Frohnau reitet mit Rap in die Vergangenheit
- Sie lacht und freut sich, sie klatscht in die Hände und winkt. Hundert Jahre ist die Frau auf dem Pferdewagen alt und der 20. Juni ist ein ganz besonderer Tag für sie und alle, die am Straßenrand stehen. Denn heute feiert eine gleichaltrige Dame Geburtstag: Frohnau heißt sie, die Gartenstadt in Nordwesten Berlins.
- von Thomas Ultsch
Archiv der Ausgabe 2 | 23. Jahrgang | Sommer 2010
Ingesamt sechzehn verdiente Frohnauer Urgesteine wurden in den Kremser eingeladen. Er fährt vorneweg beim großen historischen Umzug am Festwochenende. Und alle marschieren mit, das war den Organisatoren wichtig: Sportclubs, Musikkapellen, Pfadfinder, Schützenund Sportvereine und vor allem Alt und Jung.

Fotos: Baganz/BL
Viele Kinder aus den drei Frohnauer Schulen sind dabei, jede Gruppe erinnert mit phantasievollen Kostümen an wichtige Epochen in den vergangenen 100 Jahren. Die Schüler der Victor-Gollancz- Grundschule zum Beispiel haben sich Charleston-Kostüme aus den Goldenen Zwanziger Jahren angezogen und tanzen mit wehenden Federboas zur Musik von damals Richtung Zeltinger Platz. Aber auch die Evangelische Schule und die Renée-Sintenis-Schule machen mit und stellen die bittere Zeit nach dem Mauerbau genauso dar wie die bunten Flower-Power-Jahre der Blumenkinder. Die jüngsten Frohnauer aus den Kitas und Kindergärten haben sich gleich ganz in Blumen verwandelt und tragen große Filzblüten oder Blumenkränze auf dem Kopf. Auch auf ihren T-Shirts ist eine Blume zu sehen. Die Shirts wurden extra für den großen Tag entworfen und zeigen außerdem noch die anderen Dinge, die so typisch sind für Frohnau: den Casinoturm natürlich, Pferde und Buddha, denn hier in Frohnau gibt es schließlich das Buddhistische Haus, einen Tempel, in dem sogar Mönche leben.
Moselmusik und Kubaklänge

Foto: Baganz/BL
Von klösterlicher Ruhe ist das Zentrum Frohnaus an diesem Wochenende aber weit entfernt. Auf zwei Bühnen gibt es vor allem viel Musik für jeden Geschmack: Alt-Berliner Lieder, Jazz, Seemannsgesänge, Rock´n´Roll aus den 50er und 60er Jahren, Songs aus den 70ern und Popmusik von heute begeistern das Publikum genauso wie italienische, kubanische und südamerikanische Klänge. Musikalische Grüße kommen auch aus der Partnergemeinde von Frohnau, Zeltingen- Rachtig. Von der Mosel ist nicht nur eine Blaskapelle nach Berlin gekommen, sondern auch der Bürgermeister und zwei echte Hoheiten: Eine Weinkönigin und eine Weinprinzessin haben die besten Tropfen von sechs Winzern mitgebracht und lassen die Frohnauer probieren. Mit rund 700 Kilometern hatte die Reisegruppe aus Rheinland-Pfalz aber noch nicht die weiteste Anreise. Denn ein Gast ist sogar aus Kanada gekommen. Die Frau war vor vielen Jahren in Frohnau aufgewachsen und wollte den runden Geburtstag unbedingt mitfeiern und bei dieser Gelegenheit Freundinnen und Freunde von damals treffen.
Lessers Traum geht in Erfüllung
Bei schönem Frühsommerwetter genießen sie und viele andere jetzt die einmalige und entspannte Atmosphäre in der grünen Mitte Frohnaus. Kulinarische Spezialitäten aus aller Welt werden probiert oder man sitzt einfach nur gemütlich beisammen – alles rund um den Ludolfinger- und den Zeltinger Platz. Diese beiden Plätze hatte Landschaftsarchitekt Ludwig Lesser vor 100 Jahren als steife, eingezäunte Schmuckplätze angelegt. „Unfreiwillig“, sagt Stadtführerin Katrin Pollok. Eigentlich habe er Grünflächen schaffen wollen, auf denen sich die Menschen erholen sollten, aber das entsprach nicht dem Zeitgeschmack. Stattdessen mussten in der Kaiserzeit die Kinder dort artig an der Hand der Eltern auf den Wegen flanieren. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Am Festwochenende gehören die Rasenflächen ganz den Frohnauern und besonders ihrem Nachwuchs. Nur die Spiele – Tauziehen und Sackhüpfen – sollen noch an längst vergangene Zeiten erinnern. „Lesser sitzt jetzt auf der Wolke, baumelt mit den Beinen und freut sich, wie die Kinder sein Grün annehmen“, sagt Pollok.
„Suspekts“ Siegeszug

