Echt spacig: Privat-Trip ins All
Archiv der Ausgabe 3 | 21. Jahrgang | Herbst 2008
- Das Ja-Wort auf einer Spritztour in den Weltraum
Spock an Captain Kirk: „Wollen Sie mich heiraten?“
Kirk runzelt die Stirn.
Spock: „Sie haben zu lange überlegt! Game over.“
Unglaublich, aber wahr: Jetzt kann man im Weltraum heiraten. Hochzeiten während eines Fluges ins All, den die Münchner Firma „Designreisen“ und ihr schweizerisches Pendant „Deluxe Targets“ für Privatpersonen anbieten, unterliegen den Gesetzen des US-Bundesstaates New Mexiko und sind grundsätzlich möglich. Noch hat sich kein Paar getraut, also könnten Sie die Ersten sein, die sich im Weltraum das Ja-Wort geben. Unter zwei Bedingungen: Da wären einmal das nötige Kleingeld und noch etwa ein bis zwei Jahre Geduld.
Fotos: www.virgingalactic.comDie Fluggesellschaft „Virgin Galactic“ des britischen Milliardärs Sir Richard Branson ist weltweit der erste Anbieter von Weltraumreisen für Privatpersonen. Branson erfüllt nicht nur sich selber damit einen Traum: Ab 2010 kann jeder, der das Geld dafür übrig hat, einen Kurzurlaub im Weltall verbringen. „Virgin Galactic“ bietet für einen Preis – die Angaben schwanken aktuell – zwischen 123.000 und 136.000 Euro pro Person einen zweieinhalb Stunden dauernden Ausflug ins All an. Höhepunkt der Spritztouren sind fünf Minuten Schwerelosigkeit. Er und seine Familie werden die ersten Passagiere sein, die mit dem Raumschiff „Space Ship Two“ ins Weltall abheben. Richard Branson wurde bekannt mit seinem Plattenverlag „Virgin“ und der gleichnamigen Fluglinie. Neben seinem Mitstreiter Burt Rutan, dem legendären Konstrukteur, hat er den Microsoft-Mitbegründer Paul Allen als Teilhaber an Bord seiner Weltraum-Fluglinie geholt.
Fünf Minuten Schwerelosigkeit mit „Virgin Galactic“
Laut der Reisevermittlungsfirma „Deluxe Targets“, die Weltall-Trips mit „Virgin Galactic“ in der Schweiz anbietet, haben sich weltweit bereits um die 250 Personen für einen Flug ins All fest angemeldet. Dazu gehört auch Sonja Rohde, die als erste deutsche Frau in den Orbit starten will. Sie buchte direkt bei „Virgin Galactic“, da sie Sir Richard Branson bei einer Safari persönlich kennen gelernt hatte, teilte die Münchner Firma „Designreisen“ mit. Das Unternehmen ist der einzige Reiseveranstalter in Deutschland, der mit „Virgin Galactic“ Flüge ins All anbietet. „Designreisen“ vermittelt auch Zentrifugentraining bei „NASTAR“ und Parabelflüge mit „Zero G“ in den USA. Jeweils fünf Personen aus Deutschland und der Schweiz sind unter den Vorbuchern – neben Sonja Rohde der Vermögensverwalter Peter Ulrich von May, der als einer der ersten ins All reisen wird. Gegenüber der Schweizer Zeitung „SonntagsBlick“ gab er zu, dass 200.000 Franken viel Geld sind. Aber er sei mit 63 „nicht mehr der Jüngste“ und möchte das gern erleben.
In New York hat Richard Branson Anfang des Jahres das Modell seines Raumschiffs „Space Ship Two“ (SS2) präsentiert. Es ist der Nachfolger von „Space Ship One“, mit welchem bereits drei erfolgreiche Testflüge ins Weltall absolviert wurden. Im Juli hatte Branson in der kalifornischen Mojave-Wüste das viermotorige Trägerflugzeug „White Knight Two“ (WK2) vorgestellt. Dieses weiß schimmernde Luftschiff mit doppeltem Rumpf taufte er nach seiner Mutter auf den Namen „Eve“. „Das Rollout von White Knight Two ist ein weiterer Meilenstein im Weltraumtourismus“, so Marion Aliabadi, Geschäftsführerin von „Designreisen“, die auch an einem Training teilnehmen durfte, das bisher allein Astronauten vorbehalten war. Eine beeindruckende Erfahrung, so Aliabadi: „Der Flug in der Zentrifuge ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Durch das Training in Philadelphia wurde mir klar, dass ich eines Tages selber ins All fliegen möchte.“
Das Trägerflugzeug soll das Raumschiff „SpaceShipTwo“ unter seine Tragfläche schnallen und im Spiralflug in rund 16 Kilometer Höhe transportieren. Dort wird die Fracht abgekoppelt. SS2 zündet seinen Raketenantrieb und katapultiert sich samt seinen Passagieren mit mehr als dreifacher Schallgeschwindigkeit auf etwa 110 Kilometer Höhe. Dort, an der Grenze zum Weltall, soll man ein paar Minuten Schwerelosigkeit erleben, bevor das Raumschiff zurück in Richtung Erde fällt und wie ein Segelflieger landet.
