Irgendwie fehlt ein Kraftzentrum in der Mitte Europas und das schwächt auch Großbritannien.
Ist es nicht so, dass gerade die Briten ein starkes Deutschland fürchten?
Tun wir das? Ach, Sie meinen das „Kraut Bashing“? Mein Gott, wir scherzen doch bloß!
dk
Das Interview wurde im Dezember 2006 im Berliner Concorde Hotel geführt.
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2006





















