Ein Koch und zwei Cocker
- von Uwe Lehmann
Seit April dieses Jahres steht Matthias Diether als Küchenchef am Herd des Gourmet-Restaurants „first floor“ im Hotel Palace. Der 35-Jährige trat die Nachfolge von Matthias Buchholz an. Wie dieser, der mit dem „first floor“ einen Michelin-Stern und 17 Punkte im Gault Millau erkochte, konnte auch Matthias Diether einen der begehrten Sterne im Guide Michelin auf seiner vorherigen Station im Töpferhaus in Alt Duvenstedt (Schleswig-Holstein) erringen.
Der eine zieht und zerrt, der andere flitzt irgendwo durch die Gegend. Matthias Diether hat ganz schön zu tun, um seine beiden Cocker-Spaniel-Rüden an diesem Samstagmorgen auf dem Markt am Karl-August-Platz in Charlottenburg unter Kontrolle zu halten. Der, der zieht, ist der schwarzweiße Sestak, der freche Flitzer der braune Charlie.

Matthias Diether, Foto: Oliver Wia
„Wenn ich nicht arbeite, habe ich die beiden eigentlich immer um mich herum“, erzählt Matthias Diether, „sie halten mich auf Trab und reißen mich mit, wenn ich auf der faulen Haut liegen will.“ Allzu viel Zeit bleibt ihm dafür bei seinem anstrengen Job allerdings nicht. Tagsüber werden die beiden Hunde von einem Hundeservice versorgt und ausgeführt, für ihn bleiben die frühen Morgen- und die späten Abendstunden. Inzwischen haben sich Hunde wie Herrchen an das Dasein in Berlin gewöhnt und leben in einer Art glücklicher Männer-WG zusammen. Sestak müsse immer die ganze Zeit gekrault und gestreichelt werden, Charlie führe hingegen eher ein Eigenleben. „In den ersten zwei, drei Tagen haben sie mir noch eine Rattan-Couch komplett zerlegt“, schmunzelt der Küchenchef, „aber inzwischen funktioniert es prima mit uns in unserer Charlottenburger Wohnung.“
Die Wohngemeinschaft mit zwei Cocker-Rüden ist natürlich nicht Diethers erste Wahl, denn der Sternekoch ist verheiratet und führt derzeit zu seinem Bedauern nur eine Fernbeziehung. André, seine Frau, ist Schottin, lebt in Edinburgh und ist im Bankgeschäft tätig. Kennengelernt haben sie sich bei seinem zwischenzeitlichen Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo er als Chef de Cuisine in verschiedenen Restaurants arbeitete und 2006 vom Times Journal zum „Aufsteiger des Jahres Mittlerer Osten“ gekürt wurde. „Im Moment kann meine Frau unglücklicherweise nur etwa alle zwei Wochen zu Besuch nach Berlin kommen und oft auch nur für einen Tag“, schildert Diether die schwierige Situation.
Im Moment ordnet er dem Job fast alles unter, denn besonders die Anfangssituation in einem neuen Restaurant ist sehr arbeitsintensiv. Dabei ist der Neuanfang in der Hauptstadt auch eine Rückkehr. „Ich bin in Berlin-Neukölln geboren“, erzählt der 35-Jährige, „und im Alter von zwei Jahren mit meinen Eltern, die dort eine Zuschneiderei besaßen, in den Stuttgarter Raum gezogen.“ Schon früh war Koch sein Traumberuf, hat er in der Kochschule seines Onkels Peter Fuchs gejobbt. In Berlin möchte er nun länger bleiben – „meine Zeit im Ausland ist vorbei“, so Diether – und dann bald auch mehr von seiner alten, neuen Heimatstadt sehen. „Für Privates bleibt kaum Zeit, dabei würde ich gerne mal wieder öfter Rad fahren“, sagt der Sternekoch, „am ersten freien Tag wird fast nur geschlafen, am zweiten gehe ich gerne mal essen oder zu einer Veranstaltung beispielsweise in der O2 World.“ Während der Fußball-Weltmeisterschaft versucht der Fußball-Fan zudem, so viele Spiele wie möglich zu sehen.
Beim Essen gehen ist Diether flexibel, wenn die Qualität stimmt. „Ich habe noch kein Lieblingsrestaurant in der Stadt, ich esse genauso gerne mexikanisch wie spanisch oder deutschbürgerlich oder was gerade so passt.“ Aus seiner Karte im „first floor“ hält er im Übrigen asiatische oder arabische Einflüsse bewusst heraus. Wer dort nicht mehrere Jahre gelebt und die dortigen Küchen verinnerlicht habe, um deren „message“ und „feeling“ herauskitzeln zu können, hätte es schwer, so Diether. „Wenn ich es nicht perfekt machen kann, lass’ ich es lieber ganz“, so seine Philosophie. Auch die Restaurants seiner Sternekoch- Kollegen in der Spree-Metropole hat er noch nicht alle abgeklappert. „Ich kenne Danijel Kresovic aus dem Restaurant 44 gut und Michael Kempf aus dem Facil“, erzählt Diether, „mit Michael habe ich sogar während unserer gemeinsamen Zeit bei Dieter Müller zusammen gewohnt.“ Im Prinzip sei die Gourmandis eine kleine, überschaubare Szene.
Im Sommer wird übrigens das „first floor“ einem Lifting unterzogen und nach der Sommerpause in neuem Glanz erstrahlen. „Es macht Spaß, gleich bei so einer Umgestaltung mitwirken zu können“, freut sich der 35-Jährige, „und z. B. das Geschirr auszusuchen, auf dem man den Gästen seine Gerichte präsentiert.“
Privat stellt sich Matthias Diether so gut wie nie an den Herd, auch nicht für Freunde: „Zu Hause mache ich mir am liebsten eine anständige Brotzeit mit gutem Brot, Wurst und Käse.“ Richtig kochen koste ihn mit Einkaufen, Vorbereiten und Aufräumen vier bis sechs Stunden. Zeit, die er kaum habe und dann lieber mit seinen Hunden verbringe. Daher tätigt er auch auf dem samstäglichen Markt auf dem Karl-August-Platz nicht allzu viele Einkäufe, guckt eher interessiert mal hier, mal da und hat genug damit zu tun, seine beiden Cocker unter Kontrolle zu halten. Auch der Austern- und der Matjes-Stand können ihn zur frühen Vormittagsstunde noch nicht reizen. Nur bei einer Sache schlägt Diether regelmäßig richtig zu. „Ich bin ein absoluter Obst-Junkie“, betont der Küchenchef, „und habe immer den Kühlschrank voller Früchte, das ist für mich ganz wichtig.“
www.firstfloor.palace.de
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