Garagengold – die richtige Wertanlage?
- von Johannes Hübner
Archiv der Ausgabe 2 | 23. Jahrgang | Sommer 2010
Für Laien scheinen alle Oldtimerbesitzer wohlhabend, man leistet sich nach Meinung der unbedarften Zuschauer einen Luxus, der ihnen vorenthalten bleibt. Dementsprechend glauben viele, dass der Kauf eines Oldtimers in jedem Fall eine lohnende Geldanlage ist. Doch wie immer im Leben ist alles ganz anders und auch bezüglich klassischer Automobile gelten die üblichen Regeln zu Expertise, cleverem Einkauf und Vorsicht.

Besonders beliebt: alte Porsche-Modelle
Der Begriff „Oldtimer“ ist inzwischen salonfähig geworden und sogar der für die neueren Baujahre ab 20 Jahren Alter geltende Begriff „Youngtimer“ hat bei vielen Menschen einen guten Klang. Da schwingen Kulturgut, Automobilgeschichte, Jugenderinnerungen und Fahrfreude mit. Das bedeutet auch Faszination – und der kann allzu leicht erliegen, wer sich nur von seinen Emotionen und manchmal gut gemeinten Ratgebern leiten lässt. Wer sich eine Aktie kauft oder ein Kunstwerk, tut dies fast immer mit dem Rat von Experten, so wie auch der Erwerb einer Immobilie wohl fast immer erst nach reiflicher Überlegung geschieht. Dieser Grundsatz gilt auch und gerade für Automobile, denn sie müssen drei Kriterien genügen:
-sie sollen in gutem Zustand sein
-sie sollen technisch einwandrei funktionieren und
-sie sollen an Wert gewinnen
Den guten Zustand kann man zwar durchaus auch selbst erkennen, doch die Mängel eines schönen Autos blühen meist im Verborgenen. Eine Probefahrt gibt einen ersten Eindruck vom Fahrverhalten, doch muss sie mindestens über 50 Kilometer Distanz gehen und eine Autobahnfahrt einschließen, wenn man wirklich mehr wissen möchte. Doch vor diesen Schritten muss erst einmal die Wahl des richtigen Fahrzeuges erfolgen. Der erwartete Wertzuwachs spielt dabei zwar eine Rolle, darf aber nicht das wichtigste Kriterium sein. Denn was nützt der schönste Talbot-Lago Sport zum Schnäppchenpreis, wenn es dafür weder Ersatzteile noch eine geeignete Werkstatt gibt? Oder der perfekte Porsche Carrera 2.7, der in Wirklichkeit ein schnöder Porsche 911 mit 2,4-Liter-Motor war? Der begehrenswerte Jaguar XK 140 fällt aus dem Kreis der Erwählten, wenn der spätere Fahrer größer als 1,75 m ist, während die grazile Göttergatttin ihren neuen Austin Healey 3000 in der Garage lassen wird, weil sie wie ein Klammeraffe hinterm Lenkrad sitzt, wenn ihre Füße die Pedale erreichen können.
Die richtige Wahl ist entscheidend
Das Auto muss passen, zum Fahrer, zum Einsatzzweck und zu Fähigkeiten und Mitteln. Die beste Möglichkeit, das Passende zu finden, bieten die zahlreichen Markenclubs, die man über Zeitschriften wie Oldtimer-Markt oder Motor-Klassik und auch im Internet finden kann. Was darf es denn sein? Eher ein komfortabler Sechszylinder, ein Auto für mehr als zwei Insassen oder lieber etwas Sportliches? Soll es knorrig-englisch, komfortabel- französisch, luxuriös-amerikanisch oder urdeutsch sein? Und: Haben Sie eine Garage? Denn ohne Garage ist der Betrieb eines Oldtimers nahezu zwecklos: Dauernd muss man liebenswert neugierigen Passanten Auskünfte geben, man wählt instinktiv Parkplätze, auf denen das Riskio Parkdellen zu bekommen gering ist und nach jedem Regen rennt man mit dem Fensterleder raus, um das edle Blech wieder zu trocknen.
