Eine Frau und viele Filme
Archiv der Ausgabe 1 | 22. Jahrgang | Frühjahr 2009
- Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin vom Medienboard Berlin-Brandenburg
Ob „Der Vorleser“ oder „Wolke 9“ – an ihr kommt fast keine Produktion vorbei: Kirsten Niehuus, die oberste Filmförderin der Region. Die Filmemacher haben die Ideen, und sie hat das Geld. Kirsten Niehuus ist neben Petra Müller eine der beiden Geschäftsführerinnen der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH und verantwortlich für die Filmförderung der Region. Jürgen H. Blunck und Gerald Backhaus trafen sie in der Astor Film-Lounge am Kurfürstendamm. Autor Gerald Backhaus
Ihr Lieblingsfilm 2008 war „Darjeeling Limited“. Und ganz aktuell? „Ich bin total begeistert vom ‚Vorleser‘. Der ist extrem gelungen. Und mir gefallen die großen deutschen Filme wie ‚Hilde‘, ‚Effi Briest‘ und ‚John Rabe‘, und natürlich ‚Waltz with Bashir‘, einer unserer Filme bei den Oscars“. Die Frage, ob sie Filme überhaupt unbeschwert genießen kann, wenn sie sich vorher durch meterdicke Drehbücher und Anträge arbeiten muss und beim Betrachten des Endprodukts dann genau weiß, das hat soundsoviel gekostet, bejaht sie sofort. Kirsten Niehuus empfindet sich als Paradebeispiel der „Nicht-Entfremdung vom Arbeitsplatz“. Sie geht auch spontan mit Freunden ins Kino und kann umschalten. „Für mich ist es ein kleines Wunder, wie ein Film entsteht, ich habe ja keinen filmtechnischen Hintergrund.“ Die Juristin, die schon als Teenager gern ins Kino ging, hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Nach ihrem Jurastudium arbeitete die gebürtige Hamburgerin unter anderem als Justiziarin bei einer Filmproduktionsfirma und bei der Bundesfilmförderung. Wenn ein Film gut ist und einen in seine Welt zieht, dann geht sie sofort mit. „Nur bei schlechten Filmen fragt man sich, wo das Geld geblieben ist. Was natürlich bei Filmen, die von uns gefördert wurden, nicht passiert“, ergänzt sie lachend.
2009 – Klappe für Jerry Cotton, Dinosaurier und Goethe!
Kirsten Niehuus’ Medienboard fördert Filme in verschiedenen Entwicklungsstufen: vom Drehbuch bis zum Verleih fertiger Filme. Das meiste Geld aber geht in die Produktion. In seiner ersten diesjährigen Förderrunde hat das Medienboard 38 Projekten rund 5 Millionen Euro zugesagt. Produktionsförderung erhält unter anderem „Die kommenden Tage“, ein Film über die mögliche Entwicklung der Welt in den nächsten zwanzig Jahren. Mit der Rat Pack Filmproduktion kommt „Jerry Cotton“ nach Berlin-Brandenburg. Leander Haußmanns neue Komödie „Dinosaurier“ erhält Geld vom Medienboard, genauso wie die Filme „Goethe!“ von „Nordwand“-Regisseur Philipp Stölzl und „Simon“ nach dem Bestseller von Marianne Fredriksson, mit Jan Josef Liefers und Maria Schrader in den Hauptrollen. Die Bedingungen für eine Förderung fasst Kirsten Niehuus kurz zusammen: Nur Profis können Anträge stellen, und ein Bezug zur Region muss da sein. Letzteres bedeutet, dass in Berlin und Brandenburg gedreht wird oder dass es eine thematische Verbindung zur Region gibt. Aber auch spannende internationale Projekte wie „Waltz with Bashir“ von Firmen aus der Region werden gefördert.
Jeder Förder-Euro generiert fünf Euro
Die Herrin über rund 29 Millionen Euro pro Jahr betont mehrere Aspekte ihrer Arbeit. Dass der Fördertopf in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist, komme nicht daher, dass ihr die Türen eingerannt werden. Sie selbst ermutigt Politiker und Sender, sich zu beteiligen. Dabei hat sie ein schlagendes Argument: Erfolgreiche Filme aus der Region sind gut investiertes Geld. Niehuus kann auf den steigenden Regionaleffekt verweisen, so der Name für den Hebeleffekt, den jeder Fördereuro auslöst. Aktuell generiert jeder Euro in der Filmproduktion fünf Euro an Einnahmen. Film ist also nicht nur ein künstlerisches Gut, sondern ein wesent licher Wirtschaftsfaktor für die Region. Bei der Verteilung der Gelder versucht sie unter anderem, dem filmischen Nachwuchs gerecht zu werden und Antworten auf Fragen zu finden wie: Wo ist der Film, der das ganz besondere künstlerische Element hat und auf Festivals reüssieren kann?