Der 17-jährige Rapper "Suspekt", Foto: privat
Beim 17-jährigen Rapper „Suspekt“ steigt die Aufregung. Der junge Mann kommt zwar eigentlich aus Großbeeren, kennt Frohnau aber mittlerweile besser als mancher Einheimische. Er hat sich in den vergangenen Wochen viele Stunden mit der Frohnauer Geschichte beschäftigt und oft bis spät in die Nacht an einem ganz besonderen Geburtstagslied getextet. Jetzt steht er hinter der Bühne und freut sich auf die Uraufführung des „Frohnau-Raps“. Noch nie ist er vor so vielen Menschen aufgetreten, aber einmal auf der Bühne, verfliegt das Lampenfieber schnell. „Ich reite mit dem Rap in die Vergangenheit, kommt ihr mit, seid ihr bereit, es gibt so Vieles zu erkunden nach so vielen Jahren, so vielen Stunden“, beginnt er und hat das Publikum ganz schnell um den Finger gewickelt. „Frohnau ist eine Reise wert, da lebt es sich ganz unbeschwert, wenn ihr wissen wollt warum, dann schaut euch in der Gegend um“, rappt „Suspekt“ und die Frohnauer rappen begeistert mit. Nach zwei Tagen ist er einer der Superstars des Wochenendes, insgesamt vier Mal tritt er mit seinem Lied auf den beiden Bühnen auf und am Schluss wird er sogar um Autogramme gebeten – vor allem von jungen Fans. Aber auch die älteren Bewohner, die ihren Ort vor allem ruhig und beschaulich kennen, sind voll des Lobes. Er habe noch nie jemanden erlebt, der eine Bühne allein so ausgefüllt hat, schwärmt ein Mann im Publikum.
Kraftakt im Casinoturm
Von der tollen Stimmung bekommt Christian Dettmer am Samstag wenig mit. Der Pyrotechniker ist Chef von 1-2-3feuerwerk. de und hat schon viele Feuerwerke gezündet. Aber Frohnau ist eine besondere Herausforderung. Das Feuerwerk soll vom 30 Meter hohen Casinoturm abgefeuert werden und das bedeutet harte Arbeit. Er und seine Mitarbeiter sind gerade dabei, alles über 247 Stufen nach oben zu schleppen: Abschussrohre, Mörser und die komplette technische Ausrüstung, insgesamt 630 Kilogramm. Als nach Einbruch der Dunkelheit die ersten der 3 500 Schuss zur Musik „Hells Bells“ von ACDC in den Himmel jagen, sind aber alle Anstrengungen schnell vergessen. Fast zehn Minuten dauert das Spektakel, begleitet von Popmusik und einer bunten Lichtshow in der Umgebung: Während am Zeltinger Platz die Bäume angestrahlt werden, leuchten auf dem Ludolfingerplatz riesige Lichtballons. Zum Finale erstrahlt am Casinoturm eine brennende „100“ und einige Zuschauer sind sich sicher: „Das war schöner als am Brandenburger Tor“.
- Hundert Veranstaltungen im Jubiläumsjahr, das war das Ziel der ehrenamtlichen Organisatoren. Schon jetzt ist absehbar, dass es viel mehr werden. Auch nach dem Festwochenende geht es weiter, unter anderem mit Stadtführungen, Vorträgen und Konzerten. Hier nur eine kleine Auswahl der kommenden Termine:
- 4. September: Jedermannschießen im Schützenhaus
- 11. September: Schützenfest mit Ausschießen des Schützenkönigpaares
- 18. September: Kunsthandwerkermarkt und Frohnauer Gesundheitstag
- 4. und 5. Dezember: Kunsthandwerklicher Weihnachtsmarkt
- 31. Dezember: Silvester- und Abschlusskonzert in der Johanneskirche
Archiv:
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2008
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 2/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 3/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 4/2009
- Archivbeiträge der Ausgabe 1/2010





