Astronaut kann (fast) jeder werden

Der eigentliche Weltraum beginnt offiziell 100 Kilometer über der Erde. Passagiere dürfen sich nach einem Weltraum-Kurztrip also allen Ernstes „Astronauten“ nennen. Jeder Passagier bekommt ein entsprechendes Zertifikat von Bransons Weltraum-Fluggesellschaft „Virgin Galactic“. Das 18 Meter lange Raumschiff „SpaceShipTwo“ ist nicht ganz die „Enterprise“ von Kirk, Spock, Scotty, Sulu, Uhura & Co. Die Karbon-Konstruktion bietet aber immerhin Platz für sechs Passagiere und zwei Piloten. Auch das Trägerflugzeug ist ganz aus Kohlefaser gefertigt, einem besonders leichten und dennoch sehr belastbaren Verbundmaterial. Der Tragflächenholm des WK2 soll mit seiner Spannweite von 42 Metern das längste Einzelteil sein, das in der Luftfahrt je aus Karbon hergestellt wurde.
Erhöhter Blutdruck kann das Aus bedeuten
Sir Richard Branson; Foto: www.designreisen.deJeder, der Hobby-Astronaut oder -Kosmonaut werden möchte, muss nach seiner Flugbuchung zum Arzt. Verläuft der Gesundheitscheck positiv, stehen noch ein Weltraumtraining sowie intensive Untersuchungen vor dem Abflug an. Das ganze Ereignis dauert drei bis vier Tage: vom Eintreffen im „Spacecenter America“ im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico über Training und Checks bis zum Flug. Die medizinischen Tests verraten bis ins Detail den körperlichen Zustand des Passagiers vor dem Flug, damit eventuelle Abweichungen von der Erstprüfung erkannt werden. Dadurch wird eine Gesundheitsgefährdung während des Fluges ausgeschlossen. Jung und kerngesund muss man für den Ausflug ins All nicht zwangsläufig sein. Laut „Virgin Galactic“ wurden bereits mehrere hundert Menschen auf ihre Eignung für einen Flug ins All getestet. Darunter seien ein 78-Jähriger, starke Raucher, Frauen mit Silikonimplantaten und Diabetiker gewesen. Alle hätten bestanden. Für fluguntauglich erklärt wurden dagegen einige Testpersonen mit erhöhtem Blutdruck.
Wer durch die Tests kommt und sich ins All katapultieren lässt, erhält danach eine DVD, die den gesamten Flug dokumentiert. So kann man auch Jahre später das galaktische Abenteuer Revue passieren lassen.
Was den Umweltschutz angeht, beruhigt „Virgin Galactic“: Das Raumschiff sei so energiesparend wie bisher kein Flugzeug. Der CO2-Ausstoß pro Passagier soll bei einem Weltraum-Flug etwa dem eines Fluges von Zürich nach New York in der Business-Class entsprechen.
Die Konkurrenz schläft nicht: Mondflüge mit „Space Adventures“
Die Flüge mit „Virgin Galactic“ werden echte Schnäppchen sein. Jedenfalls, wenn man sie mit den Preisen vergleicht, die die Konkurrenz aufruft. Beispiel „Space Adventures“: Das ist die erste Firma, die schon normale Menschen, also keine Berufs-Astronauten, ins Weltall gebracht hat. Zusammen mit der russischen Raumfahrtbehörde wurden einige Zahlungskräftige, darunter der Millionär Dennis Tito, für ein paar Tage auf die Internationale Raumstation ISS gebracht. 20 Millionen Dollar hat das den Mann gekostet. Für schlappe 100 Millionen Dollar will „Space Adventures“ schon kommerzielle Flüge auf den Mond anbieten.
Christoph Berner und Marion Aliabadi; Foto: www.designreisen.deNeu auf dem Weltraum-Markt ist das kalifornische Unternehmen „Xcor“. Mit einem Zweisitzer in Privatflugzeug-Dimensionen sollen ab 2010 ein Pilot und ein Passagier bis in etwa 60 Kilometer Höhe fliegen und 90 Sekunden Schwerelosigkeit erleben können. „Lynx“ heißt das von Raketen betriebene Weltraumgefährt. Geplant sind mehrere Starts pro Tag. Der Preis für ein Weltraumabenteuer mit „Lynx“ soll nur ungefähr halb so viel betragen wie mit Bransons „Virgin Galactic“, also deutlich unter 100.000 Euro liegen.
In Zukunft werden Weltallflüge also etwas fast Alltägliches? Im ersten Betriebsjahr plant Bransons „Virgin Galactic“ einen Flug pro Woche. Mit seinen bestellten fünf Raumschiffen und zwei Trägerflugzeugen möchte er ab dem dritten Flugjahr täglich Abflüge ins All anbieten. Und Branson denkt weiter. Er sieht praktische Anwendungen für seine Technik und plant Flüge von London nach Sydney mit einer Reisedauer von einer halben Stunde. Zum Vergleich erinnere man sich an die Concorde-Flüge: Ihr Rekord für die Strecke von New York nach London lag unter sagenhaften drei Stunden. Der Absturz einer Maschine im Jahr 2000 beim Start auf dem Pariser Flughafen „Charles de Gaulle“, bei dem ein Reifen von einem auf der Startbahn liegenden Metallteil zerfetzt wurde, besiegelte allerdings die Erfolgsgeschichte dieses Schnell-Fliegers. Die letzten Concorde-Flüge fanden 2003 statt. Ob Richard Bransons Raumschiffe wirklich in eineinhalb Jahren starten können, ist nicht sicher. Umfangreiche Tests stehen noch aus, und das eigentliche Raumschiff soll angeblich erst zu 70 Prozent fertig sein. Ein Ticket kann man sich aber bereits heute sichern. Man muss ja nicht gleich das ganze Raumschiff mieten und dort oben heiraten. gb
www.virgingalactic.com, www.xcot.com + www.spaceadventures.com
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