An der Kinokasse erfolgreiche Streifen, wie „Keinohrhasen“ mit über sechs Millionen Besuchern, „Die Welle“ und auch „Kirschblüten“, zahlen ihre Fördergelder zurück. So fließen knapp 15 Prozent der ausgereichten Gelder zurück. Aber auch ein vergleichsweise günstig produzierter Film wie Dresens „Wolke 9“ kann schon mit rund 500.000 Kinobesuchern und DVD-Verkauf über die Rückzahlungsschwelle kommen. Das Medienboard hilft Filmproduktionen nicht nur finanziell, sondern auch bei der Drehortwahl. Hilfreich sind dabei die Behörden in Berlin und Brandenburg. Bei einem riesigen logis tischen Akt wie der Sperrung der Bismarckstraße für die Dreh arbeiten zu „Der Baader Meinhof Komplex“ zum Beispiel vermittelt das Medien board zwischen Filmproduktion und Ämtern.
Glamour am Potsdamer Platz
Die diesjährige Berlinale hat Kirsten Niehuus wieder genutzt, um Kooperationen anzukurbeln, zum Beispiel innerhalb des Hauptstädte-Netzwerks „Capital Regions for Cinema“, in dem neben Berlin Rom, Madrid und Paris mit im Boot sind. Außerdem waren Filmschaffende aus Israel als Medienboard-Gäste zu Besuch auf der Berlinale. Als ein Berlinale-Höhepunkt veranstaltete das Medienboard wie schon in den vergangenen Jahren einen traditionellen Empfang, Details dazu auf der folgenden Seite.
Wer kreativ arbeitet, kommt nach Berlin
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall hat sich die Stadt als eine der wichtigsten Kreativmetropolen Europas etabliert. Woran das liegt, und wie es weitergehen wird? „Die anderen sind so teuer in den Lebenshaltungskosten, und Berlin ist so günstig“, führt Niehuus als erstes an. Sie preist die hier vorhandene sehr leben dige Melange aus denen, die es schon geschafft haben, und denen, die den Spaß in die Landschaft bringen.
Geld für strukturelle Wirtschaftsförderung
Was die Zukunft der Filmförderung angeht, da hat Kirsten Niehuus einen großen Wunsch. Da „Film dahin geht, wo Geld ist“, würde sie sich freuen, mehr Geld zur Verfügung zu haben: „Damit könnte man mehr strukturell fördern, also große Firmen anziehen und dauerhaft hier behalten, also nicht nur ein oder zwei Höhepunkte pro Jahr schaffen“. Das wäre wichtig, um den großen Standortvorteil, die kreative Atmosphäre, zu untermauern. „Um zu einer strukturellen Wirtschaftsförderung zu kommen, bräuchte ich etwa 35 Millionen Euro pro Jahr.“ Als Argumentationshilfe dienen ihr, wenn sie Überzeugungsarbeit bei Wowereit und Platzeck leistet, die vielen Medienboard-Erfolge.
Für die Filmwelt sind Berlin und Brandenburg längst zusammengewachsen
In ihrer Institution sind die Filmförderungen von Berlin und Brandenburg aufgegangen. „Alles andere wäre völlig unsinnig gewesen“, so Niehuus, „eine Trennung wäre künstlich. Die Ländergrenzen nimmt in der Filmbranche keiner mehr wahr, sie sind fließend. Viele Filme, die in Berlin gedreht werden, gehen auch ins Umland. Und Babelsberger Studioproduktionen wie ‚Operation Walküre‘ oder ‚Der Vorleser‘ haben reale Sets in Berlin“. In Brandenburg hat man inzwischen realisiert, dass es weit ausstrahlt in die Region, wenn Christian Petzold in der Prignitz dreht oder der Stauffenberg-Tross nach Groß Köris zieht. „Berlin braucht Brandenburg als Umland, und Brandenburg braucht Berlin als Großstadt“. Die Nähe ihrer beiden Städte – die alte Heimat Hamburg und die neue Heimat Berlin – findet Filmförderin Niehuus natürlich sehr gut. Beide Metropolen haben in ihren Augen viel Gutes: Sie liebt an Hamburg die Nähe zum Meer und schätzt an Berlin die Offenheit und Durchlässigkeit der Gesellschaft. Ihr Ersatz-Meer in Berlin hat sie gefunden. Die Freizeitkapitänin schippert „schön mit dem Motorboot über’n Wannsee, wie jeder anständige Berliner“. Das ist neben Pilates und – logisch – Kino eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen. „Da kann man gucken, ob man Brad Pitt und Angelina Jolie vom Wasser aus entdecken kann.“
www.medienboard.de + www.astor-filmlounge.de
Kirsten Niehuus
Die Hamburgerin studierte Jura und hat die Befähigung zum Richteramt. Während ihres Referendariats absolvierte sie eine Station bei der Filmförderanstalt FFA. Später war sie Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Urheber- und Medienrecht. Danach wurde sie Justitiarin der FFA, bevor sie zu Senator Film wechselte. 1999 kehrte sie zurück zur FFA und war dort bis 2004 Stellvertretender Vorstand. Nach ihrer Zeit als Vizepräsidentin von Eurimages, dem Europäischen Fonds zur Unterstützung von Gemeinschaftsproduktionen und der Verbreitung von Kino- und Fernsehfilmen, kam sie 2004 zur Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, deren Geschäftsführerin für den Bereich Filmförderung sie seitdem ist.
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