Am Anfang des gepflegten Fahrens steht also die Wahl des richtigen Vehikels. Bezüglich Wertstabilität kommen jene Marken und Typen in Frage, die problemlos fahren, sich einer hohen Nachfrage erfreuen und gute Wartungs- und Reparaturmöglichkeiten versprechen, also etwa Audi, BMW, Mercedes, Opel oder Porsche und bei den Importfahrzeugen Alfa, Bentley, Citroen, Jaguar, Rolls- Royce, Rover oder auch sportliche Fahrzeuge von Aston-Martin über Ferrari bis Maserati. Allein diese wenigen alphabetisch geordneten Marken bieten einen nahezu unübersehbaren Fächer von Modellen, den eigentlich nur Experten ordnen können. Wenn Audi Coupé, dann bitte Quattro, auch Fünfzylinder 20V, bei BMW weniger die 7er-Reihe als sportliche 3er, die großen Coupés und Versionen aus dem M-Programm und natürlich Z-1 und M1, derzeit aber lieber Z 4 als Z 3, obwohl bei dieser Reihe das stummelendige Z 3-Coupé geradezu rekordverdächtige Zuwächse erzielt.
Bei Mercedes sind es die 124-Cabriolets und Coupés, weniger der 230 T-Kombi, die S-Klasse-Baureihe 126 ist im Kommen, während ihr Nachfolger, gebraucht als „Samsonite-Koffer“ belächelt, überwiegend nach Osteuropa exportiert wurde. Und doch: Ein 600 SEC V-12-Coupé ist höchst begehrenswert und auch noch wohlfeil. Bei den mittleren Baureihen von Mercedes ist der SL ein Beispiel dafür, dass sich auch Experten irren können: Sie setzten auf achtzylindrige 350 SL bis 500 SL der Baureihe R 107 und staunen nun, dass der kleine sparsame 280 SL-Sechszylinder die größte Nachfrage erzielt. „Bitte keinen 300 SL- 24“ flüstern die Experten, können aber die angeblichen Schwächen dieses Mercedes- Motors nur selten beweisen – es hängt wie immer an Pflege und Wartung.
Beim Porsche gelten die klassischen 911 Carrera-Typen mit den 3- und 3,2-Liter- Motoren als besonders begehrenswert, Sportler schielen auch schon auf Turbo und 3,6er mit „Wasserkopf“, doch der 924 gilt nichts im Vergleich zum 968 und der 944 profitiert nur ein ganz klein wenig von den sportlichen Lorbeeren im Porsche-Cup. Bevor wir den Unterschied zwischen Porsche 928, S 4 und GT oder Jaguar XJ 40 und Daimler Sovereign ergründen, wird deutlich: Oldtimer kaufen ist ebenso kompliziert wie Aktienhandel. Und genau wie dort ist das Ohr am Puls der Trends entscheidend für die richtige Wahl. Kaum ein Experte ahnte, dass der biedere VW-Bus T-1 mit der geteilten Scheibe seit dem 60-jährigen Jubiläum im Preis explodieren würde und das Cabriolet des Citroen DS hat in den letzten 5 Jahren eine fast 400%-ige Wertsteigerung erfahren – prompt gibt es meisterliche Fälschungen, auf die auch schon deutsche Kunden reingefallen sind.
