Hausschuhe im Kühlschrank
Archiv der Ausgabe 4 | 21. Jahrgang | Winter 2008
- Alzheimer-Demenz: woran man sie erkennt und wie man vorbeugen kann
Sie deponieren Dinge an ungewohnten Orten, sie verlaufen sich und finden im schlimmsten Fall nicht mehr nach Hause. Dass etwas mit ihnen nicht stimmt, kommt den Betroffenen – meist älteren Frauen und Männern – nicht in den Sinn, viele merken und verstehen es nicht. Und ihr Umfeld tabuisiert oftmals das schleichend wachsende Leiden.
Foto: micjan / www.photocase.comUS-Präsident Ronald Reagan, SPD-Mann Herbert Wehner und ViolinVirtuose Helmut Zacharias hatten Alzheimer. 2008 gab Bildungsministerin Ursula von der Leyen bekannt, dass ihr Vater Ernst Albrecht, der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen, an Alzheimer erkrankt ist. Durch ein Buch ihrer Tochter wurde bekannt, dass Großbritanniens ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher unter fortgeschrittener Demenz leidet. Und in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” schrieb Tilman Jens, Sohn des Publizisten Walter Jens, der lange Präsident der Berliner Akademie der Künste war: „Mein Vater ist dement.”
Demenz ist weder ein Tabu noch eine Schande
Familie Jens wolle „den traurigen Zustand meines Vaters nicht verstecken, er führte ja auch ein öffentliches Leben”, betonte Tilman Jens, dessen Vater früher so sprachgewaltig war und mit seinem großen Universalwissen brillierte: „Demenz ist weder ein Tabu noch eine Schande.” Alzheimer, die häufigste Form von Demenz, trifft rund fünf Prozent der über 65-Jährigen. In Deutschland leiden derzeit etwa eine Million Menschen daran. Namensgeber der Krankheit ist der Neurologe Alois Alzheimer, der sie bereits 1906 wissenschaftlich beschrieben hat.
Erstes Warnzeichen: Die Merkfähigkeit nimmt ab
Die Diagnose wird oft spät gestellt, so der Berliner Allgemeinmediziner Dr. Andreas Stein: „Viele Jahre vor dem Offensichtlich-Werden beginnt die Erkrankung. Sie wird vom Betroffenen nicht wahrgenommen, und wenn ja, hält er die Fassade der Normalität so lange aufrecht wie irgend möglich.” Dabei kann selbst ein Laie die Erkrankung erkennen. Sie beginnt langsam, schleichend und zunächst meist damit, dass das Kurzzeitgedächtnis schlechter wird. Warnzeichen sind laut Dr. Ellen Wiese vom Düsseldorfer Verein Alzheimer Forschung Initiative, „dass man zunehmend Probleme bekommt, sich Namen, Telefonnummern oder das Datum zu merken”. Den Betroffenen fällt es immer schwerer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.
Im weiteren Verlauf können sie sich zum Beispiel nicht mehr gut orientieren und finden Worte nicht mehr so leicht, sie haben Probleme bei der Körperpflege und Hygiene. „Langsam rutscht die Alltagsordnung durcheinander”, so Dr. Stein, „schmutzige und saubere Wäsche werden vermischt, die Herdplatte bleibt an. Neues kann nicht mehr bewältigt werden.” Er erlebt in seiner Praxis oft, dass Erkrankte Änderungen in der Medikation nicht umsetzen. „Ihr Vokabular schrumpft. Trotzdem können auch alleinstehende Demente oft lange in der eigenen Wohnung bleiben, weil da ja alles vertraut ist über Jahre”. Viele Patienten verlieren die Lust, etwas zu unternehmen, und bleiben lieber zu Hause. „Wenn diese Warnzeichen auftreten, sollte man zum Arzt gehen”, rät Ellen Wiese, „es können auch Depressionen oder andere gut behandelbare Krankheiten schuld sein.” Ein Großteil der Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium leidet unter depressiver Verstimmung, Unruhe, Halluzinationen und Schlafstörungen. Lähmungen und Sehstörungen können auftreten.
Risikofaktor Alter: Bei über 90-Jährigen leiden über 30 Prozent an Alzheimer
Wer die Krankheit, die vor allem in hohem Lebensalter auftritt, bekommt und ob der Krankheit ein genetischer Defekt zugrunde liegt, ist unklar. „Die Ursachen von Alzheimer sind noch nicht bekannt”, so Dr. Wiese: „Nur bei einer sehr seltenen Form, weniger als fünf Prozent der Fälle, die schon vor dem sechzigsten Lebensjahr auftritt, kann eine vererbbare Form vorliegen. Bei der häufigen sporadischen Form ist das Alter der größte Risikofaktor. Bei den über 90-Jährigen leiden mehr als 30 Prozent an Alzheimer.” Weitere Risikofaktoren, die Alzheimer begünstigen, sind unter anderem hoher Blutdruck und Cholesterinspiegel sowie Diabetes. Darauf sollte man sich regelmäßig untersuchen und, wenn nötig, behandeln lassen, empfiehlt die DiplomChemikerin.
Richtig essen, geistig rege bleiben, Freunde treffen und viel bewegen
Vorbeugung ist schwierig, denn, so Dr. Andreas Stein: „Sind wir nicht alle bemüht, ein gutes, kreatives und erfülltes Leben zu führen?” Er rät zu einer klassischen guten Lebensweise. Die beginnt bei der Ernährung, in die man viel frisches Obst und Gemüse, egal ob gekocht oder roh, integrieren sollte. Obst und Gemüse sind neben Olivenöl auch die Hauptbestandteile der mediterranen Diät, die Dr. Ellen Wiese empfiehlt. Milchprodukte und Fisch sollte man in geringen Mengen zu sich nehmen, wenn Alkohol, dann am besten in Form von Rotwein. Rotes Fleisch und Geflügel gehören nur selten auf den Speisezettel.
Gut ist außerdem, die Tages- und Jahresrhythmen zu pflegen, also zum Beispiel nicht zu spät ins Bett zu gehen und ausreichend zu schlafen. Man kann die Risikofaktoren vermindern und das Risiko einer Erkrankung weiter senken, indem man versucht, geistig rege zu bleiben. Das geht zum Beispiel, indem man Fremdsprachen auffrischt oder neue lernt, Kreuzworträtsel löst, Schach spielt und – ganz wichtig – seine sozialen Kontakte pflegt. Bewegung ist von großer Bedeutung, und zwar regelmäßig. Dr. Wiese empfiehlt dreimal pro Woche Nordic Walking, „das ist schon hilfreich!” Neben ausreichender Bewegung kann man auch Ginkgo in Form von Tabletten oder Tees einnehmen, so Dr. Stein. Viele seiner Patienten haben davon schon profitiert, bei der entsprechenden Diagnose zahlt das sogar die Krankenkasse. gb
Welche Medikamente bei einer Alzheimer-Erkrankung helfen und wie sich Angehörige von Betroffenen verhalten sollten – darüber berichten wir in unserer nächsten Ausgabe.
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