Coole Käufer kaufen besser
Begehrenswerte Dinge wurden schon immer gefälscht, doch moderne computergestützte Produktionsverfahren machen es möglich, für immer weniger Geld perfekte Kopien von einzelnen Teilen, ganzen Aggregaten oder gar ganzen Karosserien herzustellen. Wer für 1,2 Millionen einen Jaguar C-Type kauft, der sich später als gut gemachte 240 000-Euro-Replik erweist oder stolz einen auf echt gefakten Porsche Carrera 2,7 in seine Garage stellt, erlebt ein Fiasko. Deshalb gelten auch im Klassikerhandel die Vorsichtsregeln, mit denen man Gebrauchtwagen kauft:
-nie ohne Expertise
-nie allein mit den Emotionen
-immer besser vom Händler, der Gewährlistung bietet und für sein Angebot gerade stehen muss
-bei Kauf von Privat nur mit umfangreicher Dokumentation und hiebund stichfestem Kaufvertrag
-nie ohne ausgiebige Probefahrt mit Besuch bei einer Tankstelle/Werkstatt mit Hebebühne für den Blick unter‘s heilige Blech
-nur mit zweifelsfreiem Eigentumsnachweis und vor allem: NIE IN EILE! Eine Faustregel unter Experten lautet: Nimm zur Oldtimerbesichtigung NIE einen Auto-Anhänger mit, sonst ist die Versuchung zu groß, eben doch schnell mal aufzuladen. Noch mal nach Hause fahren, drüber nachdenken und sich beraten sind drei goldene Regeln, die man nicht verletzten sollte. Wahl und Kauf im Internet unterliegen zusätzlichen Kriterien:
-Fotos im Internet glänzen immer
-Schnäppchen bieten meist nur dem Verkäufer Vorteile
-niemals schriftliche Zusagen zum Kauf machen, keine Reservierungen oder Vor-Vereinbarungen eingehen und
-vor der Fahrt zur Besichtigung möglichst detaillierte Informationen einholen. Verkäufer, die Kunden mit nachweislich falschen oder drastisch geschönten Versprechungen anlocken, müssen den Kunden durchaus die Fahrtkosten ersetzen
Fatal sind die Regelungen von Internet- Versteigerungen: Kauf bindend ohne Probefahrt und Gewährleistung ist nur etwas für ausgewiesene Experten, Schnäppchenjäger und Hasardeure, auch wenn man immer wieder von glücklichen Internetfunden hört. Tatsächlich werden auch gute Fahrzeuge zu fünfstelligen Preisen oft in Auktionen angeboten – ohne zuverlässige Ratgeber sollte man da trotzdem lieber nichts riskieren.
Welchen Wert hat der Oldie morgen?

Foto: Johannes Hübner
Immer wieder geht es schließlich auch um die Frage von Geld und Wert. Generell kann man NICHT davon ausgehen, dass klassische Automobile eine garantierte Wertsteigerung haben. Aber im Mittel erreichen sie, wenn man gut beraten gekauft hat, doch bei guter Pflege und trockenem Unterstand einen jährlichen Zuwachs von etwa 4%, Ausreißer nach oben und unten eingerechnet. Das ist immer noch mehr, als die meisten klassischen Geldanlagen bieten. Und es macht mehr Spaß, denn auf einer Aktie lässt es sich viel schlechter gemeinsam ins Elsass reisen …
Bleibt abschließend zu klären, was wichtig ist:
Der Kauf von Fachzeitschriften wie Motor- Klassik oder Oldtimer-Markt öffnet den Horizont. Das Stöbern im Internet, etwa bei mobile.de oder auto-scout24 gibt erste Preisvorstellungen. Der Kontakt zu Markenclubs führt schnell auch zu speziellen Treffen, Märkten und Messen. Viele Hersteller und Importeure unterhalten eigene Klassik-Abteilungen und manche sogar anspruchsvolle Museen mit umfangreichen Archiven. Ein Heer von Sachverständigen hat sich unter den Begriffen classic-data und Olditax bundesweit auf Oldtimer spezialisiert, Handwerk, Innungen und die Verbände ZDK und ZKF haben eigene Expertengremien. Die Automobilclubs ADAC und AvD haben Oldtimer-Abteilungen, die zu fast allen Fragen Verknüpfungen wissen, und mit den Clubs ASC, DAVC und VfV gibt es auch drei markenübergreifende Freundeskreise, die ihrerseits teilweise im Dachverband DeuVet organisiert sind. Alle genannten Adressen lassen sich durch Anfrage bei einem der genannten Clubs oder eine Internetrecherche leicht finden. Die sog. „Szene“ der Klassikerfreunde besteht zwar aus vielen Individualisten, die aber sind überaus freundlich, kooperativ und hilfsbereit, sodass Fahren mit einem klassischen Automobil auch für Menschen möglich ist, die kaum einen Jaguar vom Februar unterscheiden können. Wie bei allen Dingen muss man aber Begeisterung und auch Geduld mitbringen – auch das „Garagengold“ will lange gesucht und dann vorsichtig gehütet werden